München - Berlin Der Meister spielt wie ein Meister

Endlich wieder oben auf: Der EHC überzeugt als Team, aber auch im Einzel, wie hier Yannic Seidenberg (vorne) gegen André Rankel von Red Bull.

(Foto: Bernd König/imago)

Der EHC gewinnt auch das vierte Duell gegen Berlin und kann am Sonntag ins Halbfinale einziehen.

Von Christian Bernhard, München

Frank Mauer tappte nicht in die Tabellenfalle. Man dürfe diese nicht zu ernst nehmen, sagte der Stürmer des EHC München kürzlich, bevor er mit seinen Teamkollegen in die Playoffs der Deutschen Eishockey Liga (DEL) startete. Seine Vorsicht hatte mit den Eisbären Berlin - Münchens Viertelfinalgegner - zu tun. Diese waren zwar als Hauptrunden-Neunte in die Endphase gegangen, hätten aber "tendenziell erst mal nicht mehr so viel" mit den Eisbären der Monate zuvor zu tun, betonte Mauer. Das Problem der Berliner: Die aktuelle Münchner Mannschaft hat wieder viel mit jener zu tun, die in den vergangenen drei Spielzeiten die Meisterschaften gewonnen hat. Am Freitagabend siegten die Münchner in Berlin deutlich mit 5:2 und sicherten sich so die 3:1-Serien-Führung. Schon am Sonntag können sie in der heimischen Olympia-Eishalle den Halbfinaleinzug perfekt machen (17 Uhr).

"Von Anfang an ist alles in unsere Richtung gegangen", sagte Münchens Meister-Trainer Don Jackson auf der Pressekonferenz. Das Ergebnis gab die ganze Dominanz des EHC gar nicht wieder, er hatte jederzeit alles im Griff und führte neun Minuten vor Ende mit 5:0. Erst dann gestattete er den Eisbären zwei Gnaden-Happen in Form der beiden Ergebniskosmetik-Treffer. "Wir wollen ihnen die Hoffnung nehmen, dass sie denken, sie können gegen uns gewinnen", sagte Mauer bereits nach dem Startdrittel. Das gelang den Münchnern eindrucksvoll.

Der EHC hat keinen herausragenden Scorer - dafür mehrere ausgeglichene Formationen

Zwei Viertelfinal-Spiele lang sah der Meister nicht wie der Dominator der vergangenen Jahre aus. Die erste Partie hatte er knapp in der Verlängerung gewonnen, Spiel zwei (0:4 in Berlin) war sein schwächster Playoff-Auftritt der vergangenen Jahre. Der Serien-Meister schien leicht zu wanken. Doch dieses Gefühl täuschte - und zwar gewaltig. Die letzten zwei Begegnungen (4:1 und 5:2) waren beeindruckende Eishockey-Statements gegen die formstärkste Mannschaft der Liga. Wenn es darauf ankommt, sind die Münchner da - danach kann man nun mittlerweile seit vier DEL-Spielzeiten die Playoff-Uhren stellen. "Wir wissen, wie man zu gewinnen hat", sagt Yannic Seidenberg. Sein Kapitän Michael Wolf drückt es so aus: "Wer wie was wann wo, darüber machen wir uns keine Gedanken. Wir wollen einfach unser Spiel spielen und gewinnen."

Münchens große Hauptrunden-Stärke kommt auch in den Playoffs zu tragen: Der Meister hat keinen herausragenden Scorer oder eine Angriffsreihe, auf der die Offensivlast liegt - er hat mehrere ausgeglichene Formationen, die verlässlich für Tore sorgen. In der Hauptrunde führte das dazu, dass gleich zehn Münchner mindestens zehn Tore erzielten. Dieser Trend setzt sich in den Playoffs fort: In nur vier Spielen haben bereits sieben verschiedene EHC-Spieler getroffen. Egal, welche Formation Jackson aufs Eis schickt - der Gegner bekommt es mit einer läuferisch imposanten und aggressiven Mannschaft zu tun.

Dazu kommen die torgefährlichen Verteidiger. Drei haben in der Serie gegen Berlin bereits getroffen - selbst Daryl Boyle, der in der Hauptrunde offensiv nicht mehr so häufig wie in den Jahren zuvor in Erscheinung getreten war, trug sich am Freitag in die Torschützenliste ein. Abgerundet wird das beeindruckende Paket vom DEL-Spieler des Jahres: Nationaltorhüter Danny aus den Birken hatte bis auf Spiel zwei verlässlich starke Auftritte und führt nun auch in den Playoffs die Rangliste in Sachen Gegentorschnitt an (2,2 pro Partie). Seit Freitag ist die Tiefe im EHC-Kader noch einmal profunder geworden. Maximilian Kastner, Münchens Aufsteiger der Saison, feierte nach mehr als zweimonatiger Verletzungspause sein Comeback und ging wie eh und je mit viel Energie und Biss zu Werke.

"Unser Spiel fängt in der gegnerischen Zone an", erklärt Seidenberg den aggressiven Stil

Mit dieser personellen Ausgeglichenheit auf hohem Niveau fällt nicht einmal ins Gewicht, dass das Überzahlspiel weiterhin nicht rund läuft - äußerst magere acht Prozent Erfolgsquote stehen in den Playoffs zu Buche. Doch diese Münchner scheinen gar nicht auf ein funktionierendes Powerplay angewiesen zu sein, sie haben auch ohne es genügend Offensiv-Varianten. Mit dem druckvollen Spiel auf der kompletten Eisfläche haben die Münchner in den letzten zwei Spielen zudem die Berliner Top-Reihe um Marc-Louis Aubry, die seit Wochen die vielleicht beste Formation der Liga war, nahezu ausgeschaltet. "Unser Spiel fängt in der gegnerischen Zone an", sagt Seidenberg und erklärt so den aggressiven Jackson-Spielstil.

Es spricht nicht mehr viel für die Eisbären, die sich mittlerweile auf die "Nichts-mehr-zu-verlieren-Mentalität" (O-Ton Sean Backman) berufen müssen. Ein kleiner Hoffnungsschimmer ist mit dem Blick auf die letztjährige Final-Serie verbunden. Da lagen die Berliner ebenfalls mit 1:3 zurück, kaum jemand glaubte damals noch an sie. Und trotzdem erzwangen sie mit zwei Siegen in Folge ein alles entscheidendes Spiel sieben. Das Ende jener Geschichte sollten die Eisbären allerdings gleich wieder ausblenden: Spiel sieben entschieden die Münchner für sich.