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Michael Wolf:Der Kapitän verkauft jetzt Schuhe

EHC openlockers 14 09 16 im Olympia Eisstadion München im Bild Michael Wolf Â; Michael Wolf

Die Münchner verlieren in Michael Wolf einen Mitstreiter, der nicht viel sagt, aber wenn er was sagt, hört die Kabine zu.

(Foto: imago)

Der erfolgreichste Torschütze der DEL-Geschichte kündigt auf dem Höhepunkt des EHC München seinen Rücktritt an.

Für die deutsch-österreichische Beziehung ist der Irschenberg vermutlich nicht ganz so bedeutend wie der Sendlinger Berg in München, wo 1705 der Aufstand bayerischer Bauern gegen die habsburgische Schreckensherrschaft in der berüchtigten "Mordweihnacht" eskalierte. Aber vor dem Halbfinale zwischen dem achtmaligen österreichischen Meister EC Red Bull Salzburg und dem deutschen Seriensieger EHC Red Bull München in der Champions Hockey League (CHL), vulgo: "Dosen-Duell", hatten sich die Kapitäne beider Teams, Matthias Trattnig und Michael Wolf, in Österreich geboren, auf eben diesem Irschenberg verabredet, auf halber Strecke, wie das früher bei großen Feldschlachten üblich war. Zwischen Trattnig und Wolf blieb es bei einem unblutigen Vorgeplänkel darum, wer 313 Jahre und drei Wochen nach der Schlacht von Sendling das bessere Eishockeyteam im Vergnügungsimperium des Dietrich Mateschitz hat.

Vor den Augen des Imperators machten beide Teams am Mittwoch in der engen Salzburger Eisarena dann exakt da weiter, wo sie vor einer Woche beim 0:0 in München aufgehört hatten. Die Atmosphäre verdichtete sich wie in einem Schnellkochtopf. Als Alexander Rauchenwald nach mehr als 73 torlosen Minuten zum 1:0 für Salzburg traf, drohte das Ventil zu explodieren. Das Team von Don Jackson ließ allerdings recht schnell den Druck aus dem Kessel: Maximilian Kastner (17.), Yannic Seidenberg (20.) und Patrick Hager (50.) schossen München zum Sieg und damit erstmals eine deutsche Mannschaft ins Finale. "Das ist fantastisch", jubelte CHL-Geschäftsführer Martin Baumann.

Als Schweizer sei er zwar selbstverständlich "neutral" gewesen: "Aber was wir heute gesehen haben, das war große Klasse, beste Werbung. Das tut der CHL gut und dem deutschen Eishockey." Im Finale am 5. Februar in Göteborg wartet der zweimalige Champions Frölunda Indians auf die Münchner. "Das wird eine Knacknuss", sagte Baumann. "Ich habe Frölunda im Halbfinale gegen Pilsen gesehen: Das ist noch mal eine andere Liga. Aber das wird ein Leckerbissen."

Einen Rücktritt vom Rücktritt schließt Wolf aus. Obwohl sie in München nicht begeistert sind

EHC-Coach Don Jackson fasste seine Emotionen in einem Wort zusammen: "Pride". Er sei stolz auf sein Team, das seit Monaten alle zwei oder drei Tage Höchstleistungen abruft und sich auch von Verletzungen (in Salzburg fehlte unter anderem Topscorer John Mitchell) nicht vom Weg abbringen lässt. Wenn er die Freude in den Gesichtern seiner Spieler sehe, sei er glücklich, sagte Jackson. In die wohlige Erschöpfung hinein wehte aber auch ein Hauch Wehmut. Denn im Moment des größten internationalen Erfolgs für den EHC kündigte Kapitän Michael Wolf seinen Rücktritt zum Saisonende an. "Ich habe mir das lange überlegt und glaube, dass jetzt der richtige Zeitpunkt dafür ist", sagte Wolf der SZ. Er wolle nicht, dass man ihn dereinst vom Eis schieben müsse.

Wolf wird am 24. Januar 38 Jahre alt. Wer ihn spielen sieht, denkt: "Der könnte doch noch." Denkt jedenfalls sein Teamkollege Frank Mauer. Vor einer Woche hat Wolf sein 750. Spiel in der Deutschen Eishockey Liga (DEL) gespielt, mit 330 Toren ist er der erfolgreichste Schütze der DEL-Geschichte, in 152 Länderspielen hat der ehemalige DEB-Kapitän 53 Treffer erzielt. "Er hat zu einer Zeit geglänzt, als die Liga von ausländischen Spielern dominiert wurde", sagt Mauer. Der Nürnberger Patrick Reimer, mit 325 Toren Wolfs schärfster Konkurrent in diesem Fach, hält Wolf für den "Torjäger in Person", dem aber der Teamerfolg immer wichtiger gewesen sei als der persönliche: "Deshalb war er immer Kapitän, auch bei der Nationalmannschaft." Würde man unter den rund 350 DEL-Profis eine Umfrage veranstalten, erhielte man vermutlich 349 Lobeshymnen - und eine Enthaltung. Denn der "Vorzeigeprofi" (Reimer) mag es nicht nur nicht, über sich zu sprechen: "Ich hasse es", sagt Wolf. Also müssen das andere für ihn tun.

Schon nach der ersten deutschen Meisterschaft mit dem EHC München 2016 adelte Don Jackson seinen Rechtsaußen als den "perfekten Kapitän". Einer, der mit leisen Worten führt. "Wenn immer dieselben rumschreien, hören die anderen irgendwann nicht mehr zu", sagt Wolf. Also sagt er nur dann etwas, wenn er etwas zu sagen hat. Und die Kabine hört ihm zu.

Der erste Titel sei für ihn die Erfüllung eines Traums gewesen, für den er nach neun Jahren in Iserlohn, wo er am 9. September 2005 in der DEL debütierte, 2014 nach München gewechselt war. In Iserlohn hatte er in Robert Hock, mit 537 Vorlagen DEL-Rekordhalter, einen kongenialen Partner. "Aber den Pokal hochzuhalten, damals nach dem entscheidenden Sieg in Wolfsburg - das war Wahnsinn", sagt Wolf.

Nach 14 Jahren und zwei, vielleicht drei weiteren Titeln und einem CHL-Finale als Krönung sei es an Zeit, der Familie den Vorzug zu geben. Seine ältere Tochter kommt im Herbst in die Schule, daheim in Füssen wartet das Schuhgeschäft der Familie auf ihn.

Münchens Sportdirektor Christian Winkler und Trainer Jackson versuchten zwar bis zuletzt alles, um ihn umzustimmen: "Sie haben mich nicht gerade dazu gedrängt, aufzuhören", sagt Wolf. Aber einen Rücktritt vom Rücktritt werde es "sicher nicht" geben. Das glaubt auch Frank Mauer nicht. "Er überlegt lange. Aber dann steht er zu seinen Entscheidungen. Nach dem Wolfi kannst du die Uhr stellen." Wenn es überhaupt eine Schwachstelle gebe, dann, dass Wolf "vielleicht zu nett" sei: "Er ist drei Mal als Kapitän deutscher Meister geworden, das können nicht viele von sich behaupten." Trotzdem sei er "äußerst" bescheiden. "Das ehrt ihn."

Die Liga verliert in Wolf einen ihrer besten Stürmer. Mit dem DEB-Team erreichte er bei der Heim-WM 2010 überraschend Platz vier. Olympia-Silber 2018 verpasste er, weil er bereits 2015 aus dem Nationalteam zurückgetreten war. "Wäre er in Pyeongchang dabei gewesen, hätte das unsere Chancen sicher nicht gemindert", sagt Patrick Reimer, 36, und lacht. "Ich hoffe, er hört wirklich auf, damit ich ihn vielleicht noch einholen kann." Tut er. Wirklich. Auch wenn er seine Karriere gerade um ein Champions-League-Finale verlängert hat. "Jetzt ist es halt noch ein Spielchen mehr", sagt Wolf.