bedeckt München

Formel 1:Ein freies Cockpit gibt es nur noch bei Haas

F1 Eifel Grand Prix

Mick Schumacher.

(Foto: Getty Images)

Ex-Weltmeister Kimi Räikkönen verlängert bei Alfa Romeo - genau wie Antonio Giovinazzi. Das hat Konsequenzen für Mick Schumacher, wenn er 2021 in der Formel 1 fahren will.

Von Philipp Schneider

Neulich hat Kimi Räikkönen mal wieder einen Versuch gestartet, die Welt mit seinem Humor zu bereichern. Wobei: Diesmal war es ausnahmsweise nicht ganz klar, ob er den Scherz in Wahrheit nicht doch völlig ernst meinte.

Auf Instagram hat der Rennfahrer eine offenbar selbstgebastelte Fotocollage hochgeladen: Auf der rechten Seite ist Lewis Hamilton zu sehen, in einem seiner extravaganten Outfits. Der Serienweltweltmeister der Gegenwart trägt eine Art, sagen wir, dreiviertellangen Schlafanzug mit Karomuster, dazu auf dem Kopf einen zum modischen Arrangement passenden Fischerhut. Hamilton läuft nicht, er gleitet lässig auf einem Tretroller. Auf der linken Seite zu sehen: Der Playboy James Hunt, wie er aufragt vor der Kulisse des Hafens von Monte Carlo. Der Weltmeister von 1976 trägt untenrum Jeans und obenrum gar nichts. Dafür aber zwei Dinge in der rechten Hand: Kippe und Bier. Darüber hat Räikkönen den Satz geschrieben: "Die Evolution eines Formel-1-Fahrers." Kam nicht überall gut an die Satire. Als missraten wurde sie eingeschätzt, als respektlose Grobschlächtigkeit gar gegenüber Hamiltons Lebenswerk.

Räikkönen wurde in einer Pressekonferenz mit der Collage konfrontiert. Er setzte an zu einer Antwort, sagte: "Ich denke, die Formel 1 war immer ..." Dann schwieg er. Der große Schweiger aus dem Süden Finnlands, aufgewachsen in einem einfachen Haus in den Wäldern mit einem Plumpsklo, einem stillen Örtchen im Hof. Er schwieg und hatte doch eine Botschaft platziert: Er hält nicht viel von der Formel 1 der Gegenwart, in der sich manche Fahrer nicht mehr nur als die Typen verkaufen, als die sie geboren wurden. Sondern zugleich eine Marke gründen, die sie umhüllt wie der strahlende Kranz einen Heiligen.

Hamilton steht durchaus für tiefere Gedanken als der Sunnyboy Hunt. Er lebt vegan, ist politisch aktiv - als ein Frontmann der Black-Lives-Matter-Bewegung. Alles nichts für Räikkönen, von dem es im Internet Partyvideos zu sehen gibt, auf denen er in Schräglage vom Oberdeck einer Yacht auf das Unterdeck plumpst. Einer, der mal in einem Nachtclub in London seinen blanken Hintern den Fotografen entgegenstreckte. Über den in seiner autorisierten Biografie berichtet wird, er sei im Jahr 2012 sagenhafte 16 Tage in Serie betrunken gewesen: Nachdem ihn der Prinz von Bahrain zu einer Party geladen hatte, war er mit einem Kumpel, dem Eishockeyprofi Kimmo Pikkarainen, bis zum nächsten Rennen in Barcelona alkoholisiert. Dort wurde er Dritter. Jener Räikkönen also, ein stilles Feierbiest, das auf Fragen der Journalisten, die ihn ausnahmslos nerven, gerne mit Unsinn antwortet in der naiven Hoffnung, sie ließen ihn dann in Ruhe. Ob er ein Hobby habe? "Ich sammle Nüsse."

Motorsports: FIA Formula One World Championship, WM, Weltmeisterschaft 2020, Grand Prix of Portugal, 99 Antonio Giovina

Komisches Duo: Antonio Giovinazzi (mit Helm) und Kimi Räikkönen bleiben Piloten bei Alfa Romeo.

(Foto: HochZwei/imago)

Aber, ja: "Mein Leben wäre viel einfacher, wenn ich mit den Jungs der 70er Formel 1 fahren würde", das hat Räikkönen auch mal gesagt, und da schwang durchaus Ernsthaftigkeit mit. Loslassen kann er trotzdem noch nicht von seinem schwierigeren Leben in der Gegenwart: Am Freitag gab er bekannt, dass er seinen Vertrag beim Rennstall Alfa Romeo verlängert. Im Alter von 41. Nach 325 Rennen. Niemand hat jetzt schon mehr Starts vorzuweisen; im kommenden Jahr erlebt der Weltmeister von 2007, der bislang letzte mit Ferrari, seine 19. Saison in der Formel 1.

"Es wäre eine Ehre für uns", sagt der Haas-Teamchef

Weil auch mit Antonio Giovinazzi, 26, verlängert wurde bei Alfa Romeo, der zwar langsam ist, aber zumindest Italiener, hat die Cockpitvergabe des Teams aus Hinwil/Schweiz Konsequenzen für Mick Schumacher. Will der 21-Jährige schon im kommenden Jahr in die Formel 1 aufsteigen, muss er nun bei Haas unterkommen. Die Motoren-Kunden der Scuderia werden sich nach der Saison von Romain Grosjean und Kevin Magnussen trennen, zwei Sitze sind also zu vergeben. Torschlusspanik ist im Schumacher-Lager nicht zu erwarten, die Chancen auf einen Vertrag sind gut. Zumal, wenn er die Meisterschaft in der Formel 2 gewinnen sollte, wonach es bei 22 Punkten Vorsprung und zwei verbleibenden Renn-Wochenenden aussieht. Das Reglement sieht vor, dass der Meister die Formel 2 verlassen muss. Und in die Formel E oder zur Rallye Dakar wird Ferrari, bei denen Schumacher einen Ausbildungsvertrag unterschrieben hat, den Sohn des Rekordweltmeisters eher nicht abschieben.

Wer bei Haas unterkommt, das wird ja auch in Maranello entschieden. Betont nüchtern kommentierte Teamchef Günther Steiner vor dem Rennen in Imola am Freitag die Personalie Schumacher. "Ich weiß es nicht, er ist ein Ferrari-Fahrer. Da passiert gerade einiges im Hintergrund." Das klang nicht so, als wolle er mit Inbrunst Schumachers Verpflichtung dementieren. Und in einem RTL-Interview sagte er zu dem Thema: "Es wäre eine Ehre für uns, etwas, worauf wir stolz sein könnten." Man spreche mit mehreren Fahrern, sei in den Verhandlungen "auf der Zielgeraden".

Es gibt noch zwei weitere Ferrari-Piloten in der Formel 2: den Briten Callum Ilott und den Russen Robert Schwarzman. Einer der drei Piloten werde Ende der Saison befördert, sagte Ferraris Teamchef Mattia Binotto am Freitag: "Die anderen werden andere Möglichkeiten bekommen." Steiner hatte zur Trennung von Grosjean gesagt, diese erfolge aus "finanziellen Gründen". Ein Hinweis, der so interpretiert wurde, dass Haas auf das Geld von Dimitri Mazepin angewiesen sein könnte. Der 52-jährige Russe ist Eigner des Chemiekonzerns Uralchem. Und er hat einen 21-jährigen Sohn, Nikita, der ebenfalls in der Formel 2 unterwegs ist (Haas-Teamchef Steiner bestätigte bei RTL, dass es Verhandlungen mit dem Fahrer gibt). Neben ihm wäre noch ein Platz für Mick Schumacher. Der letzte verfügbare.

© SZ vom 31.10.2020/chge
Formula One Chief Executive Bernie Ecclestone closes his eyes in Munich

SZ PlusZum 90. Geburtstag von Bernie Ecclestone
:Der Dealer

Bernie Ecclestone häufte mit der Erfindung der Formel 1 märchenhaften Reichtum an. Für Fairness interessierte sich der listige Geschäftsmann dabei nie. Nun wird er 90 und bleibt, was er immer war: undurchschaubar.

Von René Hofmann

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite