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Melat Kejeta:Geschmeidig in ein neues Leben

Halbmarathon-Weltmeisterschaft in Gdingen

Weiß genau, was sie will – und was sie kann: Melat Yisak Kejeta freut sich über ihre Silbermedaille bei der Halbmarathon-WM.

(Foto: Adam Warzawa/dpa)

Die Halbmarathon-Medaillengewinnerin steht auch für eine Flüchtlingspolitik, die nicht nur die Räume begrenzt.

Von Johannes Knuth

Als Melat Kejeta vor ein paar Tagen nach Kassel zurückkehrte, war auf einmal alles anders. Natürlich nicht in ihrer hessischen Heimat, die lag so unaufgeregt wie immer im Talkessel. Aber an Kejetas Namen baumelten jetzt diese mächtigen Prädikate: Silbermedaillen-Gewinnerin, bei einer Halbmarathon-WM. Deutsche Rekordhalterin. Das alles in einer schwindelerregenden Zeit. Als hätte die 28-Jährige plötzlich ein für unerreichbar gehaltenes Level in einem Videospiel erreicht. Ihr Manager Christoph Kopp hatte den frischen Ruhm gleich genutzt, um Kejeta für den Marathon in Valencia im Dezember einzuschreiben, dessen Startlisten eigentlich schon geschlossen waren. Auch ein weiteres Trainingslager will Kejeta im Vorfeld noch bestreiten. "Ihr steht jetzt schon eine neue Welt offen", sagte Kopp am Mittwoch am Telefon.

Nicht nur für Kejeta, auch für den Deutschen Leichtathletik-Verband war diese Weltmeisterschaft im polnischen Gdynia zuletzt ein Trip mit Knalleffekt: Die 28-Jährige wurde über die 21,1 Kilometer Zweite, knapp hinter der Kenianerin Peres Jepchirchi. Es war die allererste deutsche Medaille seit der Grundsteinlegung dieser Meisterschaft vor immerhin 28 Jahren. Kejeta hatte dabei auch ein wenig Glück gehabt, viele Favoritinnen waren im Rennen gestürzt. Aber die 28-Jährige hatte schon auch ihren Teil beigetragen. Und wie.

In 65:18 Minuten hatte sie Uta Pippigs 25 Jahre alten nationalen Rekord um fast drei Minuten verbessert, ihre eigene Bestmarke um dreieinhalb Minuten. Den deutschen Rekord über 10 Kilometer löschte sie ebenfalls aus, in 30:47 Minuten, quasi im Vorbeilaufen. Vor einem Jahr hatte sie den Marathon in Berlin bereits in 2:23:57 Stunden absolviert; schneller waren zuvor nur zwei Deutsche gewesen: Irina Mikitenko (2:19:19) und Pippig (2:21:45). Wobei Kejeta damals mäßig überrascht war. Sie könne sogar 2:22 Stunden schaffen, hatte sie im Vorfeld erzählt. Viele Zuhörer dachten, sie hätten sich verhört.

Vor sieben Jahren flüchtete sie über Italien nach Deutschland

So wurde also auch ein neues Kapitel in der Geschichte der Eingebürgerten aufgeschlagen, die seit Jahren auch die europäische Laufszene prägen. Sifan Hassan (von Äthiopien in die Niederlande) und Mo Farah (von Somalia nach Großbritannien) sind wohl die bekanntesten Gesichter dieses Trends, auch wenn das Thema nicht immer ein Einfaches ist. Vor allem der türkische Verband interpretierte den Globus viele Jahre als Transfermarkt, auf dem er sich eine Nationalmannschaft zusammenbasteln konnte. Der Weltverband klassifizierte das vor zwei Jahren sogar als "Athletenhandel". Heute muss jeder, der die Nationalität wechseln will, unter anderem eine dreijährige Sperrfrist in Kauf nehmen. Der DLV kümmert sich ohnehin erst um diese Athleten, sobald sie deutsche Staatsbürger sind. So wie Kejeta, die vor einem Jahr den deutschen Pass erhielt und für die jetzt tatsächlich noch mal ein neues Sportlerleben anbricht. Es schon ihr zweites oder drittes, je nach Sichtweise.

Als Kind wuchs Kejeta in Äthiopien auf, sie sah die Erfolge ihrer Vorbilder, die Dibaba-Schwestern etwa, und begann selbst mit dem Sport. Sie habe wunderbare Marathonbeine, sagten sie ihr in der Heimat, wo sie durchaus etwas vom Marathon verstehen. Man sieht das noch heute an ihrem Laufstil: den langen, geschmeidigen Schritten, als könnten ihr die Härten des Geschäfts nichts anhaben. "Ich bin beim Laufen ganz frei", hat Kejeta einmal gesagt, aber in ihrem echten Leben war das nicht immer so. Ihre Familie gehört zu den Oromo, der größten Volksgruppe in Äthiopien, die dort seit Langem blutig unterdrückt wird. Irgendwann sollte sie gegen ihren Vater aussagen, heißt es aus ihrem Umfeld, aber sie weigerte sich. Bei einem Wettkampf in Italien vor sieben Jahren setzte sie sich ab, über Dortmund ging es nach Gießen, Frankfurt und Kassel. Erst 2016 gewann sie ihre ersten nationalen Straßenrennen, wobei ihr die Meisterehren noch verwehrt blieben: kein deutscher Pass, kein Meistertitel, so wollen es die Regeln seit einigen Jahren.

Kejeta und ihr Umfeld gehen relativ offen mit ihrer Odyssee um, vor einem Jahr reiste sie sogar für zwei Wochen in die alte Heimat. Der neue Ministerpräsident Abiy Ahmed Ali schob damals Reformen an, im vergangenen Sommer kippte die Lage aber wieder ins Schlechte. Es kann also gute Gründe geben für geflüchtete Sportler, nicht über ihre Flucht zu sprechen. Ob es immer hilft? Über Homiyu Tesfaye, der 2010 von Äthiopien nach Deutschland kam, kursierten lange Gerüchte um eine gefälschte Biografie. Der DLV ließ die Vorwürfe sogar von der Staatsanwaltschaft untersuchen, vermutete aber eine Neiddebatte. Clemens Prokop, der damalige DLV-Präsident, sagte: "Das deutsche Asylrecht ist sehr restriktiv. Es muss bei Rückkehr eine Gefahr für Leib und Leben bestehen."

In Kassel sehen sie es eher so: dass Kejeta - wie viele einstigen Asylbewerber in Nationaltrikots - für eine Flüchtlingspolitik steht, die die Räume nicht verschließt. Ihr Trainer Winfried Aufenanger hat in den Vereinen der hessischen Stadt immer wieder Flüchtlinge durch das Laufen integriert; seine Mitstreiter helfen auch bei Behördengängen oder wenn es darum geht, Arbeit oder Wohnungen zu finden. Sie sehen dahinter einen doppelten Bonus: Die Athleten gewinnen eine neue Heimat, die heimische Läufer können an der Konkurrenz wachsen - dank Kejeta gewann das deutsche Frauen-Team in Gdynia die Bronzemedaille in der Teamwertung, völlig überraschend.

Mittlerweile geht Kejeta als ganz normale Berufsläuferin durch. Ihr neuer Verein, den ihr Trainer vor einem Jahr gründete, unterstützt mithilfer lokaler Sponsoren viele Läufer an der Schwelle zum nationalen oder internationalen Geschäft, die oft durch das Raster der Verbandsförderung fallen. Sie trainiert wochenlang in der Höhe von St. Moritz oder auch in Kenia; vor einem Jahr lernte sie dort Patrick Sang kennen, den Meisterschmied hinter Weltrekordhalter Eliud Kipchoge. Sang schätzte damals, dass Kejeta den Marathon in 2:19 Stunden schaffen könnte. Damit wäre sie bei den großen Events nicht die größte Favoritin, aber eine, die von überraschenden Verläufen profitieren kann; mit ihrer ruhigen, aber bestimmten Art, genau zu wissen, was sie will und was sie kann. Wie jetzt in Polen. Kejeta habe sehr klare Vorstellungen, bestätigt ihr Manager, auch, was Startgagen und die Trainingsgestaltung betrifft: "Sie kann schon auch gut auf den Putz hauen." Aber aus Reibung entsteht ja oft auch Energie.

Nicht nur die neuen Erwartungen werden sie künftig begleiten, in Tokio etwa, wo sie ziemlich sicher einen der drei deutschen Olympia-Startplätze einnehmen wird. Sondern auch die Debatten um ihre gewaltigen Steigerungen zuletzt, und nicht nur um ihre. Neun Weltrekorde fielen zuletzt im Laufsport, viele Beobachter machen dafür auch die neuartigen Schuhmodelle verantwortlich, die auch Kejeta nutzt. Wobei das wohl weniger den Athleten anzulasten ist als dem Weltverband, der auf das Wettrüsten der Ausrüster lange schleppend reagierte. Man kann das natürlich auch als weiteres Zeichen sehen: dass Melat Kejeta jetzt wirklich in einer neuen Welt angekommen ist.

© SZ vom 22.10.2020
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