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Motorradsport:Das gefährliche Spiel mit der Zeit

Die Motorradsport-Welt steht unter Schock: Innerhalb von einer Woche gibt es zwei tödliche Unfälle, nach dem 13-jährigen Peter Lenz stirbt auch der japanische Profi Shoya Tomizawa.

René Hofmann

Der Misano World Circuit liegt an der Autostrada Adriatica, nicht weit von den Stränden Riminis entfernt. Der Große Preis von San Marino war deshalb ein besonderes Rennen für den neunmaligen Motorrad-Weltmeister Valentino Rossi, das er mit einem besonderen Helmdesign beging: Der Italiener ließ sich einen Wecker auf den Helm malen - in unterschiedlichen Versionen. Auf einer zeigten die Zeiger kurz vor zehn, auf dem Helm, den Rossi in der Qualifikation trug, kurz vor zwei. Die Symbole, die der 31-Jährige wählt, sind nicht immer leicht zu deuten. Der Wecker sollte ein Spaß sein: "Für jedes Training habe ich einen eigenen Helm, der die richtige Zeit zeigt, damit ich nicht zu spät komme", erklärte Rossi.

Shoya Tomizawa

Shoya Tomizawa während eines Rennens am 11. April. Am Sonntag verstarb der Japaner bei einem Unfall beim Großen Preis von San Marino.

(Foto: dpa)

So, wie das Wochenende dann aber verlief, ließ sich die Lackierung auch ganz anders deuten: als Sinnbild für die Vergänglichkeit. Das Spiel mit der Zeit, das Um-die-Wette-fahren mit Gegnern - es bleibt gefährlich. Lebensgefährlich. Beim Rennen der Moto2-Kategorie ließ der Japaner Shoya Tomizawa sein Leben. Der 19-Jährige war Vierter, als er in der zwölften von 26 Runden bei hoher Geschwindigkeit die Kontrolle über sein Motorrad verlor und stürzte. Der Brite Scott Redding und Alex de Angelis, der in San Marino wohnt, konnten weder bremsen noch ausweichen. Sie überfuhren Tomizawa, der Frakturen am Oberkörper erlitt und einen Schädelbruch; zudem traten innere Blutungen auf.

Kollegen unter Schock

Die ersten Nachrichten, die aus dem Streckenhospital drangen, waren noch vorsichtig optimistisch: Nach einem Herzstillstand sei Tomizawa wiederbelebt worden. Er sei in ein künstliches Koma versetzt worden und werde mit einem Krankenwagen ins Krankenhaus nach Riccione verlegt. Auf dem Weg dorthin starb der Motorrad-Profi um 14.20 Uhr, zwanzig Minuten nach dem Start des MotoGP-Rennens, das der Spanier Dani Pedrosa vor Jorge Lorenzo und Valentino Rossi gewann. Die Fahrer wurden im Ziel über den Tod ihres Kollegen informiert. Sie zeigten sich geschockt.

"An so einem Tag würde man am liebsten nichts sagen. Tomizawa war ein sehr sympathischer Fahrer. Als ich seinen Sturz gesehen haben, habe ich gehofft, dass er sich nur sehr weh getan hat", sagte Valentino Rossi. Jorge Lorenzo meinte: "Heute ist einfach ein trauriger Tag." Der Spanier bat die TV-Reporter, nicht weiter nachzufragen. Dani Pedrosa zeigte mit dem Finger auf seine in dickes Leder gepackte Brust und sagte: "Ich habe ein Riesenloch hier drin. Zwei Tote in nur einer Woche - ich weiß nicht, was ich fühlen soll."

Beim Rennen in Indianapolis hatte es am vergangenen Wochenende ebenfalls einen tödlichen Unfall gegeben, der ähnlich verlaufen war wie der von Tomizawa. In einem Nachwuchsrennen, das im Rahmenprogramm des WM-Laufs stattfand, war der 13 Jahre alte Peter Lenz gestürzt und von einem zwölf Jahre alten Kollegen überfahren worden. Auch Lenz war nach einer Wiederbelebung im Krankenhaus gestorben. Erst am Freitag war er auf dem Friedhof der St.-Josephs-Kirche in seiner Heimatstadt Vancouver im US-Bundesstaat Washington beigesetzt worden. Die Fahrer der Motorrad-WM hatten seiner in Misano mit einer Schweigeminute gedacht.

"Das ist, wie wenn ein Familienangehöriger stirbt"

Der letzte tödliche Unfall in der Weltmeisterschaft hatte sich zuvor im Jahr 2003 ereignet. Am 20. April jenes Jahres war der Japaner Daijiro Kato, der zwei Jahre zuvor die WM in der Klasse bis 250 Kubikzentimeter Hubraum gewonnen hatte, beim Auftaktrennen in Suzuka in der dritten Runde mit etwa 190 km/h gestürzt und gegen eine nur einen Meter neben der Strecke stehende Mauer geprallt. Kato wurde schwerverletzt geborgen. Er starb 13 Tage später an den Unfallfolgen. Am Donnerstag hatten etliche Fahrer in Misano bei einer Benefiz-Veranstaltung auch seiner gedacht.

Shoya Tomizawa fuhr Motorrad-Rennen, seit er drei Jahre alt war. Mit 15 startete er in der japanische Meisterschaft, in der er 2008 in der 250-Kubikzentimeter-Klasse Zweiter wurde. In der WM trat er erstmals 2006 an, als Wildcard-Starter beim Japan-Grand-Prix. Seit 2009 war er permanenter WM-Fahrer in der 250-ccm-Klasse, die in diesem Jahr in der Moto2 aufging. Das erste Rennen der neuen Kategorie im April in Katar gewann Tomizawa, der in Chiba geboren worden war und für das Team Technomag-CIP startete.

Der deutsche Moto2-Fahrer Stefan Bradl, der in Misano als Fünfter sein bestes Saisonresultat erreichte, rief seinem Kollegen nach: "Er war ein sehr lustiger und lebensfroher Mensch. Er hat immer viel Spaß gehabt und viel Spaß gemacht. Das ist, wie wenn ein Familienangehöriger stirbt."

© SZ vom 06.09.2010/aum
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