Sollte es noch eines Beweises bedurft haben, dass Borussia Mönchengladbach eine Saison zum Weinen spielt, so lieferte diesen der Präsident Rainer Bonhof höchstpersönlich. Auf der Jahreshauptversammlung des Fußball-Bundesligisten am Montagabend im Stadion wäre der 74-Jährige beinahe in Tränen ausgebrochen, als er über den gegenwärtigen Zustand der Mannschaft referierte. Vor 1612 Mitgliedern sprach der 74er-Weltmeister mit brüchiger Stimme von einem „Scheißjahr“.
Das nimmt nicht nur Bonhof so wahr. Vor Beginn der Versammlung hatte die aktive Fanszene Flugblätter verteilt. Darin forderte sie personelle Veränderungen – allerdings etwas überraschend im Präsidium. Auch dies dürfte Bonhof getroffen haben. Hinzu kommt die sportliche Bedeutungslosigkeit der einst ruhmreichen Fohlenelf.
Drei Spieltage vor dem Saisonende hat Gladbach sechs Punkte Vorsprung vor dem Abstiegsrelegationsplatz. Der im September angetretene Trainer Eugen Polanski muss sich bereits öffentlicher Kritik erwehren. Der im Oktober angetretene Sportchef Rouven Schröder hat kürzlich eine schonungslose Bestandsaufnahme für den Sommer angekündigt. Mit Blick auf den künftigen Kader forderte auf der Versammlung auch der Aufsichtsratschef Michael Hollmann: „Es muss einen klaren Schnitt geben, und es muss eine andere Gangart herrschen.“ So einen klaren Schnitt muss sich ein Verein aber auch leisten können. Daran hapert es bei der Borussia.
„Gladbach ist seit 2022 in einer Konsolidierungsphase“, sagt Geschäftsführer Stegemann
Der seit Januar 2025 amtierende Geschäftsführer Stefan Stegemann hatte vor Beginn der Versammlung gegenüber Medien eher demütig die Hoffnung geäußert, dass sich die Borussia nach vier Jahren der wirtschaftlichen Konsolidierung irgendwann mal wieder in höhere Tabellenregionen orientieren könne. „Gladbach ist seit 2022 in einer Konsolidierungsphase“, sagte der 62-Jährige über Zahlen, die für das Geschäftsjahr 2025 bei einem Umsatz von gut 189 Millionen Euro ein Minus von knapp vier Millionen Euro verhießen sowie ein fortgesetztes sukzessives Abschmelzen des Eigenkapitals auf knapp 45 Millionen Euro (Quote: 25,4 Prozent). 2019 hatte das Eigenkapital auf Rekordhöhe gut 103 Millionen Euro betragen mit einer Quote von 42,8 Prozent. Dann kam erst Corona und seit 2021 zudem eine Phase des sukzessiven sportlichen Abschwungs.
„95 Prozent des wirtschaftlichen Erfolgs hängen vom sportlichen Erfolg ab“, sagt Stegemann. „Wir wollen nächste Saison einen stabilen Mittelfeldplatz belegen und irgendwann auch mal wieder Platz sechs anstreben.“ Das gegenwärtige Motto laute: „Konsolidieren, stabilisieren – und irgendwann wieder Schritt für Schritt nach oben.“
Präsident Bonhof hält auch in schwierigen Zeiten die Gladbacher Publikumstreue sowie den Marken- und Traditionswert des Borussia-Logos für unerschütterlich. Er sagte auf der Versammlung: „Wir haben ein Faustpfand, und das ist die Raute.“ Über die Stabilität der Fanzuneigung sagt indes Stegemann, der Anfang 2025 vom Sponsor und Elektrogroßhändler Sonepar zur Borussia gewechselt war: „Das Produkt muss aber schon auch gut sein.“ Auf die Frage, wie gut das Produkt Borussia derzeit sei, sagt Stegemann: „Wir können es besser!“


