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Motorrad-WM:Mit Protest-Shirts nach Spielberg

Stefan Bradl

Bis zum Abwinken: 2011 war die erfolgreichste Saison für Kiefer Racing – weil Stefan Bradl (oben beim Sieg in Katar) den WM-Titel der Moto2-Klasse für das deutsche Rennteam gewann.

(Foto: imago)

Das traditionsreiche Motorrad-Team Kiefer Racing verliert seinen Platz in der Moto2-WM für 2020. Für den deutschen Nachwuchs sind das alarmierende Nachrichten.

Was die Vergangenheit wert ist, das erfährt man in der Gegenwart, und manchmal trifft einen die Erkenntnis unvorbereitet. Jochen Kiefer hatte diesen Moment der Klarheit in einem Büro am Rande des Grand Prix in Brünn in Tschechien. Da wurde ihm offenbart, was man von den Verdiensten des traditionsreichen deutschen Rennstalls Kiefer Racing hält. Er musste erkennen: nicht allzu viel. Zumindest war das der Eindruck, den ihm die Dorna, der Rechteinhabers für die Motorrad-Weltmeisterschaft, vermittelte. Kiefer musste hören, dass sein Team 2020 aus der WM geworfen wird. Keine fünf Minuten dauerte die Unterhaltung, und die Männer, die ihm die Nachricht überbringen mussten, hatten dabei selbst Tränen in den Augen, erzählte Kiefer: "Absolut unverständlich, dass wir gehen müssen." Er wusste zwar, dass der Dorna die Teams mit nur einem Fahrer ein Dorn im Auge waren. Denn die Zahl der Fahrer und Teams soll von 31 auf höchstens 28 reduziert werden. Weniger Teams, weniger Kosten, so ist die Rechnung der Dorna.

Das Aus traf den Rennstall völlig unvorbereitet, die Pläne für die nächste Saison lagen schon bereit

Doch das Aus traf das Team, das seit 16 Jahren in der WM fährt, trotzdem völlig unerwartet. Die Bewerbung für die nächste Saison lag schon in der Schublade, Kiefer wollte einen zweiten Fahrer aufbieten, neben dem Talent Lukas Tulovic, 19. Jonas Folger war im Gespräch, ein weiterer deutscher Fahrer, der nach einem Burn-Out wieder zurück in die WM drängt. Doch die Dorna will Kiefer Racing nicht mehr in der Serie Moto2 fahren sehen, die von spanischen und italienischen Teams dominiert wird - und "die teilweise dubios arbeiten", wie Kiefer dem Portal motorsport-total sagte. Schon bevor die Unterlagen für das nächste Jahr eingereicht werden sollten, kam die Verbannung für Kiefer.

Und so verliert die Motorrad-WM ein Team, das im Fahrerlager geschätzt wird und finanziell solide aufgestellt ist. Für den deutschen Nachwuchs sind das alarmierende Nachrichten. Denn der Name Kiefer steht im Motorradsport für hervorragende Aufbauarbeit, quer durch alle Klassen. Und er steht auch für die letzten großen deutschen Erfolge. Mit Fahrer Stefan Bradl gewann der Rennstall 2011 die Moto2-WM, mit Fahrer Danny Kent siegte er in der Moto3-Klasse. "Die Kiefers haben mich 2007 wieder in die WM zurückgeholt, sie waren wie eine Familie für mich", berichtete Bradl, nachdem das Gerücht vom Kiefer-Aus die Runde gemacht hatte. "Jochen hat seinen Bruder verloren, jetzt verliert er auch noch die Startplätze", sagte Bradl dem Magazin Speedweek.

Es sind schwere Jahre für den Rennstall und für Jochen Kiefer. 2017 starb sein Bruder - damals Teamchef - in Malaysia in einem Hotelzimmer während des Grand Prix in Sepang an einem Herzinfarkt, mit 51 Jahren. Die Brüder betrieben den Rennstall seit 1998 zusammen. Jochen war der Techniker, Stefan der Teammanager, der die Kontakte pflegte und das Finanzielle regelte. Seit dem Tod seines Bruders steht Jochen Kiefer, 51, alleine an der Spitze. "Stefan wusste, wo er hingehen muss und mit wem er zu reden hat. Dieses Wissen fehlt mir teilweise noch", sagt Kiefer. Das Aus für den Rennstall könne auch das Ende für die beiden deutschen Neulinge in der Serie, Tulovic und Philipp Öttl, bedeuten, befürchtet Rennstallbesitzer Peter Öttl, der in der Moto3 ein Team zusammen mit Max Biaggi unterhält. Und so könnte von den vier Fahrern, die in Tschechien an den Start gehen, nur noch Marcel Schrötter aus Landsberg am Lech in der WM bleiben, der für das Team Intact GP im Moment um die Podiumsplätze fährt.

Der Startplatz von Kiefer Racing soll Gerüchten zufolge aber gar nicht gestrichen werden, sondern an das Petronas-Team gehen. Das wäre dann eine neue Volte. "Die Großen mit viel Geld verdrängen die kleinen Teams. Wenn es tatsächlich so kommt, dann ist das nicht okay", findet Öttl. Dabei hatte Kiefer viel mit dem Talent Tulovic vor: Ein Drei-Jahres-Plan wurde aufgestellt, am Ende hätte der 19-Jährige um Siege in der WM fahren sollen. Doch schon nach seiner Debüt-Saison scheint es nicht mehr weiterzugehen. "Es ist das Team, das seit Jahren am meisten für den deutschen Nachwuchs tut. Es ist das Leben von uns allen", klagte Tulovic. Sein Chef formulierte es ein weniger pragmatisch: "Sie haben mich arbeitslos gemacht", sagte Kiefer dem Portal motorsport-total.com.

Um die Verbannung rückgängig zu machen, starten Fans eine Online-Petition

Doch geschlagen geben will sich er noch nicht. Vor dem Großer Preis von Österreich in Spielberg an diesem Wochenende ließ er eine Erklärung verbreiten: "Wir werden nicht so schnell aufgeben, damit vielleicht maßgebliche Herrschaften in Deutschland aufmerksam werden und gemeinsam mit den Verantwortlichen der Weltmeisterschaft diese Entscheidung nochmals überdenken", hieß es da.

Derweil erfährt der Rennstall unter den Motorradfans große Unterstützung. Eine Online-Petition läuft, um den Rechteinhaber Dorna dazu zu bringen, seine Entscheidung rückgängig zu machen. "Wir sind auch überwältigt von den Reaktionen. Wir hätten nie gedacht, dass wir so viele Fans haben. Es ist gut zu wissen, diesen Rückhalt zu haben", sagt Kiefer. Auch Lukas Tulovic hat sich etwas ausgedacht - und vertreibt Protest-Shirts. "Save Kiefer Racing" und "30 Jahre Motorsport made in Germany" steht darauf.