Borussia Mönchengladbach„Ich weiß nicht, ob ich das verdient habe“

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Pfiffe für Mönchengladbach und Rocco Reitz: Die Fans nehmen dem Kapitän den bevorstehenden Wechsel nach Leipzig übel.
Pfiffe für Mönchengladbach und Rocco Reitz: Die Fans nehmen dem Kapitän den bevorstehenden Wechsel nach Leipzig übel.
Laci Perenyi/Imago

Nach dem Remis gegen Mainz liegen bei Borussia Mönchengladbach die Nerven blank. Der Trainer verteidigt einen mutlosen Auftritt, der Sportchef zweifelt an der Mentalität der Spieler und die Fans arbeiten sich an Kapitän Rocco Reitz ab.

Von Ulrich Hartmann, Mönchengladbach

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Der Trainer ist deprimiert, der Kapitän gekränkt, die Mannschaft spielt wie gelähmt und der Sportchef droht für den Sommer eine kompromisslose Tabula rasa an. Beim zunehmend abstiegsgefährdeten Fußball-Bundesligisten Borussia Mönchengladbach liegen die Nerven blank. Nach dem enttäuschenden 1:1-Unentschieden gegen Mainz 05 mit einem Elfmeter-Gegentreffer in der achten Minute der Nachspielzeit stolpert die Fohlenelf vom Niederrhein vier Spiele vor Saisonschluss mit weiterhin nur fünf Punkten Vorsprung auf den Relegationsplatz dem Abgrund entgegen.

Beim Blick auf das wegweisende Spiel am kommenden Samstag beim Tabellenvorletzten VfL Wolfsburg fordert der Sportchef Rouven Schröder mit ganz dünnem Geduldsfaden ultimativ: „In Wolfsburg müssen wir den Arsch hochkriegen; wenn du dich da genauso einigelst, wird es auch dort nicht reichen – wir müssen viele Dinge viel, viel besser machen.“

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Trotz früher Führung (7. Minute, Joe Scally) bettelten die immer passiveren Borussen am Sonntagabend gegen Mainz regelrecht um den Ausgleich. Doch erst ein fatal unnötiges Foul von Yannik Engelhardt in der Nachspielzeit ermöglichte dem Mainzer Nadiem Amiri per Elfmeter den hochverdienten 1:1-Endstand (90.+8). „Alle sind deprimiert“, klagte anschließend Gladbachs Trainer Eugen Polanski. Unter seiner Leitung ist die Borussia mit zwei Siegen in 13 Spielen die viertschlechteste Rückrundenmannschaft. „Anscheinend müssen wir in dieser Saison nicht nur den schweren Weg gehen – sondern den sehr schweren“, sagte er nach der Partie, als sei Gladbachs freudloser Fußball schicksalsbestimmt. Über den immer wieder von Pfiffen aus dem Publikum begleiteten Borussen-Catenaccio sagte Polanski: „Wenn man 1:0 führt, dann ist es auch zu Hause legitim, ein bisschen passiver zu werden.“ Doch solche Legitimität droht in die zweite Liga zu führen.

Toptorjäger Haris Tabakovic, in der WM-Qualifikation bosnischer Nationalheld, aber für Gladbach seit sieben Spielen ohne Treffer, stampfte wutschnaubend in die Kabine. Umso eloquenter beschrieb der Kapitän Rocco Reitz die verzwickte Lage: „Ist doch klar, dass wir momentan keinen Zauberfußball spielen – aber gerade deshalb musst du solche Spiele gewinnen; diese Punkte können es am Ende entscheiden.“

In einer toxischen Gemengelage aus Verletztheit und Verunsicherung geht Gladbach in die letzten vier Saisonspiele

Gladbachs gegenwärtiger Zustand ist die stichhaltigste Begründung dafür, dass der 23 Jahre junge Führungsspieler Reitz im kommenden Sommer zu RB Leipzig wechselt. Bei der Borussia fehlt schlichtweg die Perspektive. Dass ihm die Fans den Wechsel nicht verzeihen und ihn seit der Bekanntgabe immer wieder auspfeifen, kränkt Reitz und ist seiner Performance auch nicht gerade förderlich. So schaden selbstgerechte Ultras in einer schwierigen Konstellation der ganzen Mannschaft und dem Verein. „Die Reaktion der Fans hat mich getroffen“, sagte Reitz am Sonntagabend betrübt. „Ich muss ehrlich sagen, da habe ich zu Hause schon zwei, drei Tage drüber nachdenken müssen.“ Er spiele doch schon sein ganzes Leben für Gladbach. „Ich weiß nicht, ob ich das verdient habe.“

In dieser toxischen Gemengelage aus Verletztheit und Verunsicherung geht Gladbach in die letzten vier Saisonspiele, um, egal wie, den Klassenerhalt zu schaffen. „Es geht jetzt nicht mehr ums Schönspielen, es geht nur noch um die Punkte“, sagt Sportchef Schröder. „Es wird zäh“, ahnte er, „es geht jetzt nur noch darum, mit diesem großartigen Verein in der Liga zu bleiben.“

Von grassierenden Sorgen will Schröder aber nichts wissen. „Ich glaube, dass hier keiner Angst hat“, sagt er, kündigt aber schon mal Maßnahmen für den kommenden Sommer an: „Wir müssen jetzt irgendwie über den Strich und dann im Sommer ganz kritisch hinterfragen, ob uns das in dieser Form reicht.“ Schröder stellt die Mentalität des aktuellen Kaders dadurch infrage, dass er über die kommende Transferperiode sagt: „Auch was den Charakter der Mannschaft betrifft, müssen wir stabiler werden.“

Konkreten Fragen zur Zukunft des Trainers Polanski weicht Schröder aus. Er sagt: „Wir werden alles hinterfragen.“ Und betont: „Eugen Polanski ist unser Trainer.“ An der Präsensform dieser als Treuebeweis gedachten Formulierung ließe sich im Sommer allerdings vermutlich auch ganz schnell etwas ändern.

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