McLaren-Report:Russische Athleten haben in Rio nichts zu suchen

Sochi Olympics Closing Ceremony

2014 in Sotschi: Der russische Langläufer und Goldmedaillengewinner Alexander Legkow (Mitte) feiert mit Maxim Wylegschanin (Silber, links) und Ilja Tschernoussow (Bronze, rechts).

(Foto: picture alliance / AP Photo)

Der McLaren-Report über Doping in Russland ist eindeutig. IOC-Präsident Bach muss jetzt mit der nötigen Härte reagieren.

Kommentar von René Hofmann

Die Verteidigungslinie ist klar. Die Fürsprecher des russischen Sports werden behaupten: Das Land sei herausgegriffen worden. Die Stimmen, die es zu seiner Verteidigung womöglich hätte aufbieten können, seien nicht ausreichend gehört worden. Es seien keine Zeugen gefunden worden, die tatsächlich dabei waren, als bei den Winterspielen vor zwei Jahren in Sotschi nachts der kontaminierte Urin gedopter russischer Athleten gegen sauberen getauscht wurde.

Die angeblichen Betrüger seien namentlich nicht bekannt, die Prozesse gegen sie nicht geführt und eindeutige Urteile deshalb auch nicht gesprochen. Wer will, mag das so sehen. All das aber ficht den Bericht nicht an, den der Ermittler Richard McLaren an diesem Montag vorstellte.

Der Report des kanadischen Juristen ist so eindeutig, wie es ein Bericht sein kann, der sich mit einem Programm befasst, bei dem der Geheimdienst einer Weltmacht offenbar eine Schlüsselrolle gespielt hat. Der Bericht arbeitet den harten Kern der Vorwürfe heraus, die gegen Russland erhoben werden: Ja, in dem Land gab es ein staatlich initiiertes und staatlich kontrolliertes System, das Sportlern dabei half, andere Sportler zu betrügen. Wer sich diesem System entzog, musste mit Sanktionen rechnen. Der Erfolg rechtfertigt fast alle nur denkbaren Mittel.

Schon aus Gründen der Abschreckung sollte das Land ausgeschlossen werden

In der Sprache des Sports ist das eines der denkbar gröbsten Fouls. Entsprechend hart muss nun auch die Sanktion ausfallen. Russische Athleten - egal aus welcher Sportart - haben bei den Sommerspielen, die in wenigen Tagen in Rio beginnen, nichts zu suchen. Bis auf die Kronzeugen, die halfen, das falsche Spiel zu enttarnen, sollten sie ausgeschlossen werden. Schon aus Gründen der Abschreckung sollte das Land vorübergehend aus der Olympischen Familie verstoßen werden.

Es stimmt, dass der Bann womöglich auch Unschuldige treffen würde. Aber hat das russische Betrugssystem nicht auch vielen unschuldigen Athleten anderer Nationen ihr olympisches Erlebnis unwiederbringlich ruiniert? Das Argument, eine kollektive Bestrafung verbiete sich, ist angesichts des aufgedeckten Ausmaßes des organisierten Betruges schwach. Mindestens von 2010 bis 2015, so steht es im Report, gab es in Russland staatlich kontrollierte Manipulationen. Der stellvertretende Sportminister spielte dabei eine zentrale Rolle. Der Geheimdienst mischte mit. Die Anti-Doping-Labore waren involviert. Das Zentrum für den russischen Sport ebenso.

Dass der Sportminister von all dem nichts mitbekam, erscheint, so die Ermittler, äußerst unwahrscheinlich. Das Netz war so klug gespannt und so engmaschig geknüpft - da ist es kaum noch relevant, welche Rolle das Nationale Olympische Komitee spielte, jene Instanz, die Thomas Bach zuletzt bemühte, um die Russen in seinen Spielen zu halten. Der deutsche Präsident des Internationalen Olympischen Komitees muss nun zum ersten Mal in seiner seit September 2013 währenden Amtszeit wirklich Farbe bekennen. Daran, ob russische Sportler unter der Flagge ihres Landes in Rio einlaufen, wird sich viel weisen.

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