Medienforscher Michael Meyen "Bruno Labbadia kann gut reden, sieht gut aus"

Wie beeinflussen die Medien noch die Spielweise?

Die Ballkontaktzeiten haben gewaltig abgenommen. Im WM-Finale 1966 knapp drei Sekunden Ballkontaktzeit, heute um eine Sekunde. Die Zahl der Pässe ist extrem nach oben gegangen.

Aber das hat ja auch taktische Gründe.

Das ist manchmal das Problem der Studie. Dinge passieren zeitlich parallel: Der Fußball passt sich den Medien an, der Fußball verändert sich aber auch selbst, weil Training und Ernährung professioneller geworden sind, weil nicht mehr ein einzelner Trainer zuständig ist, sondern ganze Trainerstäbe.

Medienforscher Michael Meyen.

(Foto: privat)

Wie hat sich der Beruf des Trainers verändert?

Früher waren die Trainer knorrige Typen, die kaum geredet haben. Der Trend heute geht in Richtung schöner, eloquenter Übungsleiter. Fast jeder Trainerwechsel passt in dieses Klischee. Entscheidend für die Auswahl eines Trainers ist heute die Fernsehtauglichkeit: Der Wechsel von José Mourinho ist dafür ein perfektes Beispiel. Chelsea hat Mourinho verpflichtet, um den Weggang von Spielern oder die Überlegenheit, die die Bundesliga in der vergangenen Saison demonstrierte, zu kompensieren. Es ist wie bei einem Hollywoodfilm, der nicht ohne einen Star auskommt.

Lautet Ihre These dann, dass es kaum noch um die Übungsleiterqualitäten eines Trainers geht?

Die Vereine haben ja genug Leute, die die Arbeit mit der Mannschaft machen, Hermann Gerland zum Beispiel. Den würde man heute nicht mehr zum Cheftrainer machen, der ist ja nicht so fernsehtauglich. Es überrascht nicht, dass Robin Dutt wieder Trainer in der Bundesliga werden konnte, obwohl es beim letzten Mal ja nicht so gut geklappt hatte. Bruno Labbadia kann gut reden, sieht gut aus - und durfte drei Mal Topklubs trainieren. Aber jetzt ist er vielleicht dann doch verbraucht. Nur komisch, dass die Spieler nicht alle blendend aussehen. Anscheinend gibt es noch nicht genug Top-Fußballer, so dass Vereine nur die Gutaussehenden auswählen könnten. Dafür bekommen heute alle Medientraining.

Warum hat aber dann Schalke nicht den schillernden Stefan Effenberg verpflichtet und stattdessen Jens Keller im Amt gelassen?

Ein Fehler - aber Effenberg kommt noch. Bei der Verpflichtung von Kevin-Prince Boateng hat man es ja auch deutlich gesehen: Der Transfer hatte natürlich auch spielerische Gründe, er lenkt jedoch von allen anderen Problemen ab, tagelang berichteten die Medien nur darüber. Brasilianer holen, war auch ein beliebter Trick. Da ging es nicht immer um die Spielstärke, aber es hat immer für Aufsehen gesorgt.

Manche Transfers werden also nur für die Medien gemacht?

Transfers bedienen die Medienlogik perfekt, es geht um Stars, es geht um Konflikte zwischen zwei Klubs. Wintertransfers haben früher kaum eine Rolle gespielt, in den letzten Jahren steigen sie drastisch an. Obwohl man natürlich nicht sagen kann, dass ein Transfer nur für die Medien gemacht wird. Es geht oft darum, verletzte Spieler zu ersetzen oder Schwachstellen auszugleichen. Es kann also schon passieren, dass der FC Augsburg tatsächlich seine Abwehrreihe stabilisieren muss.