Süddeutsche Zeitung

MSV Duisburg:Gefangen im Teufelskreis

Lesezeit: 3 min

Beim traditionsreichen MSV Duisburg ist die Lage nach turbulenten Jahren so dramatisch wie nie. Es droht der Absturz in die Viertklassigkeit. Retten soll den Klub nun der frühere Hertha-Manager Michael Preetz.

Von Ulrich Hartmann

Im Souterrain der Arena in Duisburg-Wedau ziert die Wände eine meterlange Heldengalerie. Man sieht dort Fotos vieler früherer Spieler, darunter Bernard Dietz, Michael Bella, Alfred Nijhuis, Joachim Hopp, Bachirou Salou und Ewald Lienen. Wen man dort nicht sieht, ist Michael Preetz.

Der 56 Jahre alte Düsseldorfer hat nur zwei Jahre für den MSV Duisburg gespielt, von 1992 bis 1994, ein Jahr in der zweiten Liga und ein Jahr in der Bundesliga. Danach ist er zur SG Wattenscheid gewechselt und 1996 weiter zur Hertha nach Berlin. Preetz ist keiner, der die Historie des MSV geprägt hat, aber jetzt ist er derjenige, der die Zukunft des taumelnden Traditionsklubs gestalten soll. Oder besser: retten muss. Inmitten all der Heldenfotos saß Preetz diese Woche in der Arena und sagte bei seiner Präsentation als neuer Geschäftsführer des abstiegsbedrohten Drittligaklubs: "Wir müssen hier Tradition in aktuelle Leistungsfähigkeit umwandeln."

Diese Hoffnung wurde in seinen ersten Tagen zunächst enttäuscht. Die prekäre Situation des MSV hat sich weiter verschlimmert. Am Dienstagabend saß Preetz erstmals auf der Haupttribüne in der Arena und sah im Kellerduell gegen den Halleschen FC ein Spiel mit schmerzlicher Dramaturgie. Drei Tage nach der 1:4-Schlappe der Duisburger im Kellerduell bei 1860 München verspielten sie gegen Halle eine 2:1-Führung. Nach einer roten Karte spielten sie von der 59. Minute an in Unterzahl, in der 76. Minute kassierten sie das 2:2 und in der 88. Minute das 2:3. "Brutal!", klagte der Trainer Boris Schommers. Der Rückstand zu den Nichtabstiegsplätzen wird immer größer.

Bleibt Preetz auch bei einem weiteren Abstieg? Er klingt nicht so

30 Jahre nach seiner Zeit als Fußballprofi beim MSV kehrt Preetz also als Manager dorthin zurück. Nachdem er Anfang 2021 seine zwölfjährige Tätigkeit als Geschäftsführer bei Hertha BSC hatte beenden müssen, geriet er vor einigen Wochen ins Visier des MSV-Präsidenten Ingo Wald. Dieser sieht in Preetz die perfekte Personifizierung aus Prominenz, Provenienz, Expertise und MSV-Verbundenheit und hat lange um ihn geworben. "Wir hatten gute Argumente", behauptet Wald, allerdings hat Preetz nach eigener Aussage wirklich lange gezögert, ob er ausgerechnet beim schlingernden MSV einen Vertrag bis 2025 unterschreibt.

Wenn man ihn fragt, ob er denn auch im Falle des Abstiegs in die vierte Liga bliebe, sagt er: "Ich werde alles dafür tun, dass der MSV nicht absteigt, aber wir haben uns in den Gesprächen auf dieses Szenario vorbereitet." Das klingt so, als machte er nur im Falle des Klassenverbleibs weiter. Wald hofft, dass Preetz sich das noch überlegt.

Der MSV hat turbulente Jahre und Jahrzehnte hinter sich. Die erste Bundesliga-Saison 1963/64 war der Höhepunkt der Duisburger Historie. Der Klub, der damals noch als Meidericher Spielverein (MSV) auftrat, wurde unter dem Trainer Rudi Gutendorf auf Anhieb Zweiter. Es folgten weitere 18 Bundesliga-Jahre, bevor der Klub aus dem Westen des Ruhrgebiets in den Achtzigerjahren erste Bekanntschaft mit der zweiten und der dritten Liga machte. Nach einigem Auf und Ab spielte der MSV in der Saison 2007/08 zum bislang letzten Mal erstklassig.

Bei Hertha BSC konnte Preetz mit den Millionen um sich werfen - jetzt ist kaum Geld da

Auslöser für die nun schon zehnjährige sportliche Misere in den Niederungen des Fußballs waren 2013 ein Lizenzentzug und der damit verbundene Zwangsabstieg in die dritte Liga. "Seither ist es uns nicht gelungen, den Teufelskreis zu durchbrechen", sagt Wald. Mit dem Teufelskreis meint er den defizitären Spielbetrieb in der dritten Liga. Drei Spielzeiten noch hat der MSV seither in der zweiten Liga hinbekommen, konnte sich dort aber nicht halten. Mittlerweile ist die Lage so dramatisch wie nie.

Wichtige Spieler wie Sebastian Mai und Marvin Bakalorz fallen mit Knieverletzungen länger aus. Der Zugang Daniel Ginczek vom Zweitligisten Fortuna Düsseldorf erweist sich noch nicht als Verstärkung. Ein paar Tage hat Preetz im Wintertransferfenster noch, um den Kader zu ergänzen. Beim Big City Club in Berlin hat er mit den Zuwendungen des damaligen Hertha-Investors Lars Windhorst Anfang im Jahr 2020 mal 77 Millionen für vier neue Spieler ausgeben können, in Duisburg hingegen ist das Geld knapp. Sehr knapp. "Die wirtschaftliche Situation ermöglicht Nachverpflichtungen nur in überschaubarem Rahmen", sagt Preetz fast staatsmännisch.

Die Duisburger setzen auf ihre traditionell große Fanbasis

Auch deshalb hat er so lange gezögert mit seiner Zusage. Sollte der MSV in die vierte Liga abstürzen, würde das auch mit seinem Namen verbunden. "Ich hatte umfangreiche Fragen", sagt Preetz über seine Vertragsgespräche - zu den Strukturen des Klubs, der wirtschaftlichen Lage oder der Unterstützung für den MSV in der Stadt. Am Ende wog er ab und entschied sich dafür.

"Reizvoll" findet es Preetz, bei einem Traditionsverein zu arbeiten. "In diesen Klubs herrscht ein besonderer Spirit." Die Fanbasis ist in Duisburg ein bedeutender Faktor. "Es kommen immer noch zwölftausend Zuschauer zu jedem Heimspiel, obwohl sie in den letzten Jahren oft enttäuscht worden sind." Der Tabellenvorletzte ist der Klub mit den fünftmeisten Zuschauern der dritten Liga. Die Treue der Menschen dieser Stadt wäre das größte Faustpfand, sollte der MSV gar in die vierte Liga absteigen.

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