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Mercedes:Erfolg an langer Leine

Großer Preis von Russland

Lewis Hamilton beim Großen Preis von Russland in Sotschi.

(Foto: Luca Bruno/dpa)

Sechs Gründe für die Dominanz des Teams, von der Struktur als Start-up bis zur permanent weiterentwickelten Technik.

Die Formel-1-WM als Meisterschaft der Werte. So sehen sie das tatsächlich in dem Team, dass seit Einführung des Hybrid-Reglements bisher jedes Jahr den Titel einsacken konnte. Wer Werte und Top-Motorsport nicht für zwingend zusammengehörig hält, weil er vielleicht den rasenden Klischees von der permanenten Unvernunft und dem ausgeprägten Machotum anhängt, den kann jedes der etwa 1500 Mitglieder der Performance-Abteilung von Mercedes mit einem Handgriff eines Besseren belehren. Denn in jedem Teamrucksack, auch beim Großen Preis von Japan an diesem Sonntag (Qualifying in der Nacht zum Sonntag um 3 Uhr, Rennen um 7.10 Uhr), steckt ein wichtiges Dokument, in dem die Philosophie des in Großbritannien beheimateten und aus Deutschland finanzierten aufgeschrieben ist. Da die Formel 1 in allem ein Wettbewerb am Limit ist, sind darin auch gleich die Ziele formuliert. "Es beginnt natürlich mit den Zielen für die Marke Mercedes, den Zielen des ganzen Teams, denen der jeweiligen Abteilung und der eigenen, ganz persönlichen" sagt Toto Wolff, der 47 Jahre alte Weltmeistermacher, "das erarbeiten wir am Anfang des Jahres gemeinsam, dann wird es eingeschweißt und kommt in den Rucksack."

Es ist alles ein bisschen anders geworden, seit der Österreicher im Januar 2013 angefangen hat, aus dem wenig erfolglosen Werksrennstall ein Erfolgsteam zu formen. In dieser Saison ist der sechste Doppel-Triumph in Serie fällig, mit Gesamtsiegen in der Fahrer- und Konstrukteurswertung. Damit wäre der große Gegenspieler Ferrari übertrumpft, der es in der Ära von Jean Todt und Michael Schumacher von 1999 bis 2005 zu sechs Mannschaftstiteln und fünf im Einzel gebracht hat. Es gibt sechs gute Gründe, warum Mercedes mit sich selbst um die Wette fährt.

Die Struktur

Mercedes hat nach Ferrari und mit Red Bull die größten Ressourcen, verzichtet aber anders als das bislang erfolgslose Werksensemble von Renault auf starre Konzernrichtlinien. Wolff, der schon in jungen Jahren als Investor Erfolg hatte, setzt auf viel Entwicklungsspielraum für den Einzelnen und die Wendigkeit eines Start-ups: "Formel 1 ist für mich der beste crossover zwischen Wirtschaft und Sport. Die jüngere Vergangenheit hat gezeigt, dass klassische Konzernstrukturen in der Formel 1 nicht erfolgreich waren, beziehungsweise ihren eigenen Ansprüchen nicht gerecht geworden sind, und ich glaube, das liegt auch daran, dass ein Rennteam sehr effizient geführt werden muss. In der Wirtschaft und der Politik gibt es immer noch eine Menge Ausreden, warum etwas nicht gelaufen ist. Aber bei uns bist Du am Ende nur so gut, wie die Stoppuhr zeigt."

Die Führung

Bis Ende Mai bestand das Mercedes-Team aus zwei Ministerien: Toto Wolff war der Innenminister, fürs Tagesgeschäft zuständig. Ex-Weltmeister Niki Lauda war als Team-Aufsichtsrat der Außenminister, für Politik und für das Spiel "guter Cop, böser Cop" zuständig. Seit dem Tod Laudas kommt Wolff allein klar. Er setzt auf eine flache Hierachie, klare Verantwortlichkeiten - und viel Entwicklungspotenzial des Einzelnen, weil er selbst gebannt ist vom Spannungsfeld zwischen Druck und Freiheit. Der Wettbewerbsgedanke steht natürlich über allem, auch jetzt, kurz vorm 100. Sieg in der Königsklasse. Das treibt auch den Kommandanten immer wieder aufs Neue an: "Diese brutale Ehrlichkeit zu sich selbst, das ist für mich die große Faszination an dem Job in der Formel 1."

Die Motivation

Immer dann, wenn Mercedes mal in so etwas wie eine Krise rutscht, traditionell im Frühherbst, greift ein mentaler Trick, den Motivator Wolff so beschreibt: "Die Tage, an denen sich der Erfolg nicht einstellt, sind auch jene Tage, an denen man den größten Fortschritt macht, sich am meisten weiterentwickelt." Klingt ein wenig nach Poesiealbum, hat in der Realität nach den - eher seltenen - Rückschlägen wunderbar funktioniert. Ein Trick, der vom Leichtathleten Sebastian Coe stammt, hilft, sich zu fokussieren: Dafür sucht sich jeder bei Mercedes sein direktes Gegenüber beim gegnerischen Team, und stellt sich diesen Gegner genau vor.

Der Leader

Lewis Hamilton ist auf dem Höhepunkt seines Tuns hinter dem Lenkrad, der sechste Titel ist dem Briten kaum noch zu nehmen, und 2020 nimmt er Anlauf, Michael Schumachers Rekordmarke zu egalisieren. Hamilton hat Mercedes zu seinem Team gemacht, die bittere Auseinandersetzung mit Nico Rosberg nur noch eine Episode. Hamilton schafft es, immer noch stärker zurückzukommen, wofür der Begriff "Hammer-Time" geprägt wurde. Es scheint so, als ob die Coolness des 34-Jährigen abfärbt. An der langen Leine ist er erfolgreich geworden.

Der Wingman

Für Vernunft und Kühle steht Hamiltons Kollege Valtteri Bottas. Die Vertragsverlängerung um ein Jahr mag überrascht haben, aber auf seine Art ist der Finne auch eine feste Größe: schnell genug, aber nicht zu schnell. Er ist treu und zuverlässig und deshalb wertvoll für das Gesamtgebilde. Einen natürlichen Leader und dazu einen immer noch motivierten und höchst unpolitischen Wingman als ideale Ergänzung zu haben, ist - siehe die Streitigkeiten um das Ferrari-Duo - auch ein Erfolgsgarant.

Die Technik

Der zehnte Silberpfeil der Neuzeit ist von den reinen PS-Zahlen her nicht mehr das stärkste Auto der Königsklasse, aber dafür ein Rennwagen, der in allen Bereichen seine Stärken und insgesamt ziemlich wenig Schwächen hat. Das liegt an einer starken, 2013 entstandenen Basis, die seither permanent weiterentwickelt wird. Updates und Upgrades, mit denen die Konkurrenz häufig panisch Schwächen ausmerzen oder kaschieren muss, kommen nach einem klaren Plan. Die Sprünge werden naturgemäß kleiner, wenn man ohnehin schon so weit oben ist - aber es sind immer wieder Sprünge.