Motorsport Rallye-Roulette

Die chinesische Dakar-Debütantin Guo Meiling wird mit ihrem Wagen von einer Bodenwelle ausgehoben.

(Foto: Reuters)

Auf Schreckensmeldungen von der Rallye Dakar ist Verlass: In diesem Jahr rast ein Auto in die Zuschauer. Es ist Zeit, die Rechte der Besucher zu beschneiden.

Kommentar von Klaus Hoeltzenbein

Wer zum Autorennen geht, weiß, dass es gefährlich wird. Es muss dort ja auch keiner hin. Wer sich dennoch in den Staub am Pistenrand traut, der macht zuvor die private Wahrscheinlichkeitsrechnung auf. Ergebnis: Wird schon nichts passieren.

Anders als beim Russisch Roulette ist die Aussicht aufs Überleben ja auch größer. Russisch Roulette ist ein Glücksspiel für Lebensmüde, es befindet sich eine einzige Patrone in der Trommel des Revolvers, der wird herumgereicht, der Tradition nach an der Schläfe angesetzt, und wen es trifft - der hat verloren.

Beim Rallye-Roulette ist die Ausgangssituation eine andere. Man begibt sich ja gerade zu solchen Rennen, um zu leben, um etwas zu erleben. Und dennoch darf man sich nicht wundern, wenn einen plötzlich ein Geschoss auf Rädern aus den Stiefeln haut.

Wie stets in solchen Situationen, so hieß es auch am Samstag von Seiten des Veranstalters beim Prolog zur Rallye Dakar, bei dem in Argentinien ein Dutzend Zuschauer zum Teil schwer verletzt wurden, dass die Piste sicher gewesen sei - "eigentlich".

Ähnlich hatte es im September 2015 der Bürgermeister der spanischen Gemeinde Carral ausgedrückt, der den Tod von sechs Personen zu verkünden hatte: "Der Unglücksort war eigentlich keine gefährliche Stelle." Die sechs Personen, vier Frauen, zwei Männer, hatten Spalier für die "20. Rallye de La Coruña" gestanden, auch sie dürften sich so sicher gewähnt haben wie jetzt das Publikum am Stadtrand von Buenos Aires. Nur: Jener hochgetunte Mini, den die Chinesin Guo Meiling zum Start der Rallye Dakar zu steuern versuchte, blieb nicht auf der empfohlenen Fahrbahn. Der Mini wählte eine eigene Flugbahn.

Schreckensmeldungen von der Rallye Dakar gehören zur Tradition

Zu den wenigen Verlässlichkeiten zum Jahreswechsel zählen die Schreckensmeldungen der Dakar. Und dies, obwohl es sich ja längst um einen Etikettenschwindel handelt. Findet doch das Rallye-Roulette, das einst aus Paris in die Hauptstadt des Senegals führte, schon seit 2009 gar nicht mehr in Afrika, sondern nur noch in Südamerika statt.

Die Ranglisten aber werden akkurat fortgeschrieben: die der Sieger, die der Toten. Bei 66 Verstorbenen ist man seit Start der Zählung 1980/81 angekommen, darunter Zuschauer, Serviceleute, Ärzte, Journalisten. Der bislang letzte Dakar-Tote war im Vorjahr der Motorradfahrer Michal Hernik, bei dem als Todesursache Dehydration, also Verdursten auf einer Wüstenetappe angegeben wurde. Auch der Pole war einer jener Abenteurer, denen es erlaubt sein muss, das eigene Leben zu riskieren.

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Rätselhafter Tod bei Kilometer 206 zwischen San Juan und Chilecito: Michal Hernik ist bei der Rallye Dakar gestorben - er wurde 300 Meter von der Strecke entfernt gefunden. Es war die erste Teilnahme des polnischen Motorradfahrers an dem legendären Rennen.

Die Zuschauer hingegen sollten zu ihrem eigenen Schutz beim Rallye-Roulette künftig im eigenen Wohnzimmer fest angeschnallt werden. Denn wer den Horror wirklich sucht, der findet ihn inzwischen auch auf diversen Videokanälen. Leicht und unscharf zu entdecken ist dort jetzt, wie sich der Mini von Guo Meiling zum Projektil verformt.

Die Forderung, bei Gefahr Zuschauerrechte zum Wohle aller zu beschneiden, ist richtig, aber nicht revolutionär. Bei anderen Sportarten sind die Rechte längst stark eingeschränkt. Oder darf man etwa beim Biathlon hinter die Scheibe?