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Motorsport:Ungebremst mit 250 km/h

Der tödliche Unfall des jungen Franzosen Anthoine Hubert in der Formel 2 überschattet das Wochenende in Spa - und ruft die Gefahren dieses Sports wieder ins Gedächtnis.

Von Anna Dreher

Das Rennen der Formel 2 hatte am Samstagnachmittag auf dem Circuit de Spa-Francorchamps in Belgien gerade begonnen, es gab Positionskämpfe und Überholmanöver auf den ersten Metern. Die 19 Fahrer der Nachwuchsserie schlängelten sich mit ihren Wagen durch die enge Kurve La Source und nahmen auf dem Weg zur Eau Rouge Geschwindigkeit auf. Neun Fahrer passierten diese Stelle, darunter Mick Schumacher, der Sohn des siebenmaligen Formel-1-Weltmeisters Michael Schumacher. Dann kam es am Ausgang der berühmten Kurve zu einer Kollision zwischen dem US-Amerikaner Juan-Manuel Correa und Anthoine Hubert. Der 22 Jahre alte Franzose überlebte nicht.

In der Senke der Eau Rouge war 1985 auch der Deutsche Stefan Bellof tödlich verunglückt, als er in einem 1000-Kilometer-Rennen bei einem Überholversuch gegen einen Betonpfeiler krachte.

Nach Angaben des Internationalen Automobilverbandes Fia verstarb Hubert um 18.35 Uhr, rund eineinhalb Stunden nach dem Unfall, in der Ambulanz an der Rennstrecke. Am Sonntagmorgen ließ Correa, 20, auf seiner Webseite mitteilen, er habe sich beide Beine mehrfach gebrochen sowie Frakturen an der Wirbelsäule erlitten, sei operiert worden und werde auf der Intensivstation behandelt.

Kurz nach dem Unfall ist es auf dem durch Motoren, Musik und Stimmengewirr sonst lauten Gelände in den Ardennen ganz ruhig geworden, Entsetzen und Trauer waren groß. Nichts war zu spüren von der ausgelassenen Stimmung, die sich sonst an einem solchen Tag auf einer Rennstrecke ausbreitet. Am Eingang zum Parkplatz wurde später an einer Absperrung ein Plakat angebracht, es zeigt ein Foto von Anthoine Hubert im Overall, fröhlich lächelnd. Hubert hatte 2013 die französische Formel-4-Meisterschaft und 2018 die GP3-Serie gewonnen. Als Achter war er derzeit der bestplatzierte Neuling dieser Formel-2-Saison, in Monaco und Frankreich hatte er im BWT Arden jeweils ein Rennen gewonnen. Er war Teil des Nachwuchsprogramms bei Renault und galt als talentierter Nachfolger der bereits in der Formel 1 fahrenden Franzosen Pierre Gasly und Esteban Ocon.

Nach ersten Erkenntnissen zum Unfallhergang wurde der Franzose Giuliano Alesi durch einen Reifenschaden zum Hindernis auf der Strecke, das löste eine fatale Kettenreaktion aus. Hubert hatte ausweichen wollen und war dabei in die Streckenbegrenzung gekracht. Danach drehte er sich unkontrolliert auf die Strecke zurück. Correa raste mit einer vom Fachmagazin Auto, Motor, Sport nach Videoanalysen geschätzten Geschwindigkeit von 250 bis 270 km/h ungebremst auf Höhe des Sitzes in Huberts Auto, der dadurch erneut gegen eine Begrenzung geschleudert wurde. Correas Auto drehte sich nach dem Aufprall mehrmals um die eigene Achse, rutschte etwa 30 Meter und blieb ohne Vorderteil auf dem Dach liegen.

Die Fernsehbilder zeigten noch, wie sich Correa im Cockpit bewegt, im Hintergrund der völlig zerstörte Rennwagen von Hubert. Überall auf dem Asphalt verstreut lagen Trümmerteile des Autos. Es war wohl Glück, dass es andere Fahrer schafften, zu bremsen, auszuweichen und in die Boxengasse zu fahren. Dass bei der Live-Übertragung schon kurze Zeit später weder die Wiederholung noch aktuelle Bilder der Unfallstelle gezeigt wurden, ließ ahnen, dass es schlimm stand um die verunglückten Hubert und Correa.

Am Sonntagvormittag um 10.50 Uhr wurde Huberts mit einer Schweigeminute gedacht. Die Familie des Verstorbenen und die Teams der Formel 2 versammelten sich vor den Tribünen an der Start-Ziel-Linie. Auch Ferraris Teamchef Mattia Binotto und seine Formel-1-Fahrer Sebastian Vettel und Charles Leclerc standen am Streckenrand. Huberts Mutter und sein Bruder hielten seinen Helm in den Händen, den Kopf gesenkt. Es waren berührende Szenen. Mick Schumacher, dessen Vater im Dezember 2013 beim Skifahren schwer verunglückte, umarmte Huberts Mutter lange, sie sprachen ergriffen miteinander. Bereits am Samstagabend hatte der 20-Jährige in den sozialen Netzwerken kondoliert: "Das Schicksal ist brutal. Der Verlust ist endlos. Anthoine, wir vermissen dich schon."

Kurz nach der Schweigeminute startete das Rennen der Formel 3, die Läufe der Formel 2 wurden abgesagt. Die Formel 1 widmete Hubert vor dem Start des Großen Preis von Belgien eine Schweigeminute. Zahlreiche Fahrer und Teamchefs hatten bereits ihr Mitleid ausgedrückt. "Wenn ein Einziger, der diesen Sport anschaut und genießt, für eine Sekunde denkt, was wir machen, ist sicher, irrt er sich gewaltig", schrieb der fünfmalige Formel-1-Weltmeister Lewis Hamilton auf Instagram: "All diese Fahrer setzen ihr Leben aufs Spiel. Das muss mit mehr Ernsthaftigkeit anerkannt werden, denn das wird nicht getan. Ich bin so traurig, dass das passiert ist." Leclerc, der wenige Stunden vor dem Unfall im Formel-1-Qualifying der Schnellste war, teilte ein Foto von Hubert und sich vor einigen Jahren: "Ich kann es nicht glauben. Ruhe in Frieden", schrieb er zum Tod seines Weggefährten.

Für Leclerc ist Hubert der zweite Freund, den er durch einen Autounfall verloren hat. Sein Patenonkel Jules Bianchi erlitt beim Formel-1-Rennen in Suzuka/Japan im Herbst 2014 schwerste Kopfverletzungen, nachdem er in einen Bergungskran gerast war. Nach langer Zeit im künstlichen Koma verstarb er mit 25 Jahren.

Bei einer Fia-Veranstaltung ist Huberts Tod das schlimmste Unglück seit dem Unfall von Bianchi. In der Formel 1 war nach den riskanten Zeiten in den 50er-, 60er- und 70er-Jahren viel seltener etwas passiert, weil die Sicherheit in vielerlei Hinsicht verbessert wurde. Das schwarze Wochenende 1994 in Imola, als der Österreicher Roland Ratzenberger und der Brasilianer Ayrton Senna ihr Leben verloren, war lange eine furchtbare Ausnahme. In Spa ist dieses Wochenende erneut ins Bewusstsein gerufen worden, wie gefährlich Rennfahren sein kann und wie trügerisch der Glaube an Sicherheit ist.

© SZ vom 02.09.2019

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