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Möglicher Missbrauch von Geldern:Hat Netzle seinen Klienten hinters Licht geführt?

Am 29. April 2011 schrieb Netzle an Bin Hammam. Er sei "heute morgen mit Dr. Linsi zusammengetroffen", man sei sich einig gewesen, dass drei Kerndinge zu verfolgen seien: Eine effiziente Kampagne vor dem Wahltag zu führen, ein korrektes Wahlverfahren sicherzustellen und die Kampagne des Amtsinhabers genau zu beobachten - ob es da "beweisbare Anzeichen für den Missbrauch von Fifa-Ressourcen zugunsten Herrn Blatters" gebe.

Dann folgte die Schlüsselaussage. "Dr. Linsi" so teilte Netzle mit, "hat mir bestimmte Finanzinformationen offengelegt, die schockierend sind und gewiss zu Ihren Gunsten wirken werden." Linsi, der Ex-Generalsekretär und einst hohe Fifa-Geheimnisträger, offeriert schockierende Finanzinformationen - hat Netzle mit dieser heiklen Ankündigung seinen Klienten nur hinters Licht geführt? Er stimme, schrieb der Anwalt weiter, Urs Linsi darin zu, dass es wichtig sei, die Delegierten unbedingt vor der Wahl zu informieren. Andererseits solle man der Fifa-Administration nicht zu viel Zeit "für die Vorbereitung für wortreiche Erklärungen und Abwehrargumenten" einräumen. Denn: "Ihre Informationen über die finanzielle Situation und den Missbrauch von Fifa-Mitteln sollte die Fifa-Delegierten überraschen."

Der so eingefädelte Coup fand beim Kongress dann gar nicht statt, weil sich Bin Hammam in seiner eigenen Korruptionskampagne verhedderte. Sein Amtskollege im Fifa-Vorstand und an der Spitze des Kontinentalverbandes von Nord- und Mittelamerika (Concacaf), Jack Warner, hatte für ihn Anfang Mai eine opulente Bestechungsorgie mit Funktionären in der Karibik orchestriert; insgesamt eine Million Dollar, sauber abgepackt in 25 Briefkuverts, lag zur Abholung bereit. Doch der Großauftrieb blieb in den intriganten Fußballkreisen nicht lange geheim.

Die Fifa erhielt Hinweise auf die Veranstaltung, sie ließ den global operierenden Wirtschaftsdetektiv Louis Freeh von der Leine und hatte schnell genug Beweise beisammen, um Blatters Herausforderer Bin Hammam zu suspendieren - wenige Tage vor der Wahl. Blatter war plötzlich Alleinkandidat, er ließ sich erneut krönen und versprach, dies sei seine letzte Amtszeit. Beim Fifa-Kongress in São Paulo vergangene Woche stellte er aber klar, dass er nun lieber doch ein fünftes Mal gewählt werden will.

"Es geht grundsätzlich Swiss Olympic nichts an, was Exekutivmitglieder privat machen"

Michael Garcia, der unabhängige Chefermittler der Ethikkommission, könnte da aber noch einen Riegel vorschieben. Er hat Kenntnis von dem brisanten Vorgang und der Mail Netzles an seinen katarischen Klienten. Auf Anfrage teilte Garcias Büro am Donnerstag mit: "Herr Garcia kommentiert keine spezifischen Vorwürfe. Er hat schon beim Fifa-Kongress am 11. Juni vorgetragen: Was wir tun können, und was wir getan haben, auch in Hinblick auf frühere Berichte, ist jede Art Material von anderen Seiten einzusammeln, die glauben, es könnte unserer Untersuchung helfen. Wie wir das schon immer taten, werden wir uns natürlich jede Art und alle Materialen ansehen, die vorgelegt werden."

Während sich Sportrechtler Netzle nun in der Schweiz auf seine anwaltliche Schweigepflicht beruft und sich auf Anfrage zu der Causa nicht äußern möchte und Linsi bei der WM nicht erreichbar ist, hat Swiss Olympic, die Dachorganisation der Schweizer Sportverbände, bereits reagiert. Auf die Frage, ob ihr Vizepräsident Netzle wegen der Beteiligung am Putschversuch gegen Blatter noch tragbar sei, teilte sie mit: "Es geht grundsätzlich Swiss Olympic nichts an, was Exekutivmitglieder privat machen. Sein Mandat bei Mohamed bin Hammam (. . .) ist in der Öffentlichkeit bekannt. Ich bin überzeugt, dass sich Stefan Netzle an alle Gesetze und Standesregeln gehalten hat." Der Vorgang stelle für den Exekutivrat von Swiss Olympic kein Problem dar, so der Vorsitzende Jörg Schild, weil "Sepp Blatter seit ich Präsident bin (seit 2005, d. Red.) noch nie an einer Sitzung teilgenommen hat".

Was immer den Sportrechtler Netzle seinerzeit so elektrisiert hatte, dass er seinem Klienten beste Wahlaussichten gegen Blatter prognostizierte und einen Überraschungscoup für die Fifa-Delegierten vorschlug: Michael Garcia muss es interessieren. Denn für eine Fifa-Ethikkommission kann es keine heißeren Spuren geben als solche, die auf Mittelmissbrauch hindeuten und ins Zentrum der eigenen Verbandsmacht führen. Auch Blatters Gegenspieler in Europas Fußball-Union (Uefa) sind auf den neuen Vorwurf aufmerksam geworden. Am Freitag hieß es aus Uefa-nahen Kreisen, man hoffe, dass Garcia alle Belege prüfen werde, die er erhalten kann. Wen immer es treffen möge.

© SZ vom 21.06.2014/bero
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