Gladbacher Krise:Abstiegskampf, und keiner merkt's?

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Bundesliga: Borussia Mönchengladbach gegen Eintracht Frankfurt

Autsch: Gladbachs Marcus Thuram (re.) und Frankfurts Danny da Costa kommen sich schmerzlich nah.

(Foto: Federico Gambarini/dpa)

Mit dem 2:3 gegen Frankfurt rutscht die Borussia immer tiefer in den Schlamassel. Sportchef Eberl steckt in einem Dilemma: Er will Trainer Adi Hütter keinesfalls entlassen - wegen der gezahlten Ablöse, aber auch aus Überzeugung.

Von Ulrich Hartmann, Mönchengladbach

Bundesliga: Borussia Mönchengladbach gegen Eintracht Frankfurt

Autsch: Gladbachs Marcus Thuram (re.) und Frankfurts Danny da Costa kommen sich schmerzlich nah.

(Foto: Federico Gambarini/dpa)

Es ist fünf Jahre her, dass Borussia Mönchengladbach letztmals eine Hinrunde nahe der Abstiegszone beendet hat. Kurz vor Weihnachten 2016 wurde deshalb der Trainer André Schubert entlassen. Der Sportdirektor Max Eberl begründete die Maßnahme damals mit dem Satz: "Das war nicht mehr die Mannschaft, die wir kennen." Abstiegsangst und eine Mannschaft, die man nicht mehr kennt - das war zu viel.

Jetzt, fünf Jahre später, ist die Situation im Borussia-Park nach der 2:3-Niederlage am Mittwochabend gegen Frankfurt genauso, nein, sie ist schlimmer. Denn 2016 hatte man nach der Hinrunde einen Puffer von vier Punkten zum Hamburger SV auf dem Relegationsplatz. Im Moment hat man nach 16 Spielen zum FC Augsburg auf dem Relegationsplatz nur einen Punkt Puffer. Der FCA spielt am Samstag zum Hinrundenabschluss beim Tabellenletzten in Fürth, Gladbach spielt beim Tabellenvierten Hoffenheim.

Gladbacher, die mit zittrigen Füßen Bälle ins Aus schießen

Noch beängstigender als die tabellarische Situation ist für die Fans am Niederrhein der Umstand, dass man diese Mannschaft nicht mehr kennt. Vor knapp vier Wochen beim 4:0-Sieg gegen Fürth hat man sie noch gekannt, aber dann folgten ein 1:4 in Köln, ein 0:6 gegen Freiburg, ein 1:4 in Leipzig und am Mittwoch ein 2:3 gegen Frankfurt.

Spieler, die mit zittrigen Füßen Bälle unbedrängt ins Aus schießen, die nicht mehr wissen, wie man Gegentore verhindert und die überhaupt während eines Spiels mitunter den Eindruck erwecken, sie hätten sich vielleicht besser für eine Konditorenausbildung, eine Mechanikerlehre oder die höhere Beamtenlaufbahn entschieden, kannte man im Borussia-Park lange nicht mehr.

Die Borussia wird ihren Trainer Adi Hütter trotzdem nicht entlassen. Jedenfalls nicht mehr vor Weihnachten und auch nicht, ehe die Gefahr eines Abstiegs in die zweite Liga sehr, sehr konkret werden sollte. Denn Hütter war teuer. 7,5 Millionen Euro hat Gladbach im Sommer an Eintracht Frankfurt für ihn bezahlt. So eine Ablösesumme macht eine Trainerentlassung, zumal in wirtschaftlich schwierigen Corona-Zeiten, unmöglich.

Nun will Eberl Hütter aber ohnehin nicht entlassen. Nicht nur wegen der 7,5 Millionen Euro. Sondern weil er von den Fähigkeiten des Österreichers überzeugt ist. Von Schubert vor fünf Jahren war Eberl nicht so überzeugt. Schubert war ein Jahr zuvor als Notnagel für den geflüchteten Coach Lucien Favre eingesetzt worden und machte seine Sache ein Jahr recht gut. Als Eberl dann aber die Mannschaft nicht mehr erkannte, ersetzte er Schubert schnellentschlossen durch Dieter Hecking.

Gladbach steckt spätestens seit Mittwochabend endgültig im Abstiegskampf, aber man spürt das nicht im Borussia-Park. Die Fans pfiffen nicht nach dem Abpfiff, sie schrien nicht "Hütter raus", im Gegenteil: Sie applaudierten den Spielern zum Trost. Der Sportdirektor Eberl hielt keine Wutrede und stellte den Trainer nicht in Frage, und der erfahrene, besonnene Mittelfeldspieler und 2014er-Weltmeister Christoph Kramer sagte nach dem Spiel: "Im Fußball kann alles ganz schnell gehen - vielleicht klopfen wir in ein paar Wochen schon wieder an die Europapokalplätze an."

Ist das nicht sogar die gefährlichste aller Konstellationen? Eine Mannschaft gerät in Abstiegsgefahr, und niemand merkt's?

Es ist zehn Monate her, dass Gladbach im Champions-League-Achtelfinale gestanden und der damalige Trainer Marco Rose seinen Wechsel zu Borussia Dortmund angekündigt hat. Seither hat Gladbach in 30 saisonübergreifenden Bundesligaspielen 35 Punkte geholt. Mit 35 Punkten nach 30 Spieltagen kann man in der Bundesliga in akuter Abstiegsnot stecken. So wie Gladbach jetzt auch ganz konkret am Abgrund kauert. "Die nackten Zahlen sprechen eine deutliche Sprache", sagte Hütter am Mittwochabend. Aber in konkreter Gefahr fühlt sich im Borussia-Park irgendwie niemand.

Jedes Mal, wenn die Sprache auf die erschreckenden Leistungen dieser Mannschaft kommt, erinnert man an den 1:0-Sieg im September gegen Borussia Dortmund und an das 5:0 im Pokal gegen Bayern im Oktober. Aber das war eine andere Mannschaft. Die Spieler trugen dieselben Namen und sie sahen genauso aus, aber sie sind nicht mehr dieselben. Sie haben das Selbstvertrauen verloren. Sie haben momentan ein bisschen das Fußballspielen verlernt.

"Manchmal kann man's nicht erklären", antwortet Mittelfeldmann Kramer auf die Frage, woran der mentale Absturz dieser Mannschaft binnen vier Spielen denn nun liege. Er verneint entschieden, dass es etwas mit den auslaufenden Verträgen von Matthias Ginter und Denis Zakaria zu tun haben könnte, und erklärt: "Wenn du auf dem Platz stehst, willst du immer gewinnen, da spielen solche Dinge keine Rolle."

Gladbach ersehnt die Wende, aber die nächsten drei Gegner stehen in der Tabelle alle auf einem Champions-League-Platz: TSG Hoffenheim, Bayern (7. Januar), Bayer Leverkusen (15. Januar). Nach seinem schwierigsten Jahr seit Langem steht der Verein Anfang 2022 direkt vor wegweisenden Prüfungen. Es dürfte diesmal also besonders ernst gemeint sein, wenn der Verein auf seine Neujahrskarten wünscht: Frohes neues Jahr!

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