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Motorsport:Spaß im Regen

Maximilian Günther GER Prema Powerteam Dallara F317 Mercedes bei der FIA Formel 3 Europameiste; Maximilian Günther

Vom Talent zum Rennfahrer, der mit der Geschwindigkeit sein Geld verdient: Maximilian Günther würde zur Not auch Bobbycar fahren.

(Foto: Thomas Pakusch/imago)

Bei widrigen Bedingungen holt der Allgäuer Maximilian Günther in Paris seine ersten Punkte in der Formel E - trotz aller Ungewissheit sieht er seine Zukunft in dieser Serie.

Vollgas auf der Geraden? Ging nicht mehr. Zu viel Wasser überschwemmte den Asphalt, und es wurde nicht weniger. Von oben prasselten Platzregen und Hagelschauer auf die Straßen von Paris herab. Es war ein besonderer Regen. Diejenigen, die gerade im Bois de Boulogne spazierten, am Arc de Triomphe standen oder durch das malerische Montparnasse schlenderten, merkten davon nichts. Für sie war der Regen einfach nur nass und lästig. Der Bereich, in dem aus einem gewöhnlichen Regen ein besonderer wurde, war ja begrenzt auf 1,925 Kilometer, am Grab Napoleons und am Invalidendom vorbei. Und auch auf dieser Strecke fanden am Ende nicht alle den Regen gut. Maximilian Günther schon.

Der Allgäuer fährt seit dieser Saison in der Formel E. Er hat endlich geschafft, was er so lange wollte: Aus einem Talent in den Nachwuchsserien des Formel-Sports ist ein Rennfahrer geworden, der mit der Geschwindigkeit sein Geld verdient. Es ist noch nicht ganz so, wie Günther sich das eigentlich vorgestellt hat. Der 21-Jährige steht zwar bei dem aus Los Angeles stammenden Team Dragon Racing unter Vertrag, fährt aber nicht konstant. Er teilt sich das Cockpit mit dem Brasilianer Felipe Nasr, der Argentinier Jose Maria Lopez hat eins für sich. Acht Rennen ist die Formel E in dieser Saison bisher gefahren, bei fünf davon ging Günther an den Start, vier Mal holte er keine Punkte - bis in Paris der Regen kam.

Nach fünf Jahren hat die Formel E am vergangenen Samstag mit ihrem ersten Regenrennen nun also auch das bekommen, was im Motorsport längst zur Legendenbildung gehört. Es brachte jenes berüchtigte Chaos, in dem sich die Spezialisten herauskristallisieren und vom Rest des Feldes abgrenzen können. Und das manchen Fahrern unter den besonderen Umständen eine einmalige Chance bietet, die noch wertvoller wird, wenn man sonst nicht viele hat. Als es in Frankreichs Hauptstadt nach einer Viertelstunde zu regnen anfing, hielt Günther bis zum Schluss seine Position, während andere sich drehten und kollidierten. Als Fünfter holte er seine ersten zehn Punkte in der Formel E. "Die Bedingungen im Regen waren extrem schwierig, aber es hat mir sehr viel Spaß gemacht, im Nassen zu fahren und um die Positionen zu kämpfen", sagte Günther danach.

Für ihn war dieses Rennen ja nicht nur ein Zeichen an die Entscheidungen treffenden Personen, dass er ein guter Fahrer ist. Sondern auch Werbung für eine Serie, die von vielen Motorsportliebhabern skeptisch betrachtet wird: Als Marketingplattform für die so zahlreich eingestiegenen Autohersteller, um sich mit der vermeintlichen Antriebskraft der Zukunft auch im sportlichen Wettstreit zu präsentieren und die hierfür entwickelten technischen Innovationen auf den Straßenverkehr zu übertragen. Und ein wichtiger Teil, der den Motorsport ausmacht, fehlt dabei nun mal: Der Sound der Motoren und der Geruch von Benzin. Lewis Hamilton, fünfmaliger Formel-1-Weltmeister, sagte neulich, er glaube schon, dass man mit Elektroautos Spaß haben könne: "Ich bin aber sehr sicher, dass - wenn wir in diese Richtung gehen - die Grundessenz vom Motorsport verloren geht." 1996 in Spa das Brüllen des Zehnzylinders von Michael Schumacher zu hören, sei einer der prägendsten Momente seines Lebens gewesen. Darum sei er Formel-1-Fahrer geworden.

"Ich verstehe es, wenn Leute sagen, Motorsport muss laut sein und man muss Öl riechen können, so bin ich auch zum Motorsport gekommen", sagt Günther. "Aber ich finde es eine sehr moderne Art des Rennsports und ich glaube, am Ende des Tages geht es darum, eine tolle Show zu bieten, und das tun wir in jedem Fall." Action, Unberechenbarkeit, Überholmanöver, all das biete die Formel E genauso - nur zeitgemäß, findet Günther. Natürlich wollte auch er immer in die Formel 1, die Königsklasse des Motorsports. Er will es noch immer, irgendwann, seinen Kindheitstraum gibt man nicht so einfach auf. Aber dort spielt nicht allein das fahrerische Können eine Rolle, sondern auch Politik und viel Geld. Die nötigen Superlizenzpunkte für die Formel 1 hat Günther gesammelt, sein Name ist in der Szene bekannt, die freien Plätze aber wurden an andere vergeben. An Lando Norris zum Beispiel, gegen den Günther in der Formel 3 fuhr und der damals ins Förderprogramm des Formel-1-Rennstalls McLaren aufgenommen wurde. Seit diesem Jahr fährt Norris für dieses Team.

Günthers Weg führte als Meisterschaftszweiter der Formel 3 in die Formel 2 und von dort in die Elektro-Serie. Dort ist er mit 21 Jahren der Jüngste. Das Fahrerfeld unter den elf Teams ist bunt gemischt. Ehemalige Formel-1-Piloten wie Felipe Massa und Stoffel Vandoorne, Langstreckenfahrer wie Andre Lotterer und Sebastien Buemi sind darunter, aus der DTM kamen Edoardo Mortara und Gary Paffett - um die Namen zu nennen, von deren Bekanntheit die Serie profitiert.

Sie ermöglicht Nachwuchsfahrern aber auch den Sprung ins Profitum. "Im Motorsport spielen so viele Faktoren eine Rolle. Da ist die Formel E die höchste Serie, in die man allein mit der sportlichen Leistung kommen kann", sagt Günther. "Ich bin sehr glücklich. Für mich ist es ein Privileg, hier zu fahren, und das ist jetzt auch erstmal der Plan für die Zukunft."

Wie genau diese Zukunft aussieht, weiß Günther nicht. Vielleicht wird er beim nächsten Rennen am 11. Mai in Monaco an den Start gehen, vielleicht Felipe Nasr. Bisher sei keine Entscheidung gefallen. Es ist eine Ungewissheit, mit der sich Günther nicht weiter beschäftigen will, weil er seinen Kopf lieber frei hat für die Dinge, die er beeinflussen kann: Eine gute Leistung abzuliefern wie in Paris zum Beispiel. Für ihn ändert sich deswegen also nichts, seine Philosophie bleibt dieselbe. "Wie ich mit meiner Situation umgehe, ist ganz simpel", sagt er. "Ich versuche immer, alles aus mir und den mir gegebenen Möglichkeiten rauszuholen. Ich konzentriere mich auf mich, den Rest blende ich aus."

Günther galt in den Formel-Nachwuchsserien als akribischer Arbeiter, als Perfektionist. Für die Formel E musste er sich in eine ganz andere Technik einarbeiten, seine Herangehensweise ändern. Jedes Mal lerne er dazu, wenn er im Auto sitze, sagt er. In Paris seine ersten Punkte nach zuvor vielen technischen Problemen zu holen und damit den Sprung auf Platz 17 von insgesamt 25 im Gesamtranking zu schaffen, war für ihn die Bestätigung seiner Lernkurve. In der Formel E kommt es weniger auf das Reifenmanagement an, sondern auf das Einsparen von Energie, ohne im Zweikampf auf der Strecke zurückzustecken oder Geschwindigkeit einzubüßen.

Gefahren wird immer auf einem Stadtkurs, die Formel E versteht sich als Event, und so gibt es weniger Ausweichzonen. Das verzeiht weniger Fehler. Es gibt ein Rückgewinnungssystem, das Auto hat weniger Anpressdruck, seit dieser Saison gibt es pro Fahrer zudem nur einen der 250-kW-starken Wagen und einen Satz Reifen. Und man muss nicht mehr schalten, das macht einen großen Unterschied aus.

Weil Günther weniger Zeit im Cockpit verbracht hat als viele andere, muss er schneller lernen, um konkurrenzfähig zu bleiben. "Aber an und für sich", sagt er, "hat sich nichts geändert, weil es egal ist, ob ich auf einem Bobbycar oder in einem Formel-E-Auto sitze - ich versuche immer, so schnell wie möglich zu fahren." Vielleicht darf er das auch in Monaco tun. Und manchmal regnet es auch im Fürstentum.