Mexiko bei der WM"Klar kann man gegen die gewinnen"

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Wer in zwei Jahren nur vier Tore für die Nationalelf schießt, kann auch mal entrüstet die Wangen aufblasen: Mexikos Javier "Chicharito" Hernandez.
Wer in zwei Jahren nur vier Tore für die Nationalelf schießt, kann auch mal entrüstet die Wangen aufblasen: Mexikos Javier "Chicharito" Hernandez. (Foto: Marius Becker/dpa)
  • Die Escort-Affäre hängt dem mexikanischen Team vor dem Vorrundenspiel mit Deutschland noch nach.
  • Javier "Chicharito" Hernández hält dagegen und gibt forsche Ziele aus, spricht sogar vom WM-Titel.
  • Hier geht es zum Spielplan der Fußball-WM.

Von Javier Cáceres, Sotschi

Javier "Chicharito" Hernández ist nicht der Kapitän der mexikanischen Nationalelf. Die Spielführerbinde gehört eigentlich Rafael Márquez oder Andrés Guardado. Doch als die Wogen in Mexikos Quartier hochschlugen, weil sich die Weltpresse auf die ausufernde WM-Abschiedsparty des Kaders mit angeblich 30 Frauen stürzte ("Orgie!"), war es Chicharito, der Verantwortung übernahm.

"Die kleine Erbse", wie sein Künstlername auf Deutsch lautet, stellte sich eine halbe Stunde lang den Fans. In der Absicht, sie durch einen Videochat zu beruhigen, und ihnen zu versichern, dass bei der aus Anlass seines Geburtstags ausgerichteten Party nichts Schlimmes passiert sei: "Es gab niemals Escorts!" Vor allem übermittelte er eine Botschaft mit viel Optimismus: "Natürlich glauben wir, Weltmeister zu werden! Ich kann es sehen, ich kann es fühlen! Wir alle wollen Weltmeister werden!", rief er. Und auch wenn Weltmeister Deutschland am Sonntag in Moskau im WM-Auftaktspiel der "klare Favorit" sei: "Klar kann man gegen die gewinnen!"

Für Mexiko stehen die Vorzeichen schlecht

So viel Zuversicht ist im Lichte der Historie überraschend: Mexiko ist sagenhafte sechs Mal in Serie im WM-Achtelfinale k. o. gegangen. Bei einer WM ein "fünftes Spiel" ("el quinto partido") zu bestreiten, ist für die Nordamerikaner zu einer nationalen Obsession geworden. "Zum fußballerischen Äquivalent der Rückeroberung von Texas", wie es der mexikanische Schriftsteller Juan Villoro in der Zeitung Reforma einordnete. Das letzte Viertelfinalspiel der Mexikaner liegt nicht ganz so lange zurück wie der Verlust von Texas (1839), ist aber auch schon etwas her: 1986 scheiterten sie bei ihrer zweiten Heim-WM an Deutschland. Und das soll ausgerechnet jetzt anders werden?

Die Vorzeichen stehen schlecht. Das Team muss mit Anfeindungen gegen Trainer Juan Carlos Osorio leben, ihm ist mit dem wutentbrannt von Rängen gerufenen Wörtchen "Fuera!" ("Raus!") gewissermaßen ein zweiter Nachname erwachsen. Fans und Medien sind es leid, dass Osorio "sogar im Training rotieren lässt". Vor allem grassiert Panik, weil der Angriff der Mexikaner trauriger ist als jeder Bolero der großartigen Chavela Vargas. Die Offensivkräfte Raúl Jiménez und Oribe Peralta warten seit zwei Monaten auf ein Tor - so wie Mexikos Rekordtorschütze Chicharito (49 Tore). In den vergangenen zwei Jahren hat er nur vier Treffer für die "Tri" erzielt.

Seit einem Jahr spielt Chicharito wieder in der Premier League, bei West Ham United. Die Engländer zahlten damals angeblich 18 Millionen Euro - in jedem Fall einen Betrag, den man in Leverkusen wegen der damals einjährigen Restdauer seines Vertrages für gutes Geld hielt. Für Chicharito war der Wechsel ein mittleres Desaster. Trainer Slaven Bilic wurde mitten in der Saison durch David Moyes ersetzt, der schon in der Saison 2013/14 bei Manchester United Chicharitos Vorgesetzter gewesen war. Mit ihm hatte er sich schon damals nicht verstanden, bei West Ham wurde es noch schlimmer. Moyes wusste ihn nicht einzusetzen, setzte ihn auf die Reservebank, bis Chicharito so entnervt war, dass er im Januar gehen wollte. Er blieb, kam aber auf bloß acht Saisontore. Nun kommt Manuel Pellegrini, ein Chilene, der Chicharitos Qualitäten wohl eher zu schätzen und einzusetzen weiß. Ob er deswegen bleibt, ist offen. "Jetzt will ich mich zu hundert Prozent auf die WM konzentrieren", sagt Chicharito.

Das trifft sich vielleicht ganz gut, für ihn und seine Kameraden. Die Tradition, nach nur vier WM-Spielen den Heimweg antreten zu müssen, können sie dieses Mal wirklich nicht fortsetzen wollen. "Alles deutet darauf hin, dass die Auswahlspieler das fünfte Spiel daheim austragen müssen", warnte Schriftsteller Villoro mit Blick auf die Schlagzeilen rund um die Party mit der üppigen Escort-Beteiligung, die viele Lebensgefährtinnen der Profis irritiert haben soll. So ein Nudelholz soll ganz schön wehtun.

© SZ vom 16.06.2018 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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