Movistar bei der Spanien-Rundfahrt:Die Rivalität befeuert das Team

Spanish rider Enric Mas of Movistar team in action during the 9th stage of the Spanish Cycling Vuelta a 188 km-long race

Enric Mas (Mitte) bei der neunten Etappe der Spanien-Rundfahrt auf dem Weg zum Alto de Velefique.

(Foto: Manuel Bruque/imago/Agencia EFE)

Die Rennstrategie des spanischen Rad-Teams hat schon die eigenen Spitzenkräfte zur Verzweiflung getrieben. Nun haben bei der Vuelta gleich zwei Fahrer gute Siegchancen - geht es diesmal gut?

Von Johannes Aumüller

In der traditionell verschlossenen Welt des Radsports hat sich zuletzt ein Genre entwickelt, das zumindest eine Art Schein-Transparenz erzeugt. Viele Monate lang lassen sich Rennställe von der Kamera begleiten, und hinterher erscheinen ausführliche Dokumentationen, die recht detailliert Innenleben und Schwierigkeiten eines Teams darstellen - auch wenn sie die wahren Erfolgsgeheimnisse natürlich nicht ausleuchten. Über die spanische Equipe Movistar sind so bereits zwei Netflix-Staffeln erschienen, und ein prägender Teil von "El Dia Menos Pensado" (Ein unerwarteter Tag) sind teaminterne Irritationen über die Hierarchie und die Rennstrategie.

Die Herangehensweise von Movistar bei großen Landesrundfahrten ist schon seit Jahren ungewöhnlich. Regelmäßig startet die Equipe ein Rennen mit drei Kapitänen und teaminterner Rivalität, regelmäßig erzeugt das großen Verdruss. Zwar warf das auch immer wieder große Erfolge ab, wie den Sieg von Richard Carapaz beim Giro d'Italia 2019, aber unterm Strich war der sportliche Ertrag in den vergangenen fünf Jahren nicht so reich, wie es sich die Teamleitung erhoffte. Nun bietet die aktuelle Spanien-Rundfahrt, die seit zehn Tagen und noch bis zum 5. September läuft, zumindest die Chance, dass der Ansatz mal wieder aufgeht.

Am Sonntagabend hat es am Alto de Velefique zum Abschluss der ersten Woche den ersten seriösen Abtausch der Favoriten gegeben. Und es ist keine Überraschung, dass nach dieser harten Prüfung und vor den nächsten schweren Etappen der Slowene Primoz Roglic (Team Jumbo) das Klassement anführt. Der 31-Jährige war im Sommer auf einen Sieg bei der Tour de France erpicht, musste dort aber wegen eines Sturzes früh aufgeben. Kurz darauf gewann er Gold im olympischen Zeitfahren, nun soll ihn der dritte Vuelta-Triumph nacheinander entschädigen. Dahinter sortiert sich die Konkurrenz allerdings etwas unerwartet: Ineos-Kapitän Egan Bernal, 24, verlor schon ordentlich Zeit. Stattdessen erweist sich ein Movistar-Duo als erster Verfolgerblock - bestehend aus dem Kolumbianer Miguel Angel Lopez (1:21 Minuten zurück) und dem Spanier Enric Mas, der gerade mal 28 Sekunden hinter Roglic liegt.

Vor allem Mas, 26, erweckte zuletzt den Anschein, als könne er Roglic tatsächlich herausfordern. Er fühle sich so gut wie noch nie, tut der Mallorquiner dieser Tage selbstbewusst kund. Schon seit geraumer Zeit gehört Mas bei Rundfahrten zu den Anwärtern auf eine vordere Platzierung, der bisher letzte spanische Tour-Champion Alberto Contador (2010 wegen Dopings für zwei Jahre gesperrt) erkor ihn einst zu seinem Nachfolger. Bei der Frankreich-Schleife im Sommer kam Mas auf Platz sechs, im Vorjahr bei der Tour und der Vuelta jeweils auf Rang fünf. Sein bisher stärkstes Ergebnis bei einer großen Rundfahrt - Platz zwei bei der Vuelta 2018 - fuhr er freilich heraus, als er noch bei Deceuninck Quick-Step unter Vertrag stand.

Quintana, Landa und Carapaz zogen irgendwann zu anderen Teams weiter

Nun müssen Mas und Lopez also gemeinsam versuchen, den favorisierten Roglic zu übertrumpfen. Alejandro Valverde, auch mit stolzen 41 Jahren das dritte Mitglied des Kapitäns-Dreizack, ist nach einem Sturz schon ausgeschieden. Doch mit der Gemeinsamkeit ist es so eine Sache bei der spanischen Mannschaft, die angeleitet von Eusebio Unzue und unter mehrmaligem Namenswechsel durch alle Hochdoping-Zeiten hindurch seit 1980 im Gewerbe mitmischt. Zwar gewinnt sie des Öfteren die Teamwertung und zeigt damit, wie stark sie ist. Aber dass sich wie in den Vorjahren bei Ineos nahezu bedingungslos alle Fahrer einem Mann unterordnen, ist bei Movistar so nicht zu sehen.

Immer wieder gab es - auch durch die Teamleitung geschürte - Animositäten zwischen Spitzenfahrern. Unvergessen ist der Moment, in dem Kapitän Nairo Quintana bei der Tour 2019 hinten vergeblich um den Anschluss strampelte und vorne sein eigenes Team das Tempo forcierte. Quintana zog irgendwann entnervt fort, ebenso Mikel Landa. Auch Richard Carapaz dürften nicht nur pekuniäre Verlockungen zu Ineos gebracht haben.

Die aktuellen Vertreter tun nun so, als sei das für sie kein Problem. "Das Rennen als Team ist entscheidend, denn so haben wir mit Sicherheit mehr Chancen, als wenn wir es einzeln angehen", sagte Lopez beim Ruhetag am Montag. Lopez räumte aber auch ein, dass es eine "etwas unangenehme Situation" für ihn war, als Kollege Mas bei der schweren Etappe am Sonntag mit Roglic voranfuhr und er nichts anderes tun konnte, als den Rädern der anderen Rivalen zu folgen. Dabei hätte er doch die Kraft gehabt, schneller zu fahren, gab er zu Protokoll.

An diese Logik sollten sich die beiden nun erinnern, wenn es in den nächsten Wochen in die nächsten schweren Etappen der Vuelta geht, die auf dem Papier erneut anspruchsvoller konzipiert ist als die Tour de France. Ansonsten gibt es womöglich bald wieder Stoff für weitere Netflix-Folgen.

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