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Motorsport:"Ja, ich fühle mich schuldig"

Autobiografie eines Autoverrückten: Adrian Newey erzählt über Ayrton Sennas fatalen Unfall.

Von René Hofmann

F1 Grand Prix of Singapore - Practice

Adrian Newey, 59, ist einer der bekanntesten Rennwagen-Konstrukteure. Seit den 1990ern prägten seine Entwürfe die Formel 1 - und führten zu insgesamt zwanzig WM-Titeln.

(Foto: Charles Coates/Getty)

Der Tod von Ayrton Senna beschäftigt ihn immer noch. Wie ist das, wenn in dem Auto, das man entworfen hat, ein Rennfahrer stirbt - womöglich, weil die Konstruktion zu gewagt war? Das ist die spannendste Frage, die Adrian Newey in seinem Buch beantwortet, das in dieser Woche erscheint. Newey, 59, ist einer der bekanntesten Rennwagen-Konstrukteure. Seit Beginn der 1990er Jahre haben seine Entwürfe die Formel 1 geprägt; zehn Konstrukteurs- und zehn Fahrertitel haben sie eingeheimst, für Williams (1992-1997), McLaren (1998 & 1999) und Red Bull (2010-2013). Am 1. Mai vor 24 Jahren aber starb eine der charismatischsten Figuren, die die Rennserie hervorgebracht hat, in einem Newey-Auto: Der Brasilianer Ayrton Senna, dreimaliger Weltmeister, zerschellte beim Großen Preis von San Marino in Imola in der Vollgas-Kurve Tamburello an einer Mauer.

"Schon damals wusste man, dass Ayrton für Großes - für noch Größeres - bestimmt war. Viele sahen ihn bereits als zukünftigen brasilianischen Präsidenten. War es diesen Verlust wert, am Sonntagnachmittag ein paar Autos im Kreis herumrasen sehen zu können? Selbst heute noch kann ich kaum darüber sprechen, ohne dass mir die Stimme wegbleibt", schreibt Newey. Was zu Sennas Tod führte? Darüber gibt es etliche Theorien. Die gängigste lautet: Die Lenkstange, die Newey auf Sennas Wunsch nach einer komfortableren Sitzposition kurzfristig hatte modifizieren lassen, könnte auf der welligen Strecke gebrochen sein. In Italien gab es drei Prozesse zu dem Unfall. Sie endeten alle ohne Schuldspruch, "aus Mangel an Beweisen". In der Rückschau auf sein bisheriges Wirken schildert Newey nun seine Sicht auf den Unfall.

Ayrton Senna's Last Race

Was war der Grund für seinen fatalen Unfall in Imola? Drei Prozesse in Italien sollten den Tod von Ayrton Senna aufklären – dreimal schlugen die Versuche fehl.

(Foto: Dario Mitidieri/Getty Images)

Mit dem Williams-Team habe er alle verfügbaren Daten, TV-Aufzeichnungen und Fotos ausgewertet. Newey glaubt nicht, dass ein Bruch der Lenksäule Senna von der Bahn abkommen ließ. Er glaubt, dass der damals 34-Jährige den Wagen auf dem holprigen Asphalt schlicht nicht unter Kontrolle halten konnte, vielleicht, weil er einen schleichenden Plattfuß hatte, vor allem aber, weil das Auto aerodynamisch zu instabil konstruiert war. "Ich werde manchmal gefragt, ob ich mich Ayrtons wegen schuldig fühle. Ja, ich fühle mich schuldig", bekennt Newey. Seine Profession hat er trotzdem nie angezweifelt.

Wie speziell die Figuren in der Formel 1 sind, beschreibt er in einer Anekdote über Ron Dennis

Von klein auf war der Sohn eines Tierarztes in Autos vernarrt. Die Tüftelleidenschaft übernahm er vom Vater, der vor Campingausflügen mit der Familie gerne die Zahnbürstengriffe kürzte, um Gewicht zu sparen. Newey gilt als Design-Genie mit zuweilen mild autistischen Zügen. Seine Autobiografie, die der Autor Andrew Holmes in die Schlussform gebracht hat, bestätigt das. Bis heute erinnert sich Newey an die Kennzeichen aller Motorräder und Autos, die ihm wichtig waren. Bis heute bringt er seine Entwürfe auf einem Zeichenbrett nieder. Und bis heute lässt er sich E-Mails ausdrucken. Eine seiner Töchter ist nach einem Ort benannt, an dem einer seiner Rennwagen einen Sieg errang: Charlotte, wie die Stadt in North Carolina. "Ich weiß nicht, ob ich ihr das je gesagt habe", gibt Newey zu. Beim zweiten Vornamen seines Sohnes griff das Genie knapp daneben. Er heißt William - vermeintlich wie der Opa. Der, so stellte sich aber heraus, war in Wahrheit ein Wilfred gewesen. Neweys Schilderungen sind nicht uneitel, aber ehrlich und unterhaltsam. Wer die Formel 1 verfolgt, erfährt spannende Geschichten. Newey hätte gerne Lewis Hamilton zu Red Bull geholt; um mit ihm zu sprechen, lud er ihn sogar zu sich ein. Aus dem Miteinander aber wurde nichts. Fernando Alonso bot sich offenbar selbst an. "Aber es gab, sagen wir, einen Persönlichkeitskonflikt zwischen ihm und Dietrich (Mateschitz, Red-Bull-Eigner/Anmerkung der Redaktion)", so Newey. Hinter dem Star-Konstrukteur selbst wiederum war Niki Lauda her - und das sogar zweimal. Einmal, als Lauda bei Jaguar das Sagen hatte, und zuletzt noch einmal in seiner Rolle als Chefaufseher des Mercedes-Teams.

Das Buch taugt zur Charakterstudie. Wie speziell nicht wenige Figuren sind, die die Formel 1 hervorbringt, beschreibt eine Anekdote über Ron Dennis recht hübsch. Um den Star-Konstrukteur zu halten, umwarb der einstige McLaren-Chef Newey erst mit großem Aufwand. Als der es dann aber in der neuen, vom berühmten Architekten Norman Forster entworfenen, pedantisch geordneten Firmenzentrale einmal wagte, den Weg zu seinem Büro über ein Stück Rasen abzukürzen, erhielt Newey prompt eine Mail: Bei der nächsten Abweichung vom vorgeschriebenen Arbeitsweg drohe ihm eine "interne Untersuchung".

Adrian Newey: "Wie man ein Auto baut." Pantauro Verlag. 424 Seiten, 28 Euro.

© SZ vom 20.09.2018

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