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Mehrkampf-DM:Reminiszenz an Hingsen

Mathias Brugger, der prominenteste Zehnkämpfer bei den Deutschen Mehrkampf-Meisterschaften in Vaterstetten bei München, leistet sich über die 100 Meter einen Fehlstart und wird disqualifiziert. Deutlich besser ergeht es dagegen der bekanntesten Siebenkämpferin Carolin Schäfer.

Von Johannes Knuth, Vaterstetten

Wenn man den sogenannten Geisterwettkämpfen des Spitzensports in den vergangenen Monaten etwas Positives abgewinnen wollte, dann war es wohl der Umstand, dass das ausgesperrte Publikum neben den TV-Bildern oft auch eine Art Hörspiel spendiert bekam: Vor allem die Fußballer gewährten ohne das lärmende Stadionvolk ungewohnt offene Einblicke, auch die Emotionen der Leichtathleten erlebte man noch ein wenig ungefilterter als sonst. Am Samstag, bei den nationalen Mehrkampf-Titelkämpfen in Vaterstetten, kam es allerdings zu einem Hörerlebnis der noch ungewohnteren Art: Die Anwesenden, die auf der Anlage im Münchner Vorort Einlass gefunden hatten, pfiffen.

Anlass war das Verdikt des Kampfgerichts, den Zehnkämpfer Mathias Brugger zu disqualifizieren, bevor dieser seinen Wettkampf richtig aufgenommen hatte. Die Technik war allerdings unerbittlich: Löst ein Athlet sich früher als 100 Millisekunden nach dem Startschuss aus dem Block, wird ihm Unredlichkeit unterstellt, ein Frühstart. Brugger? Hatte sich eine lumpige Hundertstelsekunde zu früh bewegt.

"Das kann doch nicht sein", klagte Frank Müller, der Zehnkampf-Bundestrainer im Deutschen Leichtathletik-Verband, ebenfalls gut hörbar auf der Tribüne dem Kampfgericht, "da müsst ihr doch was machen!" Frei übersetzt: Konnte man bei Brugger, dem einzigen Starter von internationalem Format bei den Männern, Bestleistung 8304 Punkte, vielleicht nicht ein ganz klein wenig Fingerspitzengefühl walten lassen? "Was soll ich denn machen?", antwortete der Kampfrichter ratlos, "soll ich an seiner Reaktionszeit drehen?" Brugger machte unter Vorbehalt noch bis zum Kugelstoßen weiter, dann wurde sein Einspruch gegen die Disqualifikation abgewiesen.

Auch die WM-Zweite Carolin Schäfer ist in Vaterstetten dabei

Deutsche Meisterschaften der Mehrkämpfer sind in der Regel eine familiäre Sache; die Spitzenkräfte sind meist zeitgleich bei internationalen Großevents im Einsatz. Nachdem in diesem Jahr erst die Sommerspiele verschoben und dann auch noch die Europameisterschaften abgesagt worden waren, war der nationale Wettstreit auf einmal auch für viele Spitzenkräfte in den Rang eines reizvollen Saisonzieles aufgestiegen. Niklas Kaul, der Weltmeister des vergangenen Jahres, hatte sich nach einem Eingriff am Ellenbogen zwar abgemeldet, dafür hatte sich in Carolin Schäfer, der WM-Zweiten von 2017 und EM-Dritten von 2018, sowie Brugger immerhin etwas nationale Prominenz angekündigt. Wobei beim Athleten des SSV Ulm dann doch alles etwas anders lief, und das passte auch ein wenig zu dieser Veranstaltung und zur bisherigen Saison überhaupt.

Vaterstetten kann auf eine gewisse Tradition zurückblicken, was Mehrkampfmeisterschaften angeht, bei der Premiere 1993 war sogar der Olympiasieger Christian Schenk zu Gast, die diesjährige Ausrichtung war die erste nach einer sechsjährigen Pause. Der lokale TSV Vaterstetten hatte sich im vergangen Frühjahr allerdings noch einen neuen Vorstand sowie einen neuen Leichtathletik-Abteilungsleiter spendiert - eine Großveranstaltung in einer aufziehenden Pandemie sei da leider nicht mehr so eben organisierbar, erklärten sie, als sie die Veranstaltung zuletzt an den Bayerischen Leichtathletik-Verband (BLV) zurückgaben. Die deutschen Titelkämpfe wackelten, mal wieder.

Jenseits der Bahn galten Abstands- und Maskenpflicht

Während in Bayern und auch landesweit immer mehr Meisterschaften im Absagestrudel versanken, wollte der BLV zumindest die Mehrkämpfer nicht enttäuschen. Man tat sich mit dem DLV und der Gemeinde zusammen, der TSV Vaterstetten stellte Kampfrichter und Helfer zusammen, im Verbund mit Vereinen aus dem Umfeld. Zuschauer waren am Wochenende nicht zugelassen, jenseits der Bahn galten Abstands- und Maskenpflicht, wobei sich Athleten und Betreuer auf der großen Anlage etwas besser verteilten als zuletzt bei den Einzelmeisterschaften in Braunschweig. Das größte Ziel sei es gewesen, Nachwuchs- wie Elitekräften in diesem Jahr noch mal eine Bühne zu bieten, sagte der Münchner BLV-Präsident Gerhard Neubauer, "das wäre sonst ein echter Schritt zurück gewesen." So machten viele ein paar kleine und große Schritte vorwärts: Serina Riedel verbesserte am Samstag sogar den 21 Jahre alten deutschen Jugendrekord im Siebenkampf, auf 5818 Punkte.

Auch Carolin Schäfer war nach ihrer Halbzeitführung mit 3756 Punkten fast "durchweg positiv" gestimmt, vor allem mit 13,40 Sekunden über die 100 Meter Hürden und 1,80 Meter im teils strömenden Regen. Für den Sonntag hatten sich dann noch Kai Kazmirek, der WM-Dritte von 2017, und der Frankfurter Andreas Bechmann angekündigt, für einen Einlage-Dreikampf über die Hürden, im Diskuswurf und Stabhochsprung. Mathias Brugger wird dann nicht mehr dabei sein, für den 28-Jährigen war es eine weitere Episode in einer Reihe von Enttäuschungen: Er hatte bei der EM 2018 in Berlin den Weitsprung ohne gültigen Versuch beendet, 2019 verpasste er die WM-Qualifikation nach einem ähnlichen Malheur im Stabhochsprung. Und jetzt - eine Reminiszenz an Jürgen Hingsen, der sich 1988 in Seoul ebenfalls krachend über die 100 Meter aus dem Rennen nahm? Nun ja, Hingsen hatte damals sogar drei Fehlstarts fabriziert; Brugger hatte sich nun, äußerst knapp, in der mittlerweile strengeren Regel verheddert, die den zweiten und alle weiteren Frühstarter im Mehrkampf aus dem Rennen nimmt.

"Ich war der Meinung, dass ich perfekt rausgegangen war", sagte Brugger kleinlaut. Mit halber Konzentration habe er den Wettkampf jedenfalls nicht fortführen wollen: "Wir wollen jetzt auch nichts für die kommende Saison riskieren", sagte er mit Blick auf Olympia 2021. So hatte selbst dieser Auftritt etwas Gutes: dass es nach diesem merkwürdigen Jahr nur besser werden kann.

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