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Meldonium:Wenn sich Doper selbst entlarven

BNP Paribas WTA Finals: Singapore 2015 - Day Seven; Maria Scharapowa

Superstar mit eigenem Mineralwasser-Experten, aber in der Dopingverhütung offenbar auf sich allein gestellt: Maria Scharapowa.

(Foto: Clive Brunskill/Getty Images)
  • Andy Murray sieht in der Suspendierung von Maria Scharapowa ein "positives Zeichen".
  • Am Fall der russischen Tennisspielerin und ihrem Meldonium-Doping kann sich weisen, wie ernst der Sport die Betrugsbekämpfung nimmt.
  • Hier geht es zu aktuellen Ergebnissen aus dem Tennis.

Auch Boris Becker mischt jetzt mit. Der Coach von Novak Djokovic verwahrt sich in britischen Medien gegen Dopingverdächtigungen im Tennis, die der Weltranglisten-Zweite Andy Murray formuliert hatte. Wie es guter Brauch ist in diesem Themenbereich, übernimmt der Altmeister den Part des Systemverteidigers, indem er auf das untaugliche Argument pocht, es werde doch so viel getestet, und es gebe keine Positivfälle. Zweifler Murray hingegen trägt, auch das ist typisch für die Debatte, Substanzielles vor. Häufiger habe er Gegner gehabt, die "niemals müde" wurden: "War ich jemals misstrauisch gegen jemanden? Ja. Denn man hört Dinge."

Es ist das übliche Bild. Hier der rituelle Hinweis auf Kontrollen, die jeder Fachdoper von Lance Armstrong über Jan Ullrich bis zu Marion Jones mit kaltblütigem Lächeln überstand; fast alle Großen wurden über staatliche Ermittlungen geschnappt, nicht mit Dopingtests. Und dort der Skeptiker aus der Praxis, der konkrete Aussagen trifft. "Verbesserungen in unserem Sport sind schwer zu beurteilen, jemand kann zum Beispiel seinen Aufschlag umgestellt haben", sagte Murray der Mail on Sunday. "Aber wenn es rein physisch ist, wenn jemand ein Sechs-Stunden-Match nach dem anderen spielt ohne Anzeichen von Erschöpfung, sollte man darauf schauen."

Meldonium

Das Herzkreislaufmedikament Meldonium sorgt seit einigen Wochen immer wieder für Schlagzeilen. Seit dem 1. Januar steht es auf der Verbotsliste der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada. Der erste Athlet, bei dem es seitdem nachgewiesen wurde, war der russische Radprofi Eduard Worganow. Er wurde am 5. Februar überführt - dank einer Trainingskontrolle, die im Januar genommen worden war. Am 7. März gestand Maria Scharapowa, die einstige Nummer eins der Tennis-Weltrangliste, die Einnahme von Meldonium. Sie ist der prominenteste Meldonium-Fall; insgesamt wurden bisher fast 180 Athleten mit dem Mittel auffällig. Bis zur vergangenen Woche drohten ihnen allen Sperren. Dann erfolgte eine Wende. Die Wada kündigte an, bei Proben, die vor dem 1. März 2016 genommen wurden, eine Blut-Konzentration von einem Mikrogramm Meldonium pro Milliliter akzeptieren zu wollen Der Grund: Es sei unklar, wie schnell der Körper das Mittel abbaue. SZ

Murray hatte seine Zweifel im Hinblick auf den Fall Maria Scharapowa geäußert. Er begrüßt, dass die Russin wegen ihres Meldonium-Befundes suspendiert wurde. Der Schotte sieht darin das "positive Zeichen", dass der Sport seine Stars nicht schone. In Hinblick auf die Bekanntgabe der Sperre legt Murray dar, was Szenekenner seit Jahren berichten: Dass Dopingverdächtigungen und -sanktionen mutmaßlich unter den Tisch gekehrt werden. Er hofft, es werde "keine stillen Sperren mehr geben oder so getan, als sei jemand verletzt. Wie der Kroate Marin Cilic, der angeblich verletzt von Wimbledon zurückzog." Es wurde viel gemunkelt, dann flog sein Positivtest auf. Murray: "Das sieht miserabel aus."

Rund 180 Fälle mit dem seit Jahresanfang verbotenen Wirkstoff Meldonium gab es jüngst, speziell in russischen Gefilden, darunter Scharapowa. Nun könnte sich an ihrer Causa weisen, wie ernst der Sport die Betrugsbekämpfung nimmt. In der vergangenen Woche entrüstete sich sogar Russlands Präsident Wladimir Putin, nachdem die Welt-Anti-Doping-Agentur Wada neue Erkenntnisse zur Abbaudauer von Meldonium kundgetan hatte: Weil der Wirkstoff über Wochen im Körper gespeichert werde, könne das Strafmaß gelockert werden - für Sportler, die vor dem 1. März 2016 mit weniger als einem Mikrogramm erwischt wurden.