Motorrad Weltmeister mit Geleitschutz

Saisonsieger am Ende der Strecke: Moto3-Gewinner Danny Kent (England, links), MotoGP-Sieger Jorge Lorenzo (Spanien, Mitte) und der Erstplatzierte der Moto2, Johann Zarco (Frankreich, rechts).

(Foto: Javier Soriano/AFP)

Valentino Rossi fährt von der letzten Startreihe weit vor, als Champion der MotoGP-Klasse aber wird Jorge Lorenzo gekrönt - auch weil der Spanier fragwürdige Hilfe von seinen Landsleuten erhält.

Von Philipp Schneider, Valencia/München

Ein Streckenposten lief heran, eine spanische Flagge in der Hand, und es sah kurz so aus, als wolle er versuchen, diese im Überschwang des Moments in den Anzug von Jorge Lorenzo zu schieben. Auch am Streckenrand hatten längst jubelnde Menschen Position bezogen, als Lorenzo seine Yamaha in Bewegung setzte, um auf eine Ehrenrunde zu rollen. Es waren Bilder, wie es sie eben zu sehen gibt, wenn im Motorsport ein neuer Weltmeister gefunden ist.

Währenddessen aber standen in der Box von Lorenzos Team die Kollegen des nun fünfmaligen Weltmeisters, sie bildeten ein nicht endendes Spalier und durch dieses rollte jemand anders: Valentino Rossi, der neunmalige Weltmeister, der soeben seinen zehnten Titel verpasst hatte. Rossi fuhr mit geöffnetem Visier zwischen den Yamaha-Mitarbeitern hindurch, deren Hände sausten auf ihn herab: Hatte in der Geschichte der Motorrad-Weltmeisterschaft je ein Viertplatzierter so viele Schulterklopfer erlebt wie Rossi am Tag seiner bittersten Niederlage?

Als dieses Rennen vorbei war, als der vielerorts erwartete größte Showdown der Motorrad-Geschichte ausgefallen war, werden sich selbst die Menschen in der Yamaha-Box gefragt haben, welcher Gehalt von diesem letzten Rennen der Saison in Valencia nun für die Geschichtsbücher abfallen wird: eine Geschichte über Lorenzo, den verdienten Weltmeister? Oder sogar eine über Rossi, den von Marc Márquez um den Titel gebrachten Großmeister?

Zweifelsfrei war wie schon zwei Wochen vorher ein Rennen zu Ende gegangen, über das noch lange diskutiert werden wird: Vor allem über die letzten vier, fünf Runden dieses Grand Prix', bei denen vorerst nicht ganz klar ist, ob die Spanier Márquez und Dani Pedrosa ihren Landsmann Lorenzo hätten überholen können. Die Fernsehbilder und Rundenzeiten legen nahe, dass sie zu diesem Zeitpunkt deutlich schneller waren als Lorenzo, der sagte später: "Es gab viel Druck von hinten. Der Hinterreifen war zerstört. Ich habe mich ganz auf mich konzentriert und gebetet."

Sein Gebet wurde offenbar erhört. Márquez und Pedrosa waren in der Schlussphase des Rennens jedenfalls eher damit beschäftigt, um Position zwei zu kämpfen, als damit, Lorenzo zu überholen. In jenem Fall wäre Rossi Weltmeister geworden. Zumindest bei Márquez, der eigentlich eher für eine waghalsigen Fahrstil berühmt ist, sah es ganz stark danach aus, als würde er diesmal möglichst stressfrei über die Ziellinie tuckern wollen. Um Lorenzo zu schonen? "Ich habe viel versucht und den Angriff für die letzten beiden Runden vorbereitet", sagte er später: "Ich wollte Jorge überholen, aber es ging nicht."

Rossi, der Doktor des Motorradsports, hätte auf dem asphaltierten Operationstisch der Strecke von Valencia ein Wunder vollbringen müssen, um auf den zweiten Platz vorzustoßen - und sich so den Titel aus eigener Kraft zu sichern. Rossi war zwar mit sieben Punkten Vorsprung in der Gesamtwertung auf Lorenzo ins Rennen gegangen. Allerdings musste er seine Yamaha diesmal in der letzten Startreihe parken. Nach dem Grand Prix von Malaysia hatten ihm die Rennkommissare diese Strafe auferlegt, nachdem Márquez im Zweikampf mit Rossi in einer Kurve gestürzt war. Eine Absicht, Márquez zum Sturz zu bringen, warfen die Rennkommissare Rossi nicht einmal vor. Ansonsten wäre er für das letzte Rennen sogar gesperrt worden. Sie vermuteten allerdings, dass Rossi den Spanier absichtlich von der Strecke gedrängt hatte.

Nachdem Lorenzo in der Qualifikation am Samstag eine Fabelzeit hingelegt hatte und daher von der Pole Position starten durfte, hätte Rossi am Sonntag 24 Fahrer überholen müssen. Und diese 24 Fahrer teilten sich diesmal in Freunde und Feinde. In Spanier und Italiener. In Rossi-Fans und Rebellen. In Unterstützer und Bremser. "Jeder gibt hier beim Saisonfinale noch mal alles", verkündete der Deutsche Stefan Bradl zwar vor dem Start, er sagte gar: "Im Leben bekommst du nix geschenkt. Das gilt auch für die MotoGP."

Aber was sollte er auch anderes sagen? In Wahrheit waren an dieser WM-Entscheidung alle Fahrer beteiligt, ob sie wollten oder nicht. Denn selbst wenn es einer wie Valentino Rossi ist, der vorbeiziehen möchte, kann man es ihm einfach machen oder eher schwierig.

Lorenzo erwischte einen guten Start, als Führender bog er in die erste Kurve ein und diese Führung behielt er bis zum Schluss. Hinter ihm folgten in unveränderter Reihenfolge Márquez, der als Zweiter ins Rennen gegangen war und Pedrosa. Rossi legte ebenfalls flott los, nach ein paar Kurven lag er schon auf Rang 16, nach der ersten Runde auf 15. Für eine Weile hing er fest an den Hinterrädern von Bradley Smith und Danilo Petrucci; in Runde acht war er an beiden vorbei. Vorne, an der Spitze des Feldes, drehte Lorenzo die schnellste Runde - an seinem Hinterrad wusste er um den schützenden Puffer aus Márquez und Pedrosa. Die drei Spanier setzten sich vom Rest des Feldes immer deutlicher ab; für Rossi, das war schnell klar, würde maximal Platz vier rausspringen. Und sollte sich an der Reihenfolge ganz vorne nichts mehr ändern, wäre Platz vier: zu wenig. 18 Runden vor Schluss hatte Rossi schließlich nur noch das Führungstrio vor sich; der drittplatzierte Pedrosa lag 13 Sekunden vor ihm, wurde immer schneller und baute seinen Vorsprung aus. Und der Doktor hing fest auf einem Platz, auf dem er verdammt war, ein Spektakel zu betrachten, auf das er keinen Einfluss mehr nehmen konnte. Wobei, Spektakel?

Zu einem halbherzigen Überholmanöver setzte Márquez nur einmal an, ansonsten blieb er schön brav am Hinterrad von Lorenzo. Pedrosa kam immer näher, zwei Runden vor Ende ging er vorbei an Márquez, der konterte und rettete seinen zweiten Platz. Und so ging den zwei Honda-Piloten genug Zeit verloren, dass Lorenzo nicht einmal mehr theoretisch hätte attackiert werden können.