Stichwort Straßenfußballer: Max Lorenz ist einer gewesen, nach dem Krieg, als es an allem mangelte. Auch an Bällen. Aber irgendwo waren dann doch welche zu finden. „Wir wussten genau, in welcher Straße wer einen Fußball hatte“, hat Lorenz mal gesagt. Und dann spielten sie, im Sommer barfuß, auf den Wiesen von Hemelingen, einem Stadtteil Bremens, der bekannt war für das anständige Bier, das dort gebraut wurde – und für seine ordentlichen Nachwuchsfußballer.
Bei der SV Hemelingen veredelte Lorenz das, was er auf der Straße gelernt hatte, und wurde so gut, dass Werder Bremen ihn 1960 verpflichtete. Die Hemelinger Brauerei warb später mit dem Slogan: „Bremens zweitbestes Bier.“ Der Hemelinger Jung Lorenz dagegen, Sohn eines Fischhändlers, war auf dem Weg, einer der besten Fußballer Bremens zu werden. Und einer der originellsten.

Zum Tod von Wolfgang Gärner:„Schreib’n kannst immer was“
Wolfgang „Wolfi“ Gärner prägte den Sportteil der SZ weit über seine Skiberichterstattung hinaus. Die Redaktion nimmt Abschied von einem Kollegen, der verstanden hat, worauf es ankommt.
Bei Lorenz kam das zusammen, was Fans lieben: Bodenständigkeit und Witz. Verlässlichkeit, gepaart mit Leichtigkeit. Schon 1965, nach dem Gewinn der Bundesliga-Meisterschaft, ließ sich Lorenz – Folge einer Wette – gemeinsam mit dem Teamkameraden Klaus Matischak eine Glatze scheren. Dass ein Sponsor für diese Nummer etwas Geld rausrückte, war keine Schande, Lorenz hat später bei Radio Bremen darüber gesprochen, in seiner schwer geerdeten Art: „Ich bin ehrlich genug, das an dieser Stelle zu sagen: Wir haben für die Glatze 2000 bekommen.“
Auch bei der Nationalmannschaft war Max Lorenz wichtig für die Balance im Team, als gute Seele und Stimmungsmacher
Fußballer, die in den Sechzigern populär wurden, genossen das Privileg, in harten Zeiten flankend, grätschend, spielend zu Ruhm und Reichtum zu kommen. Beckenbauer, Seeler, Tilkowski, Assauer, Max Lorenz waren gesellschaftliche Aufsteiger, die nicht überheblich wurden. Sie zogen sich feine Klamotten an, blieben aber immer mit ihren Bewunderern auf Tuchfühlung – auch durch die herrlichen Anekdoten, die sie gern und noch lange nach Karriereende erzählten.
Max Lorenz, 1939 wenige Tage vor Kriegsausbruch geboren, war auf dem Platz ein vielseitiger Mann für rechts und links, Mittelfeld, Verteidigung. Mit Werder Pokalsieger 1961, Meister 1965. Mit der Nationalmannschaft bei zwei Weltmeisterschaften dabei, 1966 und 1970, als Reservemann. Insgesamt bestritt er nur ein einziges WM-Spiel, konnte sich trotzdem WM-Zweiter und WM-Dritter nennen. Er war immer wichtig für die Balance im Team: ein Kabinenspieler, würde man heute sagen. Gute Seele, Stimmungsmacher. Verlässlichkeit, gepaart mit Leichtigkeit: Auch in Mannschaften ist diese Kombination überlebenswichtig.
Seine letzten Karrierejahre bis 1972 in der Liga verbrachte er bei Eintracht Braunschweig, wo er in den Bundesliga-Skandal verstrickt wurde. Verschatten konnte diese Episode seine Lebensleistung nicht. Lorenz ließ sich eh nicht umhauen von Schicksalshieben und gesundheitlichen Krisen. Er blieb zuversichtlich, wurde nicht bitter, blickte dankbar auf ein aufregendes Leben. Und erinnerte sich in seinem letzten Interview mit dem Weser-Kurier sogar an das Werder-Maskottchen aus den Sechzigern, den Heidschnuckenbock Pico: „Ich habe ihn oft gestreichelt.“
Am Freitag ist der Herzensbremer Max Lorenz gestorben, in Bremen natürlich. Er wurde 86 Jahre alt.

