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Messi beim FC Barcelona:Der Zorn des Flohs

Lionel Messi wirkt beim FC Barcelona gereizt wie selten in seiner Laufbahn. Vier Champions-League-Siege hat sie ihm eingebracht - doch Ronaldo hat einen mehr, auch das stimuliert ihn.

Von Javier Cáceres, Lissabon

Es gab so einige Details des 3:1-Sieges des FC Barcelona gegen den SSC Neapel vor wenigen Tagen, die in Erinnerung blieben. Zuvorderst: Lionel Messis sagenhafter Treffer zum zwischenzeitlichen 2:0, bei dem er sich gegen die halbe Mannschaft der Italiener durchsetzte, fiel, aufstand und dann den Ball im zweiten Fallen ins Tor bugsierte. Es gab aber auch ein Detail, das einiges über seinen Gemütszustand verriet, und das nicht nur, wie sein Treffer, Teil der Vergangenheit ist. Sondern das in die nähere Zukunft weist: sein Zorn über Schiedsrichter Cüneyt Çakir.

Der Referee hatte ihm die Hand zum Abschied entgegengestreckt, doch Messi ließ ihn ins Leere laufen. Çakir hatte einen Treffer Messis aberkannt, der in seiner subtilen Schönheit mindestens ebenso erinnerungswürdig war. Messi hatte den Ball an Neapels Torwart Ospina vorbeigelupft; doch Çakir wollte auf dem Bildschirm erkannt haben, dass Messi den Ball zuvor mit der Hand touchiert hatte. Messi fühlte sich betrogen. Er war zornig. Bebte.

Genau diese Verfassung ist es, die den Anhängern des FC Barcelona vor der Champions-League-Partie an diesem Freitag in Lissabon gegen den FC Bayern Hoffnung verleiht. Denn mit diesem Ärger, so das Kalkül, muss Messi ja irgendwo hin. Er muss ihn metabolisieren und an irgendjemandem ablassen. Am besten, sagen sie in Barcelona, an den Bayern. Und wer weiß, es steht nirgendwo geschrieben, dass ihn das melancholische Flair der portugiesischen Hauptstadt, oder die Sonne, die ihn am Donnerstagmittag dort empfing, besänftigen könnte.

33 Jahre ist Messi in diesem Sommer geworden, doch es gibt immer noch Dinge, die ihn antreiben. Der Hunger nach dem Champions-League-Titel zum Beispiel, den er seit 2015, seit dem 3:1-Finalsieg gegen Juventus Turin, nicht mehr hat stillen können. Doch das Fernduell mit seinem großen Widersacher der vergangenen Jahre im Kampf um den Titel des Weltfußballers, mit dem Portugiesen Cristiano Ronaldo, der mit Juventus Turin im Achtelfinale überraschend ausschied, ist ebenfalls ein ewiger Treibstoff für den kleinen Argentinier. Ronaldo hat die Champions League fünf Mal gewonnen. Messi hat vier Titel.

Nur vier, heißt das für ihn. Wird er ausgerechnet jetzt gleichziehen? Jetzt, am Ende einer Saison, die so reich war an Tumulten wie keine andere in seiner Laufbahn? Und in der er sich so oft öffentlich zu Wort gemeldet hat wie noch nie?

Vor gut einem Jahr, bei der Copa América in Brasilien, konnte man bereits den Eindruck bekommen, dass ein Puzzle vor einem liegt, das sich zu einem neuen Messi-Bild zusammenfügen lässt. Oder waren es doch nur neue Details?

Lange hatten ihm die Chauvinisten im heimischen Argentinien mangelnden Patriotismus vorgeworfen. Doch in Brasilien, auf seine alten Tage also, fing er plötzlich an, vor den Spielen der Nationalelf die Hymne zu singen. Als Argentinien bei der Südamerika-Meisterschaft aber dennoch ausschied, lernte die Welt die maradonianischste Version Messis kennen. Nicht auf dem Platz, sondern in der Mixed Zone des Maracanã-Stadions.

Im Stile eines Volkstribuns - und wie es auch der Bilderstürmer Diego Armando Maradona nicht deutlicher hätte sagen können - bezichtigte Messi den Südamerika-Verband Conmebol der Korruption und unterstellte, er habe Ausrichter Brasilien den Titel zugeschoben. Das hatte im Grunde nur einen Makel: dass Messi unterschlug, dass sich Argentinien auf wenig erbaulichen Pfaden zur WM 2018 in Russland gemauschelt hatte. Als Messi dann nach dem Halbfinal-K.o. gegen Brasilien wieder zurück in Europa war und der Urlaub hinter ihm lag, liefen die Dinge in der Firma des FC Barcelona nicht so, wie er es sich vorgestellt hatte. Im Gegenteil: Die bad days in office wurden immer mehr. Und immer schlimmer.

Als die Saison startete, lastete auf dem Verein noch immer die dramatische 0:4-Pleite gegen den späteren Champions-League-Sieger FC Liverpool; im Hinspiel hatte Barça gegen die Mannschaft von Jürgen Klopp mit 3:0 gewonnen, dank einer Messi-Gala. Messi hatte sich auch eine Rückkehr von Neymar Jr. gewünscht, der Klub aber holte nicht den Stürmer von Paris St.-Germain zurück, der 2017 für 222 Millionen Euro an die Seine abgewandert war, sondern den Franzosen Antoine Griezmann von Atlético Madrid, der Anpassungsschwierigkeiten zeigte. Das Team rumpelte so vor sich hin - bis im Januar Trainer Ernesto Valverde entlassen und durch Quique Setién ersetzt wurde.

Manager Eric Abidal stellte in den Raum, dass das auf Betreiben der Spieler geschehen sei. Messi schäumte, weil er sich angesprochen fühlte, und weil er zu Valverde ein gutes Verhältnis hatte. Wenn man so etwas behaupte, müsse man schon "Namen nennen, sonst beschmutzt man alle", sagte Messi. Mittlerweile hat Abidal Kabinenverbot. Als dann die Pandemie ausbrach und Barcelonas Geldnöte offenbar wurden, begehrte Messi auch gegen den Präsidenten Josep María Bartomeu auf. Er veröffentlichte einen Brief, in dem er dementierte, was das Präsidium gestreut hatte - dass die Mannschaft keinen Gehaltsverzicht leisten wolle, um die finanziellen Folgen von Corona zu bekämpfen. In den sozialen Netzwerken versammelte sich das gesamte Team hinter seinem Kapitän. Und in der Kulisse waberten immer wieder die Differenzen mit Trainer Setién.

Schon der Start war unglücklich verlaufen. Vor einem der ersten Trainingsspielchen warf der neue Coach dem Kapitän Messi ein Leibchen zu, und das war ein Fauxpas. Denn Messi trägt bei Trainingsspielen keine Leibchen. Er spielt vielmehr als Joker mit, das heißt, in der Mannschaft, die jeweils in Ballbesitz ist. Weil er nicht verteidigen will, sagen die einen; weil er so dem Spielchen eine größere Dynamik verleihen kann, sagen die anderen. Doch dass es hinter den nahezu immer verschlossenen Türen bei Barça gärte, erfuhr die Öffentlichkeit in aller Schonungslosigkeit, als es zu einem Disput über die Erfolgsaussichten der Mannschaft kam.

Wenn man so weiterspiele, werde man in der Champions League keine Chance haben, sagte Messi. Setién hielt dagegen. Doch das ließ Messi nicht auf sich sitzen. Stattdessen diktierte er der Tageszeitung Sport ein paar Sätze, die schneidender kaum sein konnten.

Vielleicht habe Setién nicht verstanden, was er gesagt habe, erklärte er. Vielleicht habe er es auch nicht richtig erklärt bekommen, fügte er hinzu. Dann holte er mit der flachen Hand zur Watschn aus.

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