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Mexikos Trainer Herrera:Wie eine Bulldogge auf Speed

Croatia v Mexico: Group A - 2014 FIFA World Cup Brazil

So sieht Miguel Herrera aus, wenn er sich freut.

(Foto: Laurence Griffiths/Getty Images)

Er tanzt, wedelt mit den Armen, wirft seinen Verteidiger zu Boden: Miguel Herrera reißt mit seinem Temperament die Spieler mit - und das Publikum. Schon als Aktiver war er ein aufbrausender Typ. Mit lustigen wie hässlichen Seiten.

Von Javier Cáceres , Belo Horizonte

Viel besser als Adela kann man es mit Mexikos Nationaltrainer Luis Herrera, 46, eigentlich nicht meinen. Adela, muss man dazu wissen, ist ein sehr blonder, sehr langmähniger, sehr koketter TV-Star, der die Berühmtheiten seines Landes zu Plaudereien zu bewegen weiß. Zum Beispiel Herrera. Mitte Mai trafen sich die beiden vor Kameras. Und Adela überreichte Herrera vor der Kulisse palmengesäumter Trainingsplätze ein grünes Täschlein, ein "WM-Überlebens-Kit". Konzentrations-Öle enthielt es, einen Massageknochen aus Holz, Räucherstäbchen, Salze sowie eine (Adela verblüffend ähnliche) Barbiepuppe. Ach ja, und dann war noch etwas dabei, was laut Adela für die Stunden vor den WM-Partien gedacht war, Herrera allerdings in Mexiko vergessen haben muss: Baldrian. Wer am Montagabend das Spiel Mexiko gegen Kroatien (3:1) sah, wird wissen, was gemeint ist. Wer nicht, muss sich nicht sorgen. Die wichtigsten Momente dürften bereits auf den internationalen Videokanälen und Mediatheken gespeichert sein. Luis Herrera hob nämlich die Darstellung der Ekstase auf eine neue Ebene: An der Seitenlinie hüpfte er herum wie eine Bulldogge auf Speed. Ob in Momenten des Zorns oder der Freude - immer ist Herrera ein Fall für biomechanische Studien.

Oder die nächste Documenta in Kassel. Wie viel Explosivität und Leidenschaft, wie viel Spontaneität und Euphorie in einen Menschen passt, wenn er jede Form von Schamgefühl vergisst, war wahrscheinlich auch den wichtigsten Forschern unbekannt. Bei Spielen Mexikos muss man für jede Wendung, jede unvorhergesehene zumal, dankbar sein. Denn sie fördert eine unvergessliche Performance der mexikanischen Version eines entfesselten Rumpelstilzchens zutage. Mehr als an einen Coach erinnert Herrera an die Restaurantbesucher, die beim Mexikaner die Chilischote unterm Salatblatt übersehen haben. Allerdings 90 Minuten lang.

Im Spiel gegen Kroatien war das zu beobachten, als den Mexikanern beim Stand von 0:0 ein Handelfmeter verweigert wurde. Da wedelte Herrera mit den Armen, als ob er 36-Kilo-Hanteln heben würde. Noch rührender war seine Performance nach dem 2:0 durch Guardado. Da stürzte Verteidiger Paul Aguilar auf seinen Vorgesetzten Herrera zu, rang ihn zu Boden und fabrizierte eine Szene, die es nur knapp durch die totalitäre Fifa-Bilderzensur schaffte: Eine satirische Kopulationsinszenierung in einem freien Tanztheaterstück hätte der Einlage von Herrera und Aguilar in nichts nachgestanden.

Dass Herrera die Mexikaner überhaupt zur WM führen durfte, hat viel mit dem Chaos in der Qualifikationsrunde zu tun. In der Nord- und Mittelamerikagruppe verfehlten die Mexikaner zunächst hinter den USA, Costa Rica und Honduras die Direktqualifikation, im Herbst 2013 wurde Herrera für die Relegationsspiele gegen Neuseeland geholt. Ihm wurde zugetraut, einer toten Mannschaft Leben einzuhauchen.

"40 Tage lang kann man ruhig mal fasten"

Herrera vertraute zunächst ausschließlich auf Spieler aus der mexikanischen Liga - vor allem aus dem Kultklub América, den er zuvor zwei Mal ins Meisterschaftsfinale und einmal zum Titel geführt hatte. Dessen Kicker kannten sein nicht verhandelbares 5-3-2-System bestens. Für die WM aber integrierte er die in Mexiko nicht unumstrittenen Legionäre, das letzte halbe Jahr brachte er damit zu, die Öffentlichkeit humoristisch zu bearbeiten, mit Auftritten in den Medien, in Telenovelas und Comedy-Shows. Zum Lachen war ihm nur einmal nicht, als er den aktuell wohl besten Mexikaner, Stürmer Carlos Vela von Real San Sebastián, nicht zur Rückkehr ins Nationalteam überreden konnte.

Vela hat den Funktionären nicht verziehen, dass sie ihn wegen "Disziplinlosigkeit" für ein paar Spiele aus dem Team verbannten - wobei Disziplinlosigkeit für eine Feier mit Sexdienstleisterinnen stand. Für die Dauer der WM übrigens hat Herrera wegen einer Affäre aus der Zeit des Confed-Cups 2013 eine Art Ramadan ausgerufen: kein rotes Fleisch, kein Alkohol, kein Tabak, kein Sex.

"40 Tage lang kann man ruhig mal fasten", sagt Herrera, schlimmer sei nur eins: Nicht dabei zu sein. Ein bitterer Gruß an Carlos Vela. Er selbst weiß, was es heißt, eine WM zu verpassen. 1994 war Herrera eigentlich Stammspieler, fürs Panini-Album hatte er sich mit einer Hansa-Rostock-Vokuhila-Gedächtnis-Frisur verewigen lassen. Und am Tag der Nominierung hatte er auch morgens einen Anruf von Nationaltrainer Mejía Barón erhalten: "Du fährst mit". Am Abend aber war Herreras Name auf der Liste nicht zu finden. Angeblich hatte Barón Bedenken, Herrera könne zu aufbrausend sein. Tatsächlich war der damalige Rechtsverteidiger nicht nur berühmt dafür, seinen Teamkollegen im Training die Schienbeinschoner zu zersplittern, bei einem Freundschaftsspiel hatte er sich auch noch ziemlich dämlich vom Platz stellen lassen, zudem in der Liga einen Fan geschlagen, der ihm blöd von der Seite gekommen war. Verständnis bringt Herrera für seine Nicht-Nominierung bis zum heutigen Tag nicht auf, im Gegenteil. Er nennt Mejía Barón bevorzugt einen "sexuell Abartigen", wahlweise einen "Schwulen".

Das steht in der homophoben Tradition Mexikos (sowie sämtlicher Länder, die südlich des Rio Bravo angesiedelt sind). Ein Ausdruck dessen ist auch ein beharrlicher Ruf der mexikanischen Fans bei Eck- und Abstößen der Gegner: "Puuuuu-to", rufen sie, was man frei als Schwuchtel übersetzen kann. Die Mexikaner hatten deswegen auch schon Ärger mit dem Fußballweltverband Fifa, was insofern überraschend ist, als der seine nächsten WM's in schwulenfeindliche Länder wie Russland und Katar vergeben hat. Das Beste, was man von den mexikanischen Fans in diesem Zusammenhang sagen kann, ist, dass sie zumindest Schlagfertigkeit bewiesen. Statt "Puto" rufen sie nun "Pepsi". Der Brausehersteller ist der Rivale eines Fifa-Sponsors.

© SZ vom 25.06.2014/bero
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