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Fußball-WM:Ausgeschieden - trotz Mesut Özil

  • Mesut Özil ist in den vergangenen Tagen viel kritisiert worden - teilweise zu Recht, teilweise nicht.
  • Auch nach dem WM-Aus schweigt er und wird Russland wohl verlassen, ohne öffentlich irgendetwas gesagt zu haben.
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Von Benedikt Warmbrunn, Kasan

Auch am Ende dieser kurzen Reise schwieg Mesut Özil. Er lief durch den Innenraum der Arena in Kasan, in der einen Hand hielt er sein Handy, möglicherweise schickte er auf diesem ja zumindest ein paar Statements in die Heimat. Die Mikrofone und Kameras, die seit Wochen auf ihn warten, auf ein paar Sätze von ihm, ignorierte Özil routiniert.

Das wäre ja schon interessant gewesen, was Özil, 29, über die vergangenen Stunden, Tage und Wochen so denkt, über diese Stunden, Tage und Wochen, in denen er so sehr in der Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit stand wie selten zuvor in seiner ruhmreichen Karriere. Er ist viel kritisiert worden, teilweise gerechtfertigt, teilweise nicht. Da war dieses Foto mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan. Da war sein anschließendes stures Schweigen. Da war seine Spielweise, die vermeintlich schuld sein sollte an so vielem, was nicht funktioniert hat in der deutschen Mannschaft. Was er zu all dem denkt, hat Özil nie verraten, er ist nach Russland gereist, ohne sich öffentlich geäußert zu haben, und er verlässt Russland, ohne öffentlich irgendetwas gesagt zu haben.

Nur Toni Kroos hat mehr Pässe gespielt

Am Mittwochabend blickte er stur in sein Handy. So lange, bis er den Ausgang der Arena erreicht hatte. Vielleicht hatte er ja tatsächlich seine Gefühle weitergegeben, an irgendjemanden, der sie für sich behalten wird. An den Debatten über seine Person beteiligt sich Özil weiter nicht. Deutschland ist übrigens am Mittwoch nicht wegen Mesut Özil in der Vorrunde bei dieser WM ausgeschieden. Ausgeschieden ist Deutschland trotz Mesut Özil.

Nachdem er im zweiten Spiel gegen Schweden auf der Bank gesessen hatte, habe Özil sehr gut trainiert, hatte Joachim Löw vor dem Spiel gegen Südkorea gesagt; der Bundestrainer beförderte ihn zurück in die Startelf. Özil fand dann gegen Südkorea auch schnell zurück in seinen Rhythmus, er bewegte sich gut, er forderte den Ball, er verteilte den Ball. Nach eineinhalb Minuten klärte er sogar einmal im eigenen Strafraum vor dem südkoreanischen Angreifer Son Heung-min. Am Ende des Spiels hatte Özil 98 Pässe gespielt, nur Toni Kroos war in dieser Disziplin eifriger. Vor allem aber hatte Özil Pässe gespielt, die auch dazu geeignet waren, einen anderen Ausgang dieses Abends herbeizuführen.

Das Zuspiel auf Timo Werner vor der besten Chance in der ersten Halbzeit? Kam von Özil. Das Zuspiel vor einer guten Chance von Kroos nach einer knappen Stunde? Kam von Özil. Die Flanke auf Mats Hummels kurz vor dem Ende der regulären Spielzeit? Kam von Özil. Werners Schuss wurde geblockt, Kroos traf Leon Goretzka, Hummels den Ball nur mit der Schulter. Bessere Chancen als nach Pässen und Flanken von Mesut Özil hatte Deutschland an diesem Abend nicht.

Mesut Özil hat auf dem Rasen Antworten gegeben

"Wir konnten nie einem Gegner wehtun. Das hat uns immer ausgezeichnet, die Pässe in die Räume, in die Schnittstellen. Das haben wir hier nicht erlebt", nannte Manuel Neuer später eine der Ursachen für das frühe Scheitern, und das lässt sich durchaus auch als Kritik an Özil deuten. Pässe in die Räume, in die Schnittstellen, das ist ja seine Kerndisziplin. Auf der Pressekonferenz nach dem Spiel wurde Löw dann auch nach Özil gefragt, der Bundestrainer sagte, dass er nicht auf einzelne Spieler eingehen wolle. Und er sagte: "Auch andere Spieler haben nicht das gezeigt, was sie normalerweise können."

Dass Özil diese Pässe am Mittwoch gegen Südkorea nicht gespielt hat, das lag aber nicht daran, dass er sie nicht spielen konnte oder dass er sie nicht spielen wollte. Diese Pässe hat Özil gegen Südkorea nicht so oft gespielt, weil er erkannt hatte, dass das eine ziemlich unnötige Aktion gewesen wäre. Pässe in die Schnittstellen erzeugen schließlich nur dann Gefahr, wenn sich in den Schnittstellen vielleicht auch einer der Mitspieler aufhält.

Es wird in den kommenden Tagen also weiterhin über Mesut Özil diskutiert werden. Zu den Dingen neben dem Platz wird er schweigen. Zumindest zu seinen Fähigkeiten als Fußballer hatte er durchaus eine Antwort angeboten, auf dem Rasen von Kasan.

© SZ vom 28.06.2018/vit

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