Das Peloton stürmt wie eine surrende Büffelherde über den Zielstrich. Das Absperrband und die Blätter der Bäume flattern im Luftsog der Fahrer, deren Radcomputer an dieser Stelle der Strecke über 60 Kilometer pro Stunde anzeigen können. So schnell wie die Herde gekommen ist, verschwindet sie wieder hinter der nächsten Kurve.
Für die wenigen Zuschauer ist das nicht dramatisch. Fast minütlich rasen die Fahrer an ihnen vorbei. Die Münchner Donnerstagsrennen, deren Finale an diesem Samstag ausgetragen wird, sind ein Kriterium. Die Rennradler bestreiten den 1,5 Kilometer langen Rundkurs für eine vorgegebene Dauer. In jeder dritten Runde gibt es zudem einen Zwischensprint. Wer dabei die meisten Punkte sammelt, gewinnt. Seit 2019 gibt es die Rennserie, immer an Donnerstagen zwischen Mai und Juli kommen Rennradfahrer nach München-Fröttmaning. Direkt neben der Arena drehen sie ihre Runden.
213 Fahrer sind heute angemeldet. Darüber, in welchem der vier Rennen sie starten, entscheidet das Alter, ob die Fahrer eine Rennlizenz haben und wie sie ihre Leistung einschätzen. Von U11 bis Senioren, mit oder ohne Verein, Hobby oder Elite-Amateur. Jeder findet das passende Rennen und die Wertung, in der er teilnehmen möchte. Die Starter kommen überwiegend aus Oberbayern, doch stehen auf dem Parkplatz auch Vereinsfahrzeuge aus Innsbruck oder Frankfurt am Main.
Mitorganisator Roland Pauli ist froh über die wachsenden Teilnehmerzahlen. „Als wir 2021 so richtig mit den Rennen losgelegt haben, sind etwa 150 Fahrer an den Start gegangen. Mittlerweile sind es an guten Tagen fast doppelt so viele.“ Dafür macht er auch die vielen neuen Rennrad-Enthusiasten verantwortlich. „Es gibt einen richtig erfreulichen Rennradboom. An einem so schönen Tag wie heute, da surrt es rund um München“, sagt er und lächelt.
So sieht das auch Maximilian Reiß, Mitgründer von Bici Bavarese, einem Rennrad- und Gravelbikeladen in München. „An unseren Verkaufszahlen kann man deutlich einen Boom erkennen. Vor allem wie viele Kunden sich zum ersten Mal ein Rennrad kaufen ist beachtlich“, sagt er.
Die Munich Bike Stars wollen eine Brücke zwischen privaten Radrennfahrern und Vereinen bauen
Neben den Verkäufen gebe es außerdem immer mehr sogenannte Social-Rides, also gemeinsame Ausfahrten von losen Rennradgruppen. „Vor der Pandemie waren wir mit einem anderen Fahrradladen in München die Einzigen, die regelmäßig Treffpunkt für Ausfahrten gewesen sind“, sagt Reiß. Jetzt veranstalteten die Läden angesagter Radbekleidung oder große Sportgeschäfte gezielt solche Events – als Marketingmaßnahme.
„Schicke Lifestyle-Marken tragen auch zum Hype bei“, sagt Reiß. Im angesagten Café zu sitzen und nach einer Ausfahrt ein Foto von seinem Jersey und der Latte-Art zu posten, sei beliebt, sagt er. „Vielen geht es nicht darum, einem Verein beizutreten, sondern gemeinsam mit Freunden, Bekannten und zukünftigen Dates zu fahren.“
Hinter den Munich Bike Stars, dem Veranstalter der Donnerstagsrennen, stehen neben dem Bayern Rundfahrt e. V. auch einige Münchner Radsportvereine. „Wir wollen eine Brücke bilden zwischen diesen freien Gruppen und den Vereinen“, sagt Roland Pauli. Bisher bekämen einige Vereine nichts von dem Rennradboom mit. Die Mitgliederzahlen stiegen teils nicht proportional mit der Beliebtheit des Sports, sagt er. Deshalb gebe es immer auch ein Hobbyrennen, bei dem Fahrer ohne Rennlizenz antreten, für die sie einen Verein bräuchten – sonst häufig eine Voraussetzung, um teilzunehmen.

An diesem Samstag gewinnt Valentin Hoffmann das Hobbyrennen. Es sei die erste Saison, in der er Rennen fährt, sagt er. „Es gibt nichts Besseres, als mit Freunden auf so einem abgesperrten Kurs zu fahren.“ Er habe zwar noch keine Lizenz, dafür aber einen Rennclub: Schranz 04 Racing. Der junge Münchner Verein ist ein Bindeglied zwischen dem Rennrad-Lifestyle und der Vereinskultur, inklusive Rennen.
Silviu Slavu, Präsident von Schranz 04 Racing, drückt es so aus: „Wir verbinden Tradition mit Moderne.“ Den Verein gibt es seit 2023. Nur Gruppenausfahrten zu veranstalten, sei keine Option gewesen. „Viele von uns haben einen Background im Rennsport“, sagt Slavu. Deshalb mussten Rennlizenzen her. In bestehende Vereine eintreten, wollten sie nicht – auch aus ästhetischen Gründen: „Dann hätten wir deren Trikots tragen müssen.“ Stattdessen gründeten sie selbst und designen ihre eigenen Trikots: Weiß mit roter Schrift. Wofür das 04 im Namen stehe? „Klingt halt gut“, sagt der Vereinspräsident.
Neben Trainings- und sogenannten „Genussfahrten“ veranstalten sie Stammtische, sind sehr präsent in den sozialen Medien. So sprächen sie besonders junge Menschen an, sagt Slavu. Deshalb und weil sie Kontakte in die Industrie hätten, statten namhafte Sponsoren das Team aus. Wie die Traditionsclubs beteiligt sich auch Schranz 04 Racing an der Organisation der Donnerstagsrennen und stellt Gewinne für die Sieger bereit.
Nach dem letzten Rennen fallen Fahrer erschöpft ins Gras vor dem Siegerpodest. Sie besprechen, wie das Rennen gelaufen ist, lassen sich Wasser über die roten Köpfe laufen. Es war das letzte Rennen der diesjährigen Serie. Während auf dem Treppchen noch die Sieger geehrt werden, packen einige schon zusammen. „Bis nächstes Jahr“, ruft einer und rollt auf seinem Rennrad davon.

