Vielleicht hat tatsächlich vieles hier seinen Anfang genommen: in jenen unbeschwerten Augusttagen 2022 im Münchner Olympiastadion. Als die Münchner 800-Meter-Läuferin Christina Hering ihr Heimspiel kitschig unter einem Regenbogen beendete; als der Münchner Hochspringer Tobias Potye in einem denkwürdigen Wettkampf im Gewitterregen Silber erstritt; als sich das Publikum an sieben Leichtathletik-Goldmedaillen im Rahmen der European Championships berauschte – und dabei nicht zuletzt an sich selbst: Ja, es war tatsächlich gelungen, 50 Jahre nach den Olympischen Spielen, unter diesem altehrwürdigen Zeltdach zumindest wieder eine Stimmung zu entfachen, die allemal olympiareif war. Mit Leichtathletik in einer Fußballstadt.
Es ist daraus nun etwas sehr Technokratisches erwachsen: ein Vierkampf zwischen Hamburg, Berlin, Rhein-Ruhr und München um eine deutsche Olympiabewerbung für 2036, 2040 oder 2044, eingefasst in eine komplizierte Matrix, die etwas Objektivität bei der Auswahl gewährleisten soll. Wer das tosende, vor Emotionen fast berstende Olympiastadion damals erlebt hat, dürfte vom bislang größten Trumpf der Münchner Bewerbung nicht allzu überrascht sein, nämlich dem breiten (und Jahre zuvor wohl undenkbaren) Rückhalt in der Bevölkerung. Deutlich überraschender ist hingegen der Zustand, in dem sich die Münchner Leichtathletik zurzeit präsentiert, zumindest aus Sicht der LG Stadtwerke, die diese Sportart hier seit Jahren repräsentiert. Denn ihr laufen ausgerechnet jetzt in beträchtlicher Zahl die besten Athleten davon.
Am Tag vor Nikolaus ist die LG, ein Zusammenschluss von zehn Münchner Leichtathletiksparten, damit selbst an die Öffentlichkeit gegangen. Sie plädierte in einer Mitteilung für „langfristige Strukturen“ statt „kurzfristiger Projekte“, und man konnte das als eine Art Hilferuf eines Vereinsverbunds verstehen, der um seine Bedeutung bangt. Auslöser ist die Vielzahl von Athleten, die der LG zum Jahreswechsel den Rücken kehren – die allerdings, das ist Teil der Wahrheit, nicht etwa München verlassen, sondern sich den Munich Athletics anschließen, einem neuen Ableger der im Franchise-Prinzip aufgebauten Germany Athletics. Die hat der ehemalige Hammerwerfer Claus Dethloff in inzwischen zwölf deutschen Städten ausgerollt.
Ganz unvorbereitet traf die LG Stadtwerke diese neue Konkurrenz nicht, die Gründung war auch vor einem Jahr schon geplant gewesen. Schon damals waren drei Hochspringer um Potye und der Sprinter Yannick Wolf zu Germany Athletics gewechselt und hatten sich an anderen Standorten parken lassen. Nun ziehen sie zu Munich Athletics weiter – und treffen dort auf Weggefährten. Nicht alle, die die LG Stadtwerke zum Jahresende verlassen, wechseln zur neuen Konkurrenz. Den Sprinter Aleksandar Askovic etwa zieht es zu Bayer Leverkusen, und Merlin Hummel, der WM-Zweite im Hammerwurf, wechselt nach einem Zerwürfnis mit seinem Trainer zu Eintracht Frankfurt. Und längst nicht alle, die Munich Athletics nun aufnimmt, kommen von der LG Stadtwerke, es sind gut ein Dutzend von „knapp 30“, die Dethloff vermeldet. Aber die Tendenz ist klar: Das alteingesessene Vereinsbündnis verliert die stärksten Athletinnen und Athleten, während sich Germany Athletics vor Zulauf kaum retten kann.
LG-Präsident Jacob Minah klingt einigermaßen erschüttert ob der Vielzahl der Weggänge. „Es tut schon weh“, sagt er. Dass es gleich ganze Trainingsgruppen erwische, im Sprint vor allem den weiblichen Bereich um Daryl Ndasi, dazu den einstigen deutschen U-20-Hallenmeister Fabian Olbert und weitere Mitglieder der Hochsprunggruppe, damit habe er „nicht gerechnet“. Minah wirft Germany Athletics die Art der Abwerbung vor, auf die Besten zuzugehen und sich als „effizienter“ als die LG darzustellen. Dabei sei es einfach, wenn man sich nur auf einen kleinen Kreis von Topathleten konzentriere, ohne all die Sichtung und Breitenförderung übernehmen zu müssen, die seine Vereine leisteten.
Dethloff wiederum versichert, niemanden aktiv angesprochen zu haben. Er habe viele Anfragen erhalten. Und weil er in jedem seiner Ableger bislang der erste Vorsitzende sei, habe er auch gar keine Zeit, nebenbei selbst Talente anzusprechen. Der Bedarf sei einfach dagewesen.
„Wir müssen die Bühne größer und bunter machen“, fordert Dethloff
Dethloff will frischen Wind in die Szene bringen, und seine Ideen sind stark auf die Aktiven gerichtet, weniger auf Strukturen: mehr Wertschätzung, mehr finanzielle Sicherheit durch monatliche Zuwendungen plus Prämien, besseres Marketing. Die Sportart definiere sich zu sehr über internationale Medaillen, statt zum Beispiel die Wettkampfkultur hierzulande zu hinterfragen, neue Formate in höherer Frequenz anzubieten, attraktivere Meetings, oder ein Ligasystem, wie er es aufbauen will. Wenn der Saisonhöhepunkt eine deutsche Meisterschaft sei, könne das niemanden motivieren. „Wir müssen die Bühne größer und bunter machen“, sagt er. Und dazu wolle er keine Verwaltungsapparate schaffen mit seinem Franchise, sondern eher viele „Start-ups“. Weil der Unternehmer eine Menge Eigenkapital in das Projekt steckt, funktioniert das bislang. Ob die Zuversicht des 57-Jährigen gerechtfertigt ist, dass sich all das eines Tages allein tragen wird, bleibt spannend.
Wenn er seine Ansätze vorträgt, ist Dethloff jedenfalls kaum zu bremsen, zu gerne würde er sie viel öfter mit Vereins- und Verbandsvertretern diskutieren. Doch dort stoße er meist auf „Ablehnung“ und „Abwehr“.
Und damit also zurück nach München, wo die LG vielleicht ein Paradebeispiel ist für, ja: wofür eigentlich? Eingefahrene Strukturen? Sturheit? Oder doch einige jener Zwänge, derer sich Dethloff entziehen kann, solange er nur Sahne abschöpft?
Minahs Probleme lassen sich etwa so zusammenfassen: Die verfügbaren Mittel, die weitgehend vom namensgebenden Sponsor, den Münchner Stadtwerken, stammen, reichten seit Längerem nicht mehr aus, um in Breite und Spitze gleichermaßen zu fördern. Dazu – ein Paradoxon – sei man über Jahre zu erfolgreich geworden. Mehr Starts bedeuteten nun mal höhere Kosten. Man habe in allen Bereichen kürzen müssen, auch bei den Topathleten, und dass die nun gewechselt seien, nehme er ihnen daher auch nicht übel. „Da geht es um jeden Euro.“ Und für die Kaderathleten ändere sich im Kern nichts, sie nutzen dieselben Sportanlagen wie bisher und werden von denselben Landestrainern trainiert. Die LG hatte zuletzt versucht, den lukrativen München-Marathon als neuer Veranstalter zu übernehmen, um so zusätzliche Einnahmen zu erwirtschaften, doch das scheiterte am Kreisverwaltungsreferat. Man werde einen zweiten Anlauf unternehmen, erklärt Minah, „weil wir keine anderen Optionen sehen“.

Was darüberhinaus bleibt? Mit ihrer Mitteilung appelliert die LG an die Stadt und den Bayerischen Leichtathletik-Verband (BLV). Man müsse sich zusammensetzen, gemeinsam eine Zukunft definieren. Der einst mehrjährige Vertrag mit den Stadtwerken ist zuletzt nur um ein Jahr verlängert worden, doch die LG brauche Planungssicherheit. Soll sie am Breitensport sparen, am Unterbau? Den Spitzensport aufgeben? Dass man sich klaglos in die Rolle des Zulieferers für Munich Athletics begebe, „das ist nicht unser Modell“, sagt Minah. Immerhin war die LG Stadtwerke 2024 noch Zweiter im deutschen Vereinsranking, war hinter Bayer Leverkusen also am häufigsten in nationalen Bestenlisten notiert. Und keiner seiner Mitgliedsvereine wolle mit Germany Athletics kooperieren, sagt Minah, was es dem neuen Verein übrigens stark erschweren dürfte, selbst in der Münchner Nachwuchsförderung aktiv zu werden – denn dazu müsste er freie Sportflächen finden. In Köln etwa kooperiert das Franchise mit mehreren Vereinen und geht auch an Schulen.
Gerhard Neubauer sieht die Entwicklung mit großen Sorgen. Der Präsident des BLV betont die Unabhängigkeit seiner Landestrainer, die keinen Verein bevorzugen, aber auch niemanden zu einem Vereinswechsel animieren dürften – und die aus Staatsmitteln bezahlt würden, die dem Nachwuchs- und nicht dem Spitzensport zugutekommen sollen. „Was schade ist: Wenn sich LG und Munich Athletics vernünftig geeinigt hätten, vielleicht Disziplinen unter sich aufgeteilt hätten, hätte es ein Miteinander geben können.“ Doch Dialog gab es kaum. Neubauer hofft nun sehr auf Olympische Spiele in München, mit einem Zuschlag könne man „ganz andere Möglichkeiten diskutieren“, sagt er. Womöglich ergeben sich zumindest einige davon, sollte sich die Stadt wie erwartet für die Leichtathletik-Weltmeisterschaften im Jahr 2029 oder 2031 bewerben. Jetzt aber geht erst einmal Munich Athletics als Neuling an den Start. Und Minah betont für die LG Stadtwerke: „Die Athletinnen und Athleten, die München 2040 oder 2044 vertreten könnten, trainieren heute in unseren Kindergruppen.“



