MotorsportVom Kinderzimmer ins Cockpit

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Senkrechtstarter: Isack Hadjar, erst 20 und schon Drittschnellster beim Grand Prix der Niederlande, nimmt die Glückwünsche vom Kollegen Liam Lawson (l.) entgegen.
Senkrechtstarter: Isack Hadjar, erst 20 und schon Drittschnellster beim Grand Prix der Niederlande, nimmt die Glückwünsche vom Kollegen Liam Lawson (l.) entgegen. Joe Portlock/Getty Images
  • Mercedes und ADAC starten eine gemeinsame Talentsuche, um den nächsten deutschen Formel-1-Fahrer zu finden und zu fördern.
  • Die Kosten für Nachwuchsrennfahrer sind explodiert: Ein Kartprogramm für Zehnjährige kostet 250.000 Euro jährlich, in der Formel 4 bereits eine Million Euro.
  • Deutschland hat derzeit nur noch einen Fahrer in der Formel 1, nachdem 2010 noch sieben Deutsche in der Königsklasse fuhren.
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Rennfahrerkarrieren beginnen schon im Grundschulalter – und die Kosten sind gigantisch. Mercedes und ADAC wollen mit Talenteaktion die Piloten der Zukunft finden und fördern. Ziel: die Formel 1.

Von Elmar Brümmer, Zandvoort

Die gemeinsame Sache, die eine gute werden soll, erschien in blütenweißen Hemden: eines davon mit dem Stern auf der Brust, das andere mit dem Bundesadler. Mercedes-CEO Ola Källenius und Wolfgang Dürheimer von der ADAC Stiftung Sport verkünden am Rande des Formel-1-Rennens in den Niederlanden eine konzertierte Suchaktion, vom Automanager salopp so formuliert: „Vielleicht finden wir den nächsten Michael Schumacher ...“ Oder einen Sebastian Vettel oder Nico Rosberg. Tatsächlich, darunter können es der Konzern und kann es der deutsche Motorsport nicht machen. Rekordweltmeister Schumacher war ein Kind des Mercedes-Juniorprogramms, das ist jetzt 35 Jahre her. Das personelle Überangebot von Einheimischen, das noch im Jahr 2010 sieben deutsche Rennfahrer in einer Grand-Prix-Saison stellte, ist vorbei. In Nico Hülkenberg, 38, aus dem künftigen Audi-Werksteam hat die Autobahn-Nation noch einen Fahrer in der Königsklasse am Start.

Mit am Tisch in den Dünen von Zandvoort saß Mercedes-Teamchef Toto Wolff. Der Österreicher ist aus eigenem Interesse erfolgreicher Talenteförderer, der Rennstall hat ein professionelles Scout-System, das auch höchst effektiv erscheint: Dem entstammen der 18 Jahre alte Italiener Kimi Antonelli und der Brite George Russell, 27, die aktuell und in der kommenden Saison im Silberpfeil sitzen werden. Wolff weiß auch um die Marketingsicht: „Als deutsche Marke würden wir uns wünschen, dass wir in ein paar Jahren wieder einen Deutschen in der Formel 1 haben, den wir großgezogen haben.“ Er erzählt davon, wie einst der französische Automobilverband eine ähnliche Initiative gestartet hatte, der unter anderen die mehrfachen Rallye-Champions Sébastien Loeb und Sébastien Ogier entsprangen.

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Samstagnachmittags war der Verweis auf die erfolgreiche Förderung im Nachbarland noch eine schöne Theorie; am Sonntag nach dem 15. WM-Lauf wurde sie praktisch bewiesen, weil es der französische Rookie Isack Hadjar, 20, von den Racing Bulls zum ersten Mal auf das Podium in der Königsklasse geschafft hatte. Damit hat sich schrittweise schon genau jenen Kindertraum erfüllt, mit dem Källenius auch deutsche Talente motivieren will: „Wir wollen Mädchen und Jungen inspirieren und ihnen klarmachen, dass es eine Chance gibt, eines Tages in einem Cockpit eines Silberpfeils zu sitzen.“ Perspektiven aufzuzeigen: die Aktion wird so auch zur generellen Imagekampagne für den Motorsport.

Hadjar gilt nach seinen Leistungen inzwischen als Kandidat für den nächsten Aufstieg an die Seite von Max Verstappen im Spitzen-Rennstall von Red Bull. Der Werdegang des 20-Jährigen ist die Blaupause für das, was das bereits existierende Team Motorsport Germany vorhat: Talente aus dem Kartsport, die von Verband und Spähern identifiziert werden, mit der Anbindung an ein Formel-1-Team konsequent nach oben zu bringen. Der österreichische Getränkekonzern betreibt die Förderung breiter als alle anderen und hat in Sebastian Vettel und Max Verstappen bereits zwei Weltmeister großgezogen.

In diesem Sport geht es von Beginn an nicht nur ums Talent, sondern bereits früh um das richtige Material und damit auch um sofort um viel Geld. Das liegt in der Natur einer hochtechnischen Disziplin. Die Kosten in den Nachwuchsklassen sind explodiert, wie Toto Wolff vorrechnet: „Ein wettbewerbsfähiges Kartprogramm für einen Zehnjährigen kostet 250 000 Euro im Jahr. In der Einsteiger-Formel 4 brauchst du dann schon eher eine Million. Das geht immer so weiter und kann sich heute niemand mehr leisten.“ Außer reichen Eltern, die die Sprösslinge mit Helikopter und Privatlehrer zu den Rennen reisen lassen, doch das sind Auswüchse.

Deutschland, zwischenzeitlich eine Hochburg des Kartsports, muss fürchten, vom Boom abgehängt zu werden

Grundsätzlich gilt, das Rennfahrerkarrieren heute mit acht beginnen, mit zehn wird die Richtung vorgegeben, mit zwölf wird es ernst – meist in den professionellen Serien in Italien, die zu einem eigenen kleinen Wirtschaftszweig geworden sind. Der dortigen Szene entstammen beispielsweise Lewis Hamilton, Max Verstappen oder Nico Rosberg. „Ein zweistelliger Millionenbetrag reicht teilweise nicht mehr aus, um da hinzukommen, wo man dann irgendwann hinkommen möchte“, weiß auch Funktionär Wolfgang Dürheimer: „Aus diesem Grund fallen in der frühen Auswahl schon all die raus, die finanziell nicht dazu in der Lage sind, auch wenn Talent da ist.“

Deutschland, zwischenzeitlich eine Hochburg des Kartsports, droht schon beim Nachwuchs vom derzeitigen weltweiten Motorsport-Boom abgehängt zu werden. Die Aktion von Stiftung und Hersteller soll zumindest den Anreiz für diejenigen erhöhen, die es mit zehn Jahren schon an die Schwelle zum internationalen Sport geschafft haben. Breitensport ist das natürlich nicht, sondern frühe Spitzensportförderung. „Wir werden das nicht halbherzig machen. Nur wenn wir das Potenzial eines Einzelnen sehen, machen wir weiter. Da sind wir brutal“, sagt Wolff über die Natur des Ausscheidungsfahrens, bei dem sich bis zu fünf Talente mit gleichem Material beweisen sollen. Wer durchkommt, dem winkt die Begleitung durch Mercedes. „Aber es geht nicht nur ums Bezahlen, sondern vor allem ums Ausbilden“, ergänzt Wolff. Dafür, dass der Konzern sein Know-how zur Verfügung stellt, positioniert er sich auch im Kampf um die besten Nachwuchspiloten. Für die ADAC Stiftung, die bereits mit dem Motorsport Team Germany Talentförderung betreibt, ist der neue Ansatz ein „Gamechanger“.

Dass die Kartbahn das Kinderzimmer der Formel 1 ist, galt schon zu Michael Schumachers Zeiten. Auch der hätte als Sohn eines Feuerungsmaurers Ende der Achtzigerjahre nicht das Geld für eine Chance im Top-Motorsport gehabt. Aber er hatte den Vorteil, dass sein Vater Rolf Platzwart auf der Kerpener Bahn war. So konnte er sich abends die Reifen aus dem Abfall holen, die reiche Kinder weggeworfen hatten – um diese später mit den vermeintlich abgefahrenen Pneus dann zu besiegen und erst den Verband und dann Mercedes auf sich aufmerksam zu machen.

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