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Leichtathletik und Football:32 Hundertstel zu langsam

USATF Golden Games and Distance Open at Mt SAC

"Ich habe was dabei gelernt": D.K. Metcalf bei seinem Versuch, sich für die Olympischen Spiele zu qualifizieren.

(Foto: Harry How/AFP)

Kann ein Footballer mit den Besten über 100 Meter mithalten? D.K. Metcalf von den Seattle Seahawks scheitert beim Versuch, sich für Olympia zu qualifizieren - er sendet aber eine Botschaft an alle, die über sportliches Spezialistentum lästern.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

10,37 Sekunden also, und das bedeutete: letzter Platz für D.K. Metcalf bei diesem 100-Meter-Lauf im kalifornischen Walnut und dem Versuch, sich beim Golden-Games-Event für die Olympischen Spiele zu qualifizieren. "Ich habe was dabei gelernt", sagte der 1,92 Meter große und 105 Kilogramm wuchtige Wide Receiver der Seattle Seahawks. Er hatte vor einigen Monaten Aufsehen erregt mit einer Verfolgungsjagd auf dem Football-Feld, als er in voller Montur mit Helm und Polstern eine Geschwindigkeit von 35,4 km/h erreichte, seinen Gegenspieler einholte und unsanft vom Spielfeld subtrahierte.

Es entstand ein Meme, das sich millionenfach im Internet verbreitete, und es kam die Frage auf: Kann der Typ tatsächlich auf der Tartanbahn mithalten? Die Antwort war das, was der Footballprofi am Sonntag lernte: "Das sind Weltklasseathleten, die davon leben, dass sie nur das tun."

Es hatte in den USA heftige Debatten gegeben, weil dieser Versuch von DeKaylin Metcalf Erinnerungen weckte an die große Zeit der Doppelsportler in diesem Land, in den 1980er und 90er Jahren. Bo Jackson etwa spielte Football für die Los Angeles Raiders und Baseball für drei MLB-Klubs und wurde über einen Werbespot ("Bo Knows") zur popkulturellen Legende.

Oder Deion Sanders, der am 11. Oktober 1992 für die Atlanta Falcons in Miami antrat und danach für die Atlanta Braves gegen die Pittsburgh Pirates spielen wollte: Er wäre der erste Profi gewesen, der am selben Tag in zwei Sportarten auftrat - erst Football, dann Baseball -, doch Braves-Trainer Bobby Cox unterstellte Sanders Egomanie, setzte ihn auf die Bank und wechselte ihn auch nicht ein.

Weitere Mehrfachsport-Legenden: Jackie Robinson, im Jahr 1947 der erste Afroamerikaner in der Baseballliga MLB, war im College in vier verschiedenen Teams aktiv. Jim Brown von den Cleveland Browns, für viele der beste Running Back der NFL-Geschichte, wurde in die Hall-of-Fame der Sportart Lacrosse aufgenommen. Und unvergessen ist Jim Thorpe: Olympiasieger im Zehnkampf 1912 und später Football-, Basketball- und Baseball-Profi.

Wenn Sportler heutzutage überhaupt noch wechseln, dann lernen sie oft, wie schwer es ist, gegen Spezialisten anzutreten: Der Mixed-Martial-Arts-Akteur Conor McGregor verlor vor ein paar Jahren einen Boxkampf gegen Floyd Mayweather junior deutlich; so wie Mayweather von McGregor besiegt worden wäre, wenn sie auch nur eine Kampfdisziplin außer Boxen zugelassen hätten.

"Die Leute debattieren, weil sie denken: Geschwindigkeit ist Geschwindigkeit", sagte Noah Lyles, der einer der Olympia-Favoriten ist: "Das ist aber nicht wahr, in einem 100-Meter-Lauf steckt ebenso viel Taktik wie in einem Marathon." Das liegt daran, dass die Muskeln nur sechs Sekunden Maximal-Kontraktion zu leisten imstande sind.

Was beim Rennen auch deutlich zu sehen war: Metcalf hatte drei Monate lang trainiert, um sich für die US Trials, die Ausscheidungsrennen im Juni in Eugene, Oregon, zu qualifizieren und dort dann für Olympia in Tokio. Er hätte 10,05 Sekunden laufen müssen. Aber er ist eben auch viel größer und viel schwerer als die Konkurrenten. Er hielt etwa 50 Meter ordentlich mit - Sprints über mehr als diese Strecke sind selten im Football -, dann fiel er ab.

Metcalf, 23, wurde für sein Rennen allenthalben gelobt, Seahawks-Quarterback Russell Wilson etwa schrieb bei Twitter: "Grandios, mein Freund!" Es zeigte aber auch, wie knifflig es heutzutage ist, in zwei oder mehr Sportarten zu glänzen. Diskutiert wurde auch der vielleicht gar nicht einmal so dumme Vorschlag, bei Olympischen Spielen oder anderen Veranstaltungen einen ambitionierten Amateur teilnehmen zu lassen, damit Leute, die vor dem Fernseher über einen achten Platz lästern, mal sehen, wie schwierig es ist, überhaupt dabei zu sein.

Das war die zweite Lektion für D.K. Metcalf bei diesen 10,37 Lehrsekunden. Was er denn nun vorhabe, wurde er danach gefragt. Seine Antwort, und es kann keine bessere geben: "Football. Zeit fürs Trainingslager."

© SZ/sjo/bek/bkl
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