Gladbach – HoffenheimEin später Punkt, und trotzdem der Verlierer

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Mönchengladbachs Angreifer Tim Kleindienst erzielte in der Nachspielzeit immerhin noch das 4:4.
Mönchengladbachs Angreifer Tim Kleindienst erzielte in der Nachspielzeit immerhin noch das 4:4. David Inderlied/dpa

Vor fünf Wochen träumte Gladbach noch vom Europapokal. Doch dann folgte ein Absturz – das wilde und unbefriedigende 4:4 gegen Hoffenheim legt offen, woran es bei den Borussen hapert.

Von Ulrich Hartmann

„Was für ein Spektakel“, sagte Hoffenheims Trainer Christian Ilzer fast begeisterungslos. „Eine Achterbahn der Gefühle“, befand Gladbachs Coach Gerardo Seoane erstaunlich nüchtern. Acht Tore, vier auf jeder Seite, hin und her wechselnde Führung. Das 4:4 zwischen Borussia Mönchengladbach und der TSG Hoffenheim steht in der Liste der torreichsten Spiele dieser Bundesliga-Saison auf Platz zwei, gleichauf mit dem 4:4 zwischen Union Berlin und Stuttgart. Mehr Tore fielen nur bei Frankfurts 7:2-Sieg gegen Bochum.

Aber hat sich überhaupt irgendwer gefreut über die spektakuläre Achterbahn der Gefühle im Borussia-Park? „Es war für beide Mannschaften eine gefühlte Niederlage“, beschied Seoane. Trotz des späten Gladbacher Ausgleichs durch Tim Kleindienst in der 91. Minute gab es Pfiffe von den eigenen Fans. Denn die Borussia verspielte durch das Unentschieden vermutlich die letzte Chance auf die Qualifikation für den Europapokal. Ernüchterung auch bei den Hoffenheimern, denn sie verpassten es durch Gladbachs Ausgleich in der Nachspielzeit, den Klassenerhalt schon perfekt zu machen.

Vor fünf Wochen stand die Borussia nach einem 1:0-Sieg gegen Leipzig plötzlich auf Platz fünf und hatte nur zwei Punkte Rückstand auf den FSV Mainz auf dem Champions-League-Platz vier. Am Niederrhein träumte man vom europäischen Geschäft, es wäre die erste internationale Qualifikation seit fünf Jahren gewesen. Doch dann folgten fünf Spiele ohne Sieg: zwei Unentschieden, drei Niederlagen. Jetzt sind die internationalen Plätze in der Tabelle fünf Punkte weg, und es sind nur noch zwei Spiele zu spielen. Das Thema hat sich damit so gut wie erledigt.

Elf Gegentore in drei Spielen, das ist zu viel

Zwei Zahlenreihen verdeutlichen den finalen Absturz der Borussia in dieser eigentlich recht positiv verlaufenen Saison: 1, 2, 3, 5, 7, 8 – das sind die Tore, die in den jüngsten sechs Gladbacher Spielen insgesamt gefallen sind. Tore sind eigentlich das Salz in der Suppe. Tore begeistern die Zuschauer. Aber zu viele Gegentore sind wie zu viel Salz in der Suppe. 0, 1, 2, 3, 4, 4 – das sind die Gladbacher Gegentore in den jüngsten sechs Spielen. Von diesen Spielen gewannen sie nur das eine gegen Leipzig, das eine Spiel ohne Gegentor. Anschließend ließen die Borussen bei der Abwehrarbeit zunehmend die Disziplin vermissen.

Vor drei Wochen hatte der Trainer Seoane nach einer 1:2-Heimniederlage gegen Freiburg streng beschieden: „Europäische Destinationen haben in unsere Kabine keinen Platz.“ Und damit sollte der Schweizer tatsächlich Recht behalten.

Bloß eine Woche nach einer 3:4-Niederlage in Kiel mit einem Spielverlauf wie in einer Actionkomödie setzten die Borussen am Samstag gegen Hoffenheim noch einen drauf: Fabio Chiarodia (5.) und Rocco Reitz (33.) sorgten für eine 2:0-Führung, die die Hoffenheimer durch Arthur Chaves (43.) und Marius Bülter (54.) ausglichen. Franck Honorat (64.) schien dann mit dem 3:2 die Weichen wieder auf Sieg zu stellen, doch Adam Hlozek (74.) und Haris Tabakovic (81.) drehten die Partie zu einer 4:3-Führung für die Gäste. In der ersten Minute der Nachspielzeit (90+1.) sorgte Tim Kleindienst mit seinem ersten Treffer seit Mitte März zumindest noch für den 4:4-Endstand.

Sportchef Virkus wünscht sich mehr Anerkennung für die Comeback-Qualitäten

Die Pfiffe, die es danach von den Rängen gab, wirkten wie eine Mischung aus akuter Begeisterung und übergeordneter Enttäuschung. Den Gladbacher Sportgeschäftsführer Roland Virkus haben diese Pfiffe geärgert. „Wir spielen 4:4 nach einer 2:0-Führung, darüber kann man sich ärgern“, sagte Virkus im Kabinengang: „Aber was mich erzürnt: Wir schießen am Ende noch das 4:4. Obwohl du das Gefühl hattest, dass die Jungs tot sind, haben sie alles gegeben, um noch das 4:4 zu machen – und trotzdem hat sich gefühlt niemand im Stadion gefreut.“ Virkus hätte sich zumindest ein bisschen Anerkennung für die Comeback-Qualitäten der Mannschaft gewünscht.

Dabei kam die Absolution für Gefühle der Verbitterung dann ja sogar vom Gladbacher Trainer selbst: „Auch wir sind enttäuscht“, sagte Seoane über das Ergebnis. „Ich verstehe, dass die Zuschauer enttäuscht sind, wenn man zwei Mal in Führung war“, sagte der Schweizer und beschloss nüchtern: „Diese Kröte müssen wir schlucken.“

Und so geht diese Gladbacher Saison mit zwei Gefühlen zu Ende: dem einer verschluckten Kröte und dem Unwohlsein nach mehreren Achterbahnfahrten. „Ich kann nachvollziehen, dass der eine oder andere Fan enttäuscht ist, der die Sehnsucht hatte, nach Europa zu kommen“, sagte Virkus. Aber der Sportchef wünschte sich, dass am Ende die Saison in Gänze bewertet wird: „Die vergangene Saison war richtig schlecht, und hätte mir vor acht Monaten jemand gesagt, dass wir zwei Spieltage vor Schluss dort stehen, wo wir jetzt stehen, dann hätte ich sofort unterschrieben.“ Vielleicht überlegen es sich die Fans in den nächsten zwei Wochen ja noch mal.

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