Das Einzige, was noch fehlte bei diesem Kuscheltermin von Lando Norris und Oscar Piastri, war ein gemeinsames Foto unter dem Regenbogen. Die Chance dazu hatte es gegeben in Las Vegas: Aufgrund des Wechselwetters hatte sich über dem berühmten „Welcome to Fabulous Las Vegas“-Zeichen ein bunter Bogen gebildet. Touristen ließen sich dort fotografieren, Verlobte auf dem Weg zur Hochzeit mit Elvis-Imitator – warum also nicht auch die beiden McLaren-Piloten? Wo sie doch so auffällig betonten, wie harmonisch alles sei gerade. „Besser denn je“ sei das Verhältnis, sagte Norris: „Wir respektieren einander.“ Der Australier ergänzte: „Wir kennen uns jetzt im dritten Jahr. Wenn sich das Verhältnis also geändert hat, dann zum Besseren.“
Hätten nicht alle gewusst, dass es sich um eine reine Inszenierung handelt, wäre die berechtigte Anschlussfrage gewesen: Jungs, was soll der Mist?

Der Mittwoch ist traditionell der Tag der Schaumschlägerei in Vegas. Boxer zum Beispiel, die einander am Wochenende auf die Rübe hauen, sollen den Kampf vorher mit kreativen Beleidigungen bewerben. Das Duell um den WM-Titel in der Formel 1 liefert die perfekte Gelegenheit für eine ähnliche Taktik: Schließlich duellieren sich zwei Kollegen, die in dieser Saison immer wieder aneinander geraten sind auf der Strecke, zuletzt Anfang Oktober in Singapur. Es gibt darüber hinaus Debatten, ob McLaren vielleicht den Briten bevorzuge, der am Samstag sein 150. Rennen für den Stall absolviert, so viele wie bisher nur David Coulthard.
Verstappen könnte bei einem Sieg mit Piastri gleichziehen und bis auf 24 Punkte an Norris heranrücken
Außerdem werden Norris und Piastri in der Netflix-Dokuserie „Drive to Survive“, die das öffentliche Bild von der Formel 1 nicht unwesentlich prägt, bewusst überzeichnet: Hier der lässige Brite mit feinem Humor, der ein Comeback hinlegt. Dort der analytische Australier, der vor aller Augen den möglichen Verlust des WM-Titels nach einer Pech- und Pleitenserie verarbeitet – und möglicherweise den Verlust des Vertrauens durch sein Team. Und dann sagen die Protagonisten beim Bewerben des Spektakels also, dass ihr Verhältnis besser sei denn je?
Es ist wahrscheinlich so, dass es keine Schaumschlägerei mehr braucht, das Material für die Hype-Vorschauen auf den Riesenleinwänden von Vegas ist ja eh schon da. Und Piastri hat mit sich selbst genug zu tun.
Während Norris seit Ende August einen 34-Punkte-Rückstand in einen 24-Zähler-Vorsprung verwandeln konnte, hat Piastri in den vergangenen fünf Rennen kein einziges Mal das Podium erreicht. Geht es nach dem Wettbüro in Vegas, wird das auch dieses Mal so sein. Für Samstag prognostizieren die Buchmacher Red-Bull-Pilot Max Verstappen als Gewinner, Norris knapp dahinter als Zweiten – und Piastri als Vierten. Der nimmt das alles wahr und er weiß, dass er tatsächlich Fehler gemacht hat: „Es gab ganz einfach ein paar Lektionen und knifflige Momente. Die muss ich akzeptieren und daraus lernen – mehr ist es aber auch nicht.“
Für die Sticheleien, die am Schaumschlägertag in Vegas erwartet werden, war dann jemand anderes zuständig, nämlich der Buchmacherfavorit Verstappen. Der könnte bei einem Sieg mit Piastri gleichziehen und bis auf 24 Punkte an Norris heranrücken – im Fall, dass die McLaren-Piloten in Vegas ohne Punkte bleiben.
Verstappen sagte, dass er „sehr viel Glück“ brauche, wenn es mit dem fünften WM-Titel nacheinander tatsächlich noch klappen soll. Doch besonders demütig klang er nicht, als er nach Piastri gefragt wurde. Ob es vielleicht möglich sei, dass der Australier vergessen habe, wie man einen Formel-1-Boliden steuert, fragte tatsächlich ein Reporter. „Nein“, antwortete Verstappen, „das glaube ich nicht. Aber ich weiß ehrlicherweise auch nicht, wie das so passieren konnte. Ich habe keine Erklärung dafür und finde es sehr bizarr. Ich hätte nicht gedacht, dass es so laufen würde. Letztlich ist es aber auch nicht mein Problem.“

Verstappen gibt in diesem Kampf also den Boxer, der recht gelassen am Ring sitzt, aber wissen lässt, dass er den WM-Titel schon nehmen würde, sollten sich tatsächlich zwei Kontrahenten gegenseitig durch die Seile prügeln. Auch wenn er es wohl für nicht besonders wahrscheinlich hält: „Da ist aber schon viel zusammengekommen. Das wird sicher nicht so weitergehen“, sagt Verstappen über Piastris Misere.
Nichts könnte Piastris Situation jedenfalls genauer beschreiben als die Analyse von Verstappen: So heftig sein Einbruch auch ist, er hat immer noch die Chance, dass sich am Ende alles zum Besten wendet. Und sei es durch den Funkspruch des Teams, dass er nun bitte schön Norris überholen solle ohne dessen Gegenwehr. Irgendwie muss er nur sein Selbstbewusstsein und seine unbestrittenen Fähigkeiten als Fahrer zurückbekommen. Nach dem Rennen in Las Vegas folgen noch zwei.
Die zwei Szenarien für Piastri in dieser Saison, sie lauten entweder „alles verzockt“ oder „alles verzockt und danach noch alles gewonnen“. Und welcher Ort eignet sich für solch eine Zuspitzung besser als Las Vegas?

