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Mönchengladbach:Dramaturgische Probleme

15.12.2019, Fussball 1. Bundesliga 2019/2020, 15. Spieltag, VfL Wolfsburg - Borussia Mönchengladbach, in der Volkswagen

Immer in Richtung gegnerisches Tor: Xaver Schlager (links) belebt das Wolfsburger Angriffsspiel.

(Foto: Cathrin Müller/imago)

Die Borussia verliert schon wieder eine Partie in der Nachspielzeit - Trainer Rose bleibt trotzdem Optimist.

Von JAVIER CÁCERES, Wolfsburg

Wer weiß, ob die Gedanken des Marco Rose zurück in den Frühsommer wanderten. In jene Zeit, da niemand ahnen konnte, welche Abenteuer sein damals noch künftiger Klub namens Borussia Mönchengladbach in diesem zweiten Halbjahr 2019 durchleben würde. Wenn der Gladbacher Trainer am Sonntagabend tatsächlich zurückgeblickt haben sollte, dürfte das nicht frei von Pein gewesen sein. Denn wer wird schon gerne von dem Mann besiegt, für den man sich einst verwendet hatte? Den man gerne mit an den neuen Arbeitsplatz genommen hätte, und der dann doch woanders landete?

Woanders, das heißt in diesem Fall: beim VfL Wolfsburg, der am Sonntagabend 2:1 gegen den nun ehemaligen Tabellenführer Mönchengladbach siegte. Der Name des Mannes, der erst 22 und soeben von einer komplizierten Fraktur genesen ist: Xaver Schlager, Österreicher, und vor seinem Wechsel nach Wolfsburg beschäftigt in Salzburg. Unter Rose, ausgerechnet.

Roses Wolfsburger Kollege Oliver Glasner wollte nach dem Erfolg gegen die Gladbacher kein Hosianna auslassen, als man ihn auf Schlager ansprach: "S's a Woahnsinn, dass er im Kalenderjahr 2019 überhaupt noch für den VfL auflaufen kann, nachdem er sich vor dreieinhalb Monaten den Köchel gebrochen hat", sagte der frühere Coach des Linzer AK, der in seinem neunten persönlichen Duell mit Rose erst seinen zweiten Sieg errang.

Aber Schlager spielte nicht nur: Er schoss auch das Führungstor, als er am Ende eines schnellen Spielzugs instinktiv ("Ich dachte: Scheiß drauf!") die richtige Entscheidung traf und direkt ins Tor zielte. Mit Duldung des Videoschiedsrichters (VAR), denn wie der Deutsche Fußball-Bund am Montag in einer sterilen Einschätzung mitteilte, hätte der VAR eingreifen müssen. "Nach unserer fachlichen Analyse der Szene wäre die Sichtbehinderung des Gladbacher Torwarts nach den vorliegenden TV-Bildern eher zu bejahen", sagte VAR-Projektleiter Jochen Drees.

Jenseits davon aber durfte Wolfsburgs Trainer Glasner zurecht durchdeklinieren, wie sehr Schlager das Spiel einer ganzen Elf verändern kann. "Er ist ein Spieler, dessen Gedanken immer nach vorne gerichtet sind", sagte Glasner: "Acht von zehn Aktionen vom Xaver gehen Richtung gegnerisches Tor. Dadurch bekommt unser gesamtes Spiel eine Dynamik nach vorne, die uns guttut." Und die gegen das Mönchengladbach von Marco Rose einen gewichtigen Unterschied ausmachte.

Marco Rose nimmt bereits einen Defätismus wahr, den er als deplatziert empfindet

Schlager war nicht der einzige, der sich bei Wolfsburg ein Lob verdiente. Glasner freute sich zudem, dass sein Team "eine Woche vor Weihnachten, nach einem sehr intensiven Programm, mehr als 120 Kilometer auf den Platz gedonnert" und "mit die beste Saisonleistung bei eigenem Ballbesitz" abgeliefert hatte. Dies geschah, nachdem Glasner Tacheles geredet hatte: Vor Wochenfrist hatte er die Berufsmoral seines Teams öffentlich hinterfragt. Dies war einer der Keime für ein Spiel, das faszinierend spektakulär war. Und auch wenn Yann Sommer, Mönchengladbachs Torwart und Kapitän, später unbedingt loswerden wollte, dass Wolfsburg in der zweiten Halbzeit besser gewesen war - enttäuschend war die Leistung der Borussia nicht. Im Gegenteil.

Dennoch scheint Trainer Rose im Umfeld der Borussia einen Defätismus wahrzunehmen, den er als deplatziert empfindet. "Wir haben über sieben, acht Wochen Fragen beantwortet, die in eine ganz andere Richtung gingen", sagte der Coach in Anspielung auf die Debatten, die sich fast so anhörten, als habe Gladbach den ersten Meistertitel seit 1977 bereits sicher. "Jetzt haben wir mal zwei Ergebnisse nicht bekommen - zwei sehr bittere Ergebnisse", und plötzlich ist die Borussia, bestenfalls, "auf den Boden" zurückgekehrt.

Das erklärt sich aus der Dramaturgie zweier Niederlagen - denn binnen drei Tagen verlor Borussia zweimal in der Nachspielzeit. Am Sonntag hätte sich Mönchengladbach fast das eigene Ego massieren können, denn nach dem Führungstor von Schlager dauerte es kaum 60 Sekunden, bis Breel Embolo den Ausgleich erzielte. Aber das 1:1 war überholt, als Maxi Arnold nach etwas mehr als 90 Minuten Spielzeit per Volleyschuss das 2:1 für Wolfsburg markierte. Schon am Donnerstag im letzten Spiel der Europa-League-Vorrunde hatte Borussia gegen Basaksehir Istanbul das späte 1:2 akzeptieren müssen - und schied aus. Nun sind die Borussen nur noch in der Bundesliga vertreten, im DFB-Pokal waren sie an Dortmund gescheitert. Es gibt Pleiten, die mehr an der Ehre packen.

Dennoch: Yann Sommer räumte ein, dass die Physis gelitten hat, 23 Pflichtspiele seit Saisonbeginn fordern ihren Preis. "Wir werden alles sehr, sehr kritisch hinterfragen. Denn wir wollen auch wieder Fußballspiele gewinnen", sagte Rose. Die nächsten Gelegenheiten bieten sich noch in diesem Jahr - gegen den Aufsteiger Paderborn und bei Hertha BSC in Berlin.

© SZ vom 17.12.2019

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