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Mick Schumacher im Interview:"Sehr offene Unterhaltung darüber, was ich brauche"

Spa und Budapest sind fahrerisch vergleichsweise anspruchsvoll. Sind sie deshalb Ihre Lieblinge?

Jeder Fahrer hat Lieblingsstrecken. Und meistens sind es deshalb seine Lieblingsstrecken, weil er auf ihnen schneller in den Rhythmus findet, den er benötigt. Bei mir geschieht das in Spa und Budapest. Wer schnell im Rhythmus ist, dem fällt es leichter, auf das Auto zu hören. Zu fühlen, was passiert. Und was er braucht, um schneller zu fahren. Dadurch, dass wir in der Formel 2 nur ein freies Training haben, in dem wir ein paar Runden fahren können, ist es extrem wichtig, so schnell wie möglich auf 100 Prozent und im Rhythmus zu sein. Eine Einheit zu bilden mit dem Auto. Um so schnell wie möglich zu fühlen: Was macht das Auto, wo kann ich noch Zeit gut machen? Und was brauche ich, um noch schneller zu werden? Die Herausforderung in der Formel 2 ist es, in der kurzen Zeit des freien Trainings alle Erkenntnisse zu sammeln, um mit dem Team das Auto für das Qualifying abzustimmen.

Es heißt, Sie besäßen großes Verständnis für die Technik Ihres Autos. Sind die präzisen Rückmeldungen an Ihre Ingenieure eine Stärke von Ihnen?

Ich würde sagen: ja. Ich vertraue meinen Ingenieuren zu hundert Prozent. Und sie mir. Wir haben eine sehr offene Unterhaltung darüber, was ich brauche. Das ist für jeden Fahrer anders. Jeder Fahrer hat einen anderen Fahrstil. Jeder Fahrer braucht Unterstützung in unterschiedlichen Momenten: in der Kurve, in der Runde, auf der Strecke. Ich denke, ich kann das, was dem Auto fehlt, recht präzise in Worte fassen.

In Silverstone sind Sie mit Ihrem Teamkollegen Schwarzmann aneinandergeraten, der sich auch Hoffnung macht auf einen Einstieg in die Formel 1. Alles sah nach einem Doppelsieg für Ihr Team aus, doch mit Platz zwei wollten Sie sich nicht begnügen. Auf der Wellington-Gerade setzten Sie zum Überholmanöver an, waren schon fast vorbei, beim Einlenken in die Kurve berührte Ihr linkes Hinterrad Schwarzmanns Frontflügel: Er fiel zurück auf Platz 13, Sie wurden noch Zweiter. Bereuen Sie das Manöver?

Nein, auf keinen Fall. Ich hatte ein gutes Auto. Ich war sehr schnell. Die Reifen haben mir auch geholfen, weil der Verschleiß etwas höher war als an den Wochenenden zuvor. Weil ich so schnell war, schneller als Robert, musste ich dieses Überholmanöver starten. Weil es einfach logisch war. Je länger man wartet, desto mehr Druck hat man auch von hinten.

Wer trug aus Ihrer Sicht die Schuld an dem Crash?

Wir haben das intern alles besprochen. In Barcelona haben wir uns schon wieder gut auf uns konzentrieren können und dann das Auto und das ganze Team vorangebracht. Wenn man eine offene Kommunikation hat im Team, ist das etwas, das einen auch in solchen Situationen hilft.

Das vieldiskutierte Engagement von Sebastian Vettel bei Racing Point ist noch immer nicht beschlossen. 2021 könnten Sie also der einzige deutsche Fahrer in der Formel 1 sein. Spüren Sie die Last der Erwartungen in der Rennfahrernation Deutschland auf Ihren Schultern?

Das kann ich so nicht sagen. Sebastian und ich haben ein sehr gutes Verhältnis. Wir haben immer sehr gute Unterhaltungen und tauschen uns generell gerne aus. Wie es 2021 sein wird, muss man sehen. Es ist noch zu früh, um darauf eine konkrete Antwort zu geben. Dadurch, dass Corona ist, haben sich die Planungen alle etwas nach hinten verschoben. Also warte ich nun ab. Ich denke, dass ich in den nächsten Wochen mehr erfahren werde. Alle Entscheidungen werden später getroffen als gewöhnlich.

Vor zwei Jahren reisten sie nach gerade einmal zwei dritten Plätzen in 14 Rennen nach Spa und gewannen wie aus dem Nichts ihren ersten Formel 3-Grand Prix. Danach fuhren Sie wie im Rausch, siegten in sieben der 15 restlichen Wettfahrten. Haben Sie 2018 in Spa zum ersten Mal ihr Auto vollumfänglich verstanden?

Es wäre unfair zu sagen, dass ich in der Saison nichts gerissen habe vor dem Rennen in Spa.

Sagt ja niemand.

Wenn man sich die Saison anschaut: Bei den Testfahrten waren wir extrem schnell. In jeder Session waren wir Erster oder Zweiter. Und immer vorne. Als wir schließlich nach Spa gekommen sind, war ich hundertprozentig davon überzeugt, dass ich diese Meisterschaft noch gewinnen würde. Ich wusste es. Ich habe nie daran gezweifelt. Auch nicht, als ich in der Gesamtwertung noch weiter hinten lag.

Woher kam diese Gewissheit?

Ich wusste es einfach. Ich wusste, dass es noch möglich war, von den Punkten her. Dementsprechend habe ich nie aufgehört, daran zu glauben. Solang es mathematisch möglich ist, glaube ich immer an die Meisterschaft. Nachdem ich in Spa die Pole Position erobert hatte, lief es wie geschmiert. Es lief so gut, dass ich mental immer stärker wurde. Mit jeder Runde, jedem Rennen. Wenn ich an eine neue Strecke gekommen bin, dann stellte sich für mich gar nicht die Frage, ob ich das Rennen gewinnen würde oder nicht. Es war einfach selbstverständlich. Ich habe den Lauf dann bis Hockenheim durchgezogen. Und dort bin ich schließlich angekommen mit 57 Punkten Vorsprung.

Glauben Sie in dieser Saison auch noch an die Meisterschaft?

Diesmal verbleiben sehr viel weniger Rennen als damals. Aber mein Glaube ist da. Und er ist das, was für mich zählt!

© SZ/jbe
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