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Skisport in Österreich:Die Missbrauchsvorwürfe gegen Ski-Trainer sind wichtig für #metoo

Brigitte Totschnig Österreich

Über den Sport dringt die Metoo-Debatte nun endgültig dorthin vor, wo sie so gut wie jeden berührt.

(Foto: imago/Sportfoto Rudel)

Nun dürfte der Allerletzte begriffen haben, dass Missbrauch überall passieren kann, wo ein Machtgefälle und eine Unkultur des Schweigens herrschen. Für einen gesellschaftlichen Wandel zählt die Stimme jedes Opfers.

Mehrere Sportlerinnen haben explizite und eindeutige Vorwürfe erhoben: Detailliert beschreiben sie, wie Karl "Charly" Kahr in seiner Zeit als Trainer der österreichischen Skifahrerinnen offenbar sexuelle Übergriffe beging. Die Reaktion auf die Anwürfe fällt dagegen pauschal aus, ablenkend und kommt von einem bezahlten Helfer. "Das ist eine glatte Verleumdung", erklärt Kahrs Anwalt, der die Meinung vertritt: "Es ist kein Zufall, dass so etwas kurz vor Beginn der Olympischen Spiele veröffentlicht wird. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass auf diesem Wege versucht wird, auf die österreichische Mannschaft Einfluss zu nehmen." Kahr, dem sogar die Vergewaltigung einer Minderjährigen vorgeworfen wird, stilisiert sich selbst zum Opfer: "Mir bleibt nichts erspart. So etwas brauchst im Leben, und das mit 86 Jahren", sagt er.

Ein greiser Skitrainer aus Österreich, der sich der Vergangenheit offenbar nicht stellen mag: Global betrachtet, mag der Fall klein erscheinen. Aber der Eindruck täuscht. Die Geschichte ist ein weiterer, wichtiger Beitrag in der "Me Too"-Debatte, die immer wieder Fahrt aufnimmt, immer noch weiter Fahrt aufnehmen muss, wie gerade dieses Beispiel zeigt.

Weinstein, Hollywood - das war weit weg, das spielte in einer Welt, die für die meisten ein Paralleluniversum ist: unerreichbar, mythenumrankt. Nicht viele kommen in ihrem Leben einer Besetzungscouch wirklich nahe. Mit den Vorwürfen gegen Dieter Wedel rückte das Thema deutlich näher. "Der große Bellheim", "Wilder Westen inclusive", "Der König von St. Pauli" - das war ARD, ZDF, Sat 1. Deutsches Fernsehen, flächendeckend.

Die Frage, wieso die mutmaßlichen Opfer erst jetzt reden, verbietet sich

Über den Sport dringt die Debatte nun endgültig dorthin vor, wo sie so gut wie jeden berührt. Nun dürfte auch wirklich der Allerletzte begriffen haben, dass sich systematische sexuelle Übergriffe nicht nur in irgendwelchen exotischen Milieus ereignen, sondern dass es überall dazu kommen kann, wo ein Machtgefälle existiert, wo nicht genau hingeschaut wird, wo eine Unkultur des Schweigens herrscht. Derlei Orte gibt es immer noch viele. Und weil das so ist, ist es so bedeutsam, wie auf die Vorwürfe reagiert wird.

Die Frage, wieso die mutmaßlichen Opfer erst jetzt reden, verbietet sich. Weil sie an der Glaubwürdigkeit kratzt und weil sie unterstellt, dass das Erlebte so schlimm dann wohl doch nicht gewesen sein könne. Dass manche Schilderungen nicht mit Klarnamen vorgetragen werden, taugt ebenfalls nicht zum Vorwurf: Die Erinnerung überhaupt zuzulassen, schon das ist ein großer Schritt. Jede, wirklich jede Stimme zählt. Denn es geht nur bedingt um eine Aufarbeitung im juristischen Sinne. Es geht um mehr: um einen Wandel im gesellschaftlichen Sinne.

Gerade der Sport kann dabei eine bedeutende Rolle spielen, weil er so tief im Alltag verwurzelt ist. Sich im gegenseitigen Wettstreit zu messen - das bedeutet meist Körperlichkeit, oft Nähe. Wer es ernst meint, begibt sich in Trainingslager, wo er mit Gleichgesinnten in einer besonderen Atmosphäre zusammen ist und lässt sich meist von älteren und erfahreneren Könnern anleiten. Wem etwas glückt, der erlebt schnell ein Glücksgefühl, wem viel glückt, vielleicht sogar ein Allmachtsgefühl. Das auf die Kosten eines anderen oder einer anderen auszuleben aber verbietet sich. Immer und überall.

© SZ vom 10.02.2018
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