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Drohungen bei Jugendspiel:"Wir werden Maßnahmen einleiten"

Jubel Youssoufa Moukoko (Borussia Dortmund) 18.10.2020, Fussball GER, Saison 2020 2021, U19 Bundesliga West, 3. Spielta; Moukoko

Youssoufa Moukoko schoss im Derby gegen Schalke drei Tore.

(Foto: imago images/Team 2)

Nach Anfeindungen gegen BVB-Junior Youssoufa Moukoko muss Schalke 04 öffentlich um Entschuldigung für einige Zuschauer bitten. Klub und DFB kündigen Ermittlungen an - der Spieler reagiert auf Instagram.

Von Philipp Selldorf, Gelsenkirchen

Beim Bundesliga-Derby bei Borussia Dortmund am kommenden Samstag wird auf Schalke allenfalls ein Stellvertreterpublikum zugegen sein. Das ist für alle Beteiligten traurig, obwohl nicht zwangsläufig jeder Fan willkommen sein muss, wie die Geschehnisse beim Derby der U19-Junioren am Sonntag wieder zeigten. Der Dortmunder 3:2-Sieg erweckte ja nicht deshalb internationales Aufsehen, weil der 15-Jährige Youssoufa Moukoko sämtliche Tore schoss. Sondern weil einige Personen unter den 300 Besuchern ihn übel beschimpften.

Ob unter den Verwünschungen und Drohungen auch rassistische Beleidigungen vorkamen, und wer dafür verantwortlich war, das wird jetzt in der Schalker Klubzentrale ermittelt. Die Eintrittskarten lassen sich namentlich zuordnen. Während Sportvorstand Jochen Schneider sich im Namen des Klubs um Entschuldigung bat, die Vorfälle verurteilte und weitere Schritte ankündigte ("Wir werden die notwendigen Maßnahmen einleiten"), erreichten Moukoko Solidaradressen von prominenten Profis wie den deutschen Nationalspielern Jérôme Boateng und Antonio Rüdiger. Der Dortmunder Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke sagte am Montag: "Schalke wird das weiter verfolgen. Ich habe die Entschuldigung angenommen."

Moukoko selbst äußerte sich am Montag auf Instagram. Auch wenn ein Derby für Spieler und Fans emotional sei, "sollte der Sport uns verbinden und Spaß machen und keine Grenzen zwischen uns setzen", war auf seiner Seite zu lesen. "Das sind keine Fußballfans, sondern Menschen, die Hass verbreiten wollen." Er werde sich davon nicht unterkriegen lassen und weiterhin das tun, was ihm Spaß mache: Fußball spielen und Tore schießen. Für den DFB-Vizepräsidenten Günter Distelrath sind die Beleidigungen unerträglich. "Das hier ist so ein Fall, bei dem wir uns gemeinsam positionieren und vor den Spieler stellen müssen." Ein klares Zeichen solle die unabhängige Sportgerichtsbarkeit setzen, sagte er am Montag.

Man hätte sich auf Schalke trotz allem lieber auf das Sportliche konzentriert, obowhl mancher Schalker Anhänger wohl leise geseufzt hat, als er die Ergebnisse der vergangenen Transferperiode resümierte: Außer dem in Ehren ergrauten, bei Hertha aber nicht mehr benötigten Strafraumveteranen Vedad Ibisevic engagierte der Klub einen jungen Verteidiger namens Kilian Ludewig, der aus den umfangreichen Beständen des FC RB Salzburg stammt, sowie zwei Spieler, die bei Eintracht Frankfurt aktuell für überzählig gehalten wurden: Den Mittelstürmer Goncalo Paciencia und den Torwart Frederik Rönnow. Vier sehr verschiedene Fußballer, die jedoch allesamt eine wichtige Eigenschaft teilen: Sie waren die kostengünstigsten Verstärkungen, die sich der stolze, aber verarmte Ruhrgebietsriese leisten konnte, wobei im Fall Ibisevic von Kosten kaum die Rede sein darf: Sein Grundgehalt beträgt 6000 Euro und wird lediglich aus versicherungstechnischen Gründen ausbezahlt. Und weil er ursprünglich angeboten hatte, auf ein Gehalt zu verzichten, hat der 36 Jahre alte Angreifer angekündigt, die Mindestgage zu spenden. So hat sein Wechsle von Hertha BSC Berlin nach Gelsenkirchen auf jeden Fall schon mal symbolischen Wert: Er gleicht einer karitativen Mission.

Beim Spiel gegen Union Berlin am Sonntag kam das komplette Quartett der Neulinge zum Einsatz, und jeder Einzelne hatte seinen Anteil daran, dass die Partie trotz des bescheidenen Ertrags überall als Aufbruch zum Aufstehen aus der Krise gewertet wurde - zumindest überall, wo königsblau für die schönste Farbe der Welt gehalten wird. Das 1:1 beendete nicht die Serie siegloser Spiele, inzwischen ist die Jubiläumszahl 20 erreicht, aber man ist auf Schalke zurzeit dankbar für wenig. Die Profis betrieben das Spiel wieder als Mannschaftssport, statt als Einzelsport, das war durchaus ein Fortschritt. In der Klubzentrale sprach der eine Schalker von "einem Funken Hoffnung" und der andere sogar von einem "kleinen großen Schritt", Trainer Manuel Baum beließ es bei der fachlichen Betrachtung: "Es war ein gutes Kampfspiel. Wir haben Kilometer geschrubbt und viele Sprints hingelegt, aber spielerisch ist noch viel Luft nach oben."

Hätte er sich nach der Pressekonferenz aus dem Bembel ein Glas Äppelwoi eingeschenkt und einen Toast auf die Frankfurter Eintracht und deren Sportchef Fredi Bobic ausgesprochen, wäre das nicht nur ein origineller, sondern auch ein passender Akt gewesen. Die Frankfurter haben ihren Schalker Traditionsklubkollegen gewissermaßen Entwicklungs- und Überlebenshilfe zur Verfügung gestellt. Der Eintracht-Gesandte Paciencia leistete als Einwechselspieler maximale Dienste: Erst brachte er Leben in die bis dahin weitgehend regungslose Offensivreihe, dann schoss er das Tor zum 1:1. Ohne seinen Frankfurter Gefährten aber, den ebenfalls ausgeliehenen Dänen Rönnow, der anstelle des verletzten Ralf Fährmann im Einsatz war, hätte es dieses Tor kaum gegeben - denn ohne dessen Paraden wäre die Partie den Schalkern womöglich lange zuvor entglitten.

Nicht ohne Grund beschlich den Berliner Keeper Andreas Luthe nach dem Abpfiff "das Gefühl, dass wir zwei Punkte verschenkt haben". Während Luthe nicht belegen konnte, dass er den Vorzug vor Loris Karius zu Recht erhalten hatte, weil kaum ein Schuss sein Tor erreichte, blieb Rönnow immer bestens beschäftigt. Beim 0:1 streiten die Kritiker darüber, ob er wohl die Flanke falsch berechnet hatte, aber hier gilt wieder mal das Gebot von Manuel Neuer: Nur Torhüter können das seriös beurteilen. Rönnows ruhige und konzentrierte Ausstrahlung hingegen teilte sich dem Auge jedes Betrachters mit. Für Fährmann wird es schwer werden, auf seinen alten Posten zurückzukehren, auch wenn Baum die Torwartfrage vermeintlich offenlässt: Rönnow sei "souverän auf dem Posten" gewesen, und "bei Ralf muss man schauen, wie's mit der Verletzung weitergeht", sagte der Trainer. Das Torwartthema ist ein sensibles Thema, Fährmann ist Inhaber alter Verdienste und anerkannter Überzeugungsschalker, Rönnow einstweilen nur ein Leih-Spieler.

© SZ vom 20.10.2020/schm
A-Junioren Bundesliga 2019-2020 1.FC Köln v. Borussia Dortmund 0:2 durch 2 Tore von Yousoufa Moukoko der hier im Foto v; SAhin

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