Kroatien bei der WM:In der Not hilft immer noch Modric

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Kroatien bei der WM: Die Mitspieler sagen über Luka Modric: "Er trägt uns weiterhin als Mannschaft."

Die Mitspieler sagen über Luka Modric: "Er trägt uns weiterhin als Mannschaft."

(Foto: Goran Stanzl/Pixsell/Imago)

Mit 37 Jahren ist Kroatiens Spielmacher womöglich besser als früher. In der Heimat hoffen sie, dass der "Chef" seine goldene Generation in Katar zur Vollendung führt - und schon gegen Marokko glänzt.

Von Felix Haselsteiner

Wie oft Zlatko Dalic auf dem Weg nach Medjugorje über seine Nationalmannschaft nachgedacht hat, ist nicht bekannt. Anfang Oktober, nach den abschließenden Nations-League-Spielen vor der Weltmeisterschaft, pilgerte der 56-Jährige drei Tage lang über 120 Kilometer zu einer Statue der Jungfrau Maria, die in dem kleinen Ort in Bosnien 1981 einer Gruppe junger Männer erschienen sein soll. Der gläubige Dalic, der bei Spielen immer einen Rosenkranz in der Hosentasche hat, betete. Er dankte der Mutter Gottes auf Instagram für ihren Beistand und vielleicht ja auch insgeheim dafür, dass eine höhere Macht immer wieder dafür sorgt, dass dem kleinen Kroatien die talentierten Fußballer nicht ausgehen.

Es ist das dritte Turnier, bei dem Dalic die kroatische Nationalmannschaft betreuen wird. Und es ist eines unter veränderten Vorzeichen. Geheimfavorit waren die Kroaten seit den Zeiten von Davor Suker immer, diesmal aber ist die Geheimhaltungsstufe wesentlich geringer anzusetzen: Kroatiens goldene Generation will einen finalen Anlauf auf den lange ersehnten Titel unternehmen, das wird offen kommuniziert und entfacht die Euphorie im ganzen Land.

Die entsteht auch, weil sie dabei ein letztes Mal angeführt wird von einem Fußballspieler, der erstmals 1985 in Zadar erschien und dessen Wirken im Kontrast zur Jungfrau Maria ausführlich belegt ist: unter anderem mit fünf Champions-League-Titeln, einem Ballon d'Or und einer WM-Finalteilnahme.

Modric hat viele Höhepunkte erlebt, aber er will in Katar noch mehr

Luka Modric schien 2018 den Höhepunkt seiner Karriere erreicht zu haben, als er trotz der Niederlage im WM-Finale gegen Frankreich in Moskau den goldenen Ball als bester Spieler des Turniers erhielt sowie wenige Monate später die Auszeichnung als Weltfußballer. Modrics Rücktritt aus der Nationalmannschaft war damals Thema und wurde im Jahr 2021 erneut diskutiert, als Kroatien bei der EM im Achtelfinale an Spanien scheiterte. Er müsse "nachdenken", sagte Modric damals.

Dann gewann er mit Real Madrid noch einmal die Champions League, qualifizierte sich mit Kroatien für die WM und ließ in der Nations League Dänemark und Frankreich hinter sich. Das alles sind gute Argumente dafür, dass der Rücktritt, den er nun nach dieser WM definitiv vollziehen möchte, damals verfrüht gewesen wäre, weil Modric mit 37 vielleicht sogar noch besser ist als sein jüngeres Ich aus dem Jahr 2018. Und vermutlich auch besser als der Modric aus dem Jahr 2008.

Die Geschichte von Modric und seiner Regentschaft als bester der vielen talentierten Kroaten begann bei der EM in Österreich und der Schweiz unter dem damaligen Trainer Slaven Bilic. In einem wahnwitzigen Viertelfinale gegen die Türkei scheiterte Kroatien, zuvor aber hatte sich der 23-Jährige einen Namen gemacht im Mittelfeld, wurde am Ende in die Elf des Turniers berufen und wechselte zu Tottenham Hotspur.

Es war das erste Mal, dass der kleine Luka in den Fokus rückte, der sein ganzes Leben lang aufgrund seiner körperlichen Unscheinbarkeit unterschätzt wurde: Auf den betonierten Parkplätzen in Dalmatien während des Jugoslawien-Kriegs (eine Zeit, über die Modric so gut wie nie spricht), in den Jugendmannschaften von Dinamo Zagreb, wo man ihn einst zweimal in die Provinz verlieh, bevor man sein Talent erkannte.

Und schließlich auf der großen Bühne, wo er lange Zeit nicht der Spieler war, der natürlicherweise in den Fokus rückte. "Er ist einer der komplettesten Spieler der Welt", sagte Zlatan Ibrahimovic einmal aus Anlass der Weltfußballerwahl: "Normalerweise bekommen nur Stürmer die Aufmerksamkeit, aber in seinem Fall ist es verdient, dass er im Fokus steht."

In der Nationalmannschaft dreht sich alles um Modric. "Er trägt uns weiterhin als Mannschaft", gibt Josip Stanisic offen zu. Der Rechtsverteidiger vom FC Bayern gehört zu den jüngsten Spielern in der Mannschaft, er spricht über den "Chef" nur in den höchsten Tönen: "Er ist auf dem Feld ein Weltklasse-Spieler und abseits ein Weltklasse-Mensch", sagt Stanisic. Modric sei sicherlich "kein Thomas Müller, aber er ist auch nicht still und leise".

Bei der EM 2021 tut sich ein Graben auf zwischen Jungen und Alten - bis Modric ihn mit dem Außenrist zuschüttet

Wenn Modric spricht, hören alle zu. Wenn Modric vorangeht, ziehen alle mit, so wie im vergangenen Jahr, als sich bei der EM in der Gruppenphase Feindschaften bildeten: Die Etablierten, angeführt von Dejan Lovren, kritisierten die Einstellung der Jugendlichen, die nicht genug Siegeswillen mitbrächten, es schien kurzzeitig, als würde die Nationalmannschaft an diesem Konflikt zerbrechen. Dann, kurz vor dem Ausscheiden in der Gruppenphase, erzielte Modric per Außenristschuss aus der Distanz eines der Tore des Turniers - es war ein Weckruf zur richtigen Zeit.

Modrics und Dalics größte Leistung ist es seitdem, die Mannschaft wieder zu vereinen und den Umbruch zu moderieren: Heute vertraut selbst Lovren den jüngeren Spielern wieder, auch wenn sie ihm den Rang ablaufen. Josko Gvardiol, 20, von RB Leipzig etwa bringt ein spielerisches Element in die Innenverteidigung, das das Mittelfeld aus Marcelo Brozovic (Inter Mailand), Mateo Kovacic (FC Chelsea) und Modric im Aufbau entlastet. Kroatien steht höher als noch bei den vergangenen Turnieren, ist mutiger im Pressing und besser organisiert in der Defensive.

In der Offensive fehlen zwar die ganz großen Namen, auch weil Ante Rebic etwas überraschend nicht im WM-Kader steht. Aber Hoffnung machen Entdeckungen wie der 29 Jahre alte Stürmer Marko Livaja von Hajduk Split, der in der heimischen Liga die Bilanz von 50 Toren in 77 Spielen vorzuweisen hat und dem sie in Split sogar einen eigenen Rap-Song geschrieben haben. Livaja kommt wie Modric vom Straßenfußball, in seiner Freizeit spielt er mit Freunden Futsal.

Bei aller Liebe zum Spiel, auf Beton ist Modric heute nur noch selten unterwegs. Einen Rap-Song über ihn gibt es auch nicht, es wäre allzu unpassend für den ruhigen Charakter des Spielgestalters, der in den vergangenen Jahre immer da war, wenn nichts mehr ging - im Kleinen wie im Großen. "Wenn man spielt und man sieht keinen Ausweg, dann weiß man, Luka ist in der Nähe", so beschreibt Stanisic das Gefühl, mit Modric auf dem Platz zu stehen.

Ein Gefühl, das er und seine Mitspieler noch mindestens drei Mal haben werden im Lauf der nächsten Wochen. Was darüber hinaus möglich ist, weiß derzeit wohl nur die Jungfrau Maria in Medjugorje.

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