Momente im All England Club 33 Tonnen Erdbeeren und ein Royal Boxer

Grassamen gibt es für 14 Pfund, Andre Agassi spricht, Kevin Anderson verschlägt es auf ein Konzert und Frauenschwarm Feliciano Lopez holt sich einen Federer-Rekord. Der Rückblick auf die erste Woche.

Von Gerald Kleffmann, Wimbledon

Die erste Woche der größten Tennismesse ist fast vorbei. Am Sonntag ist spielfrei beim Rasen-Turnier in Wimbledon, das Gras muss sich erholen, nicht die Spieler, so ist die Lage, so ist die Tradition. Es war heiß und wird noch heißer. Ab diesem Montag starten die Achtelfinals, und die Anlage im All England Club wird zwar einerseits leerer, weil ja viele Profis verloren haben und abgereist sind. Andererseits kommen neue Wettbewerbe hinzu. Die Junioren und Juniorinnen starten, die Rollstuhlspieler und natürlich auch die früheren Profis, die sich als sogenannte "Legends" für ein schönes Sümmchen jeweils ins Schaufenster stellen und mit etwas steiferer Hüfte heute die Bälle in den Show-Doppelmatches über die knallhart gespannten Netze schlagen. Ehe es weitergeht, ein Rückblick auf die zurückliegenden Tage. Wie immer ging es nicht nur um den weißen Sport, der in Wimbledon ja wirklich weiß ist.

Denis Istomin tröstet das Ballmädchen, das von Nick Kyrgios getroffen wurde.

(Foto: Peter Nicholls/Reuters)

Verlässlicher Schlagzeilenmacher

So verlässlich, wie der All England Club erst um exakt 10.30 Uhr die Menschen auf die Anlage lässt, so verlässlich bietet Nick Kyrgios Schlagzeilen, die nicht ausschließlich von seinem oftmals genialen Spiel handeln. Einmal erhielt er im Daily Telegraph einen ganzen Seitenaufmacher, weil einer seiner Aufschläge ein Ballmädchen getroffen hatte, das danach sehr weinte. Mehr als 200 Kilometer pro Stunde schnell war sein Geschoss. In Pressekonferenzen fläzt er oft wie ein Lümmel und sagt: ja, nein, next question, no comment. Je nachdem, ob er Bock hat oder nicht. Als Marion Bartoli etwas sagte, hat er aber doch reagiert. Die Wimbledonsiegerin von 2013 meinte im Fernsehen, Kyrgios und dessen Kumpel Gaël Monfils wären unreife Jungs und würden ihr Potential nicht ausschöpfen. Übers Internet keilte Kyrgios zurück, verbat sich solche Kommentare und meinte: "Sie sind mir egal."

Im Namen der Kaffeemarke

Andre Agassi hat sich auch zu Wort gemeldet. Er tut das im Grunde bei jedem Grand Slam, nicht, weil er sich immer zu Wort melden will. Aber er ist Botschafter einer italienischen Kaffee-Marke und diese sponsert auch die Grand Slams. Agassi gibt keine Interviews einfach so, der Knebel ist überwiegend der, dass man mit ihm reden kann, wenn man zu einem der Pressetermine der Kaffeemarke geht und dann möchte die Kaffeemarke natürlich erwähnt werden. Und dann druckt sogar die britische Presse, die sonst sehr korrekt ist, was journalistische Unabhängigkeit betrifft, den Namen der Kaffeemarke ab. Man sollte wissen, dass Botschaften von Personen im Sport auch Teil von Business-Strategien sind. Viele schimpfen auf die Medien, aber viele wollen hinein. Was Agassi diesmal gesagt hat? War nicht so wichtig.

Der Spanier Feliciano Lopez.

(Foto: Glyn Kirk/AFP)

Frauenschwarm mit Rekord

Es gibt tatsächlich Rekorde, die nichts mit Roger Federer zu tun haben. Feliciano Lopez hat gerade einen aufgestellt. Der Spanier, der übrigens als einer der größten Frauenschwärme auf der Tour gilt - sogar Andy Murrays Mutter Judy hat im Internet mal seufzend auf ein Foto von Lopez im nassen Shirt verwiesen. Der Spanier also spielte zum 66. Mal in Serie im Hauptfeld eines Grand-Slam-Turniers mit. "Als ich davon hörte, dass ich den Rekord aufstelle, dachte ich, wow, ich breche einen Rekord von Federer", sagte Lopez. Der Linkshänder verlor diesmal in der zweiten Runde gegen den Argentinier Juan Martin del Potro.

14 Pfund für Grassamen

Im Souvenirshop von Wimbledon gibt es die üblichen Dinge, Shirts, Kappen, Pins. Aber Wimbledon ist auch das einzige der vier Grand Slams, das seinen Bodenbelag verkauft. Also indirekt. Grassamen, aus denen der unverwechselbare grüne Untergrund entsteht, sind in einem kleinen Gefäß erhältlich. Kostenpunkt: 14 britische Pfund. Gebrauchte Bälle sind günstiger, sie sind für ein Pfund zu haben. Man weiß zwar nicht, wer damit gespielt hatte, aber man kann sich ja einreden: Federer vielleicht. Oder Julia Görges.

Social-Media-Queens

Katie Swan, eines der beiden blonden englischen Talente, die zu Anfang die Briten begeisterten, ehe die Niederlagen kamen, verriet, dass sie sich auch mit Andy Murray unterhalten hätte, ehe der sich wegen seiner Hüfte abmeldete. Worum es ging? Um Tennisstrategien, Tipps, Austausch an Erfahrungen? Sie hätten eigentlich, sagte Swan, vor allem über Love Island geredet, diese TV-Show, in der sich Menschen auf einer Insel näher kommen oder auch nicht. Swan und ihr Pendant Katie Boulter, auch blond, haben übrigens sehr, sehr viele Follower in ihren sozialen Medien-Accounts hinzugewonnen bei diesem Wimbledon-Turnier. Die Zeiten, in denen es dort nur um Weltranglisten-Punkte und Geld ging, sind vorbei.

Kurz zum Jack-Johnson-Konzert

Was man auch erfahren hat: Der Südafrikaner Kevin Anderson, der Philipp Kohlschreiber in der dritten Runde besiegte, war danach bei einem Konzert von Jack Johnson in der Innenstadt Londons. Roger Federer verriet seinen speziellen Ernährungsplan, der deshalb speziell ist, weil er völlig unkompliziert ist, im Gegensatz zu den Ernährungsplänen vieler anderer Spieler wie etwa dem des spindeldürren Novak Djokovic. Federer isst im Grunde: alles. Natürlich aber mit Bedacht. An Match-Tagen bevorzugt er Pasta.

Die berühmten "Strawberries and cream".

(Foto: Andrew Boyers/Reuters)

Ein Herz für unperfekte Erdbeeren

Passend zum Thema: ein Wort zu den Erdbeeren. 1,4 Millionen Erdbeeren, das sind 33 Tonnen, werden für Wimbledon geliefert, ein bisschen flüssige Sahne drauf, fertig ist der Klassiker. Die Daily Mail berichtete, eine Erdbeere müsse 25 bis 45 mm breit sein. Sie werden frisch gepflückt, nur die perfekten erreichen die Verkaufsstände. Und genau das wiederum hat am Freitag tatsächlich zu einer Demonstration geführt, in die der SZ-Reporter unvermittelt hineingeraten war auf dem Gang zum All England Club. "What do we want? Wonky strawberries!", brüllte ein Gruppe junger Menschen. Sie hielten Schilder hoch, gut organisiert waren sie, wie politische Aktivisten. Auf einem Schild stand: "Justice for wonky strawberries!" Wonky heißt so viel wie: schief, krumm, nicht in Ordnung. Die unperfekte Erdbeere, dazu muss man kein Hellseher sein, wird es aber wohl weiterhin schwer haben, es in den All England Club zu schaffen. Die Herren dort sind sehr konsequent mit ihren Vorstellungen, was Wimbledon-würdig ist.

Stillen ist nicht

Serena Williams, die Ex-Nummer-Eins, erzählte ihrerseits, warum sie mit dem Stillen aufgehört habe. Auch diese Erklärungen erhielten in einer Zeitung fast eine ganze Seite. Williams also sagte, sie hätte ja überall gehört, man nehme beim Stillen ab. Bei ihr passierte das aber nicht. Und daher hörte sie damit im April auf, auf die Empfehlung ihres Teams hin. Um doch schneller in Form zu kommen. Tatsächlich wirkt sie wesentlich fitter als etwa noch kürzlich in Paris bei den French Open.

Der Ex-Boxer David Haye (M.) in der Royal Box.

(Foto: Ben Stansall/AFP)

Royal Boxer

Abschließend das Thema Royal Box: Diese Loge oberhalb einer der beiden Grundlinien im Hauptstadion, dem Centre Court, ist die berühmteste in der Welt des Sports. Man kann hier nicht einfach als Promi vorbeispazieren. Man wird eingeladen. Wie der Ex-Boxer David Haye, der schon sehr früh am Morgen da war auf der Anlage, sich aber leider mit der Kleidung verzockt hatte. Alles war schwarz und dunkel, und bei Temperaturen um die 27 Grad schwitzte er wie nach Runde zwölf. Ein Auszug der Gästeliste vom Samstag: Mo Farah, Bobby Charlton, Tommy Fleetwood, Sergio Garcia, Billie Jean King, Li Na. Und Menschen mit wunderbaren Namen wie: Camilla Kerslake-Morgan, Professor Nick Wobborn, Mrs Una Beaumont, Mrs Ntandoyenkosi Vambe. Die Queen wird wohl wieder nicht vorbeikommen.