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Motorsport:Die Grid-Girl-Kontroverse zeigt die Rückständigkeit der Formel 1

Formel 1

Grid-Girls mit britischer Flagge stehen auf der Rennstrecke in Silverstone.

(Foto: dpa)

In der Rennserie läuft eine Konterrevolution, die mächtigen Männer von einst wittern wieder Morgenluft. Es kommt noch viel Streit auf die Formel 1 zu.

Die Konterrevolution rollt. Nun soll es in der Formel 1 doch wieder Frauen geben, die den Männern mit Nummerntäfelchen ihre Startplätze anweisen. Die sogenannten Grid Girls waren in der Winterpause von den neuen Besitzern der Rennserie, dem US-amerikanischen Unterhaltungskonzern Liberty Media, abgeschafft worden. Nicht mehr zeitgemäß, so lautete die Begründung. Jetzt aber hat sich der Veranstalter des bekanntesten Rennens zu Wort gemeldet - und er ist ganz anderer Meinung. Michel Boeri spielt im Automobilweltverband FIA mehrere wichtige Rollen. Außerdem steht er dem Automobilklub von Monaco vor, der den Großen Preis von Monte Carlo veranstaltet. Am 27. Mai wird der in diesem Jahr gestartet - mit Hilfe auffallender Frauen, so hat es Boeri am Donnerstag verkündet.

"Wir haben keinerlei Problem mit Liberty Media", sagt Boeri: "Bis auf die Sache mit den Grid Girls." Die seien "hübsch, und die Kameras werden wieder auf sie gerichtet sein". Den Vorwurf des Sexismus kann der Anwalt nicht verstehen: "Unsere Hostessen absolvieren Model- und PR-Schulen. Sie treten während des Grand Prix bei Veranstaltungen auf, die dem Rahmen ihrer Ausbildung entsprechen. Und sie werden dafür bezahlt", sagt Boeri und fragt: "Warum in aller Welt sollte ich 30 Frauen davon abhalten, sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen?"

Wie in Monaco soll es auch in Sotschi wieder Grid Girls geben

Ähnliche Töne waren am gleichen Tag noch woanders zu hören. In Moskau erklärte Vize-Ministerpräsident Dmitri Kosak, der dem Organisationskomitee des Rennens in Sotschi vorsteht: Auch am Schwarzen Meer sollen wieder Frauen Spalier stehen, wenn die Formel 1 Ende September vorbeikommt. "Frauen werben in jedem Motorsport für die Autos. Das wirkt attraktiv und passend", findet Kosak. Die Idee, die Fahrer wie in anderen Sportarten mit Kindern losziehen zu lassen, hält er für keine gute: "Kinder haben Angst vor der Technik", so der 59-Jährige, "hier brauchen wir Erwachsene."

Beim 24-Stunden-Rennen in Le Mans werden den Männern seit 2015 keine Frauen mehr als schmückendes Beiwerk zur Seite gestellt, das traditionsreiche Radrennen Vuelta hat die Tradition im vergangenen Jahr abgeschafft, die Professional Darts Corporation verzichtet seitdem ebenfalls auf Walk-on-Girls. Der Deutsche Fußball-Bund wird ab diesem Jahr vor dem Pokalfinale keine Prominente mehr die Trophäe in einem goldenen Kleid aufs Feld tragen lassen. Der Trend geht ganz eindeutig in die richtige Richtung. Daran ändern zwei alte Männer wenig, die ihre Rückständigkeit besonders entschlossen inszenieren - wohl auch, um ihren Veranstaltungen ein bisschen mehr Aufmerksamkeit zu sichern. Vielsagend für die Formel 1 ist die Grid-Girl-Kontroverse aus einem anderen Grund.

Zusammen mit den Teameignern waren die Rennveranstalter einst die mächtigsten Kräfte. Erst Bernie Ecclestone änderte das. Indem er sich das Recht sicherte, für alle Teams verhandeln zu dürfen, nahm er den Streckenbetreibern die Chance, die Rennställe beim Poker um die Startgelder gegeneinander auszuspielen. Der Einfluss der Grand-Prix-Betreiber schwand gewaltig. Wenn die neuen Eigner nun nicht einmal in der Lage sind, das Rahmenprogramm widerspruchslos in ihrem Sinne zu gestalten, dann kündet das von einer Zeitenwende: Die Größen von einst - sie wittern wieder Morgenluft.

Für die Zeit ab 2021 plant Liberty Media wirklich einschneidende Änderungen, die den Kern des Sports betreffen: günstigere Motoren, mehr Einheitsbauteile, eine Budget-Obergrenze, eine gerechtere Verteilung der Einnahmen. Neue Teams sollen so gewonnen werden, was die Zukunft des Rennzirkus sichern soll. Die Pläne sind umstritten, weil sie viele Interessen berühren. In nächster Zeit wird es darüber viel Streit geben. Und das so ganz unter Männern.

© SZ vom 07.04.2018/schma
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