Max Kruse beim VfL Wolfsburg:Konfliktlösung mit Knall

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Max Kruse beim VfL Wolfsburg: Wolfsburger Wir-Gefühl: Torschütze Maxence Lacroix sucht die Nähe von Trainer Niko Kovac (2.v.l.).

Wolfsburger Wir-Gefühl: Torschütze Maxence Lacroix sucht die Nähe von Trainer Niko Kovac (2.v.l.).

(Foto: Lars Baron/Getty Images)

Wolfsburgs erster Saisonsieg gerät zu einem bemerkenswert programmatischen Auftritt von Trainer Niko Kovac: Lebemann Max Kruse wird öffentlich ausgebootet - und der 1:0-Erfolg entspringt einer disziplinierten Mannschaftsleistung.

Von Frank Hellmann, Frankfurt

Niko Kovac zwinkerte nicht einmal mehr mit dem Auge, wie er das sonst gerne tut. Der schwarz getünchte Presseraum der Frankfurter Arena - dem Trainer des VfL Wolfsburg noch bestens bekannt - passte vortrefflich, um Max Kruse eiskalt abzuservieren: "Er wird für uns kein Spiel mehr machen", stellte Kovac klar.

Kovac, 50, hatte gerade bei Eintracht Frankfurt (1:0) den ersten Bundesligasieg für Wolfsburg eingefahren - mit einem kämpferisch starken Kollektiv, bei dem sich jeder für den anderen aufopferte, mehr als zuvor bei den fünf Spielen ohne Sieg. Der Angreifer Kruse, 34, stand nicht mal mehr im Kader. Und das soll auch so bleiben.

"Wir haben gemeinsam die Entscheidung getroffen, dass uns der Max in unserer jetzigen Situation nicht hilft", erklärte Kovac, von Kruse kämen "keine Impulse, kein konstruktives Miteinander". Der Fußballlehrer redete wie ein Obsthändler, der die faule Tomate herauspickt, damit nicht alle Früchte befallen werden. Er trage schließlich die Verantwortung, fuhr Kovac fort: "Wir verlangen von jedem Spieler eine hundertprozentige Identifikation und Konzentration mit Fokus auf den VfL. Das Gefühl hatten wir nicht mit Max."

Max Kruse beim VfL Wolfsburg: In der Vorsaison noch am Klassenerhalt beteiligt, jetzt nicht mehr gewollt: Max Kruse soll für den VfL keine Spiele mehr bestreiten.

In der Vorsaison noch am Klassenerhalt beteiligt, jetzt nicht mehr gewollt: Max Kruse soll für den VfL keine Spiele mehr bestreiten.

(Foto: Michael Taeger/Imago)

Klar herauszuhören war: Kovac hatte für den mit einem fürstlich dotierten Vertrag bis 2023 ausgestatteten Kruse am Mittellandkanal einige Brücken gebaut - über keine ist der Freigeist offenbar gegangen. Über seine Social-Media-Kanäle verbreitete Kruse am Samstag ein Selfie, das ihn in einem Fahrstuhl zeigte, er war am Abend offenkundig in Berlin unterwegs. Vorerst ohne Kommentar zur Ausbootung.

Sportchef Marcel Schäfer steht natürlich hinter dem nach dem Fehlstart getroffenen Entschluss, der nicht als "Entscheidung gegen einen, sondern einen für die Mannschaft" verstanden werden solle. Auch für Schäfer wiegt der Makel zu schwer, dass da einer "nicht den Fokus zu hundert Prozent auf den Verein und die Mannschaft" gelegt hat. Man habe deswegen ein offenes Gespräch mit Kruse geführt: "Er hat es zur Kenntnis genommen. Erfreut wird ihn das nicht haben."

Fehlende Weitsicht bei Kruses Verpflichtung? Das weist der Sportchef zurück

Laut Schäfer möchte der Werksklub seine Leitmotive - Arbeit, Fußball, Leidenschaft - leben. Aber für Arbeit und Leidenschaft steht Kruse, der auf all seinen Stationen von seinem Talent zehrte, nur bedingt. Dass der mittlerweile in den offiziellen Statistiken bei 86 Kilo Leibgewicht geführte einstige Nationalspieler keiner ist, der täglich alles für die Fitness tut, hätten die Verantwortlichen vor dessen Verpflichtung wissen müssen. Den Vorwurf fehlender Weitsicht wies Schäfer - in sportlicher Figur im weißen T-Shirt an der Wand lehnend - jedoch umgehend zurück: "Max hat uns in der Rückrunde geholfen."

Unter dem vormaligen Wolfsburger Trainer Florian Kohfeldt steuerte der Winter-Zugang von Union Berlin im Frühjahr noch neun Torbeteiligungen zum Klassenerhalt des VfL bei. Als Kohfeldt nach der Saison durch Kovac ersetzt wurde, der ein großer Fan von Disziplin ist, änderten sich die Arbeitsbedingungen für den Lebemann grundlegend. Doch der seit Wochen schwelende Konflikt wurde nun erst nach Schließung des Transferfensters gelöst - mit einem lauten Knall.

Arbeitsrechtlich handelt es sich um keinen Rauswurf, Kruse soll auch weiter in Wolfsburg trainieren. Aber zu seinen 307 Bundesligaspielen und 97 Toren kommen im VfL-Dress wohl keine hinzu. Man wolle, sagte Sport-Geschäftsführer Jörg Schmadtke dem Kicker, den Vertrag perspektivisch auflösen oder Kruse spätestens im Winter transferieren. Ob eine tägliche Anwesenheit im Übungsbetrieb bis dahin hilft? Die Reaktion der Mannschaft gegen Frankfurt stand zumindest nicht im Widerspruch zu Kovac' Maßnahme: Die Eintracht bot vor dem Auswärtsspiel in der Champions League bei Olympique Marseille (Dienstag, 21 Uhr) eine desolate Darbietung, Wolfsburg genügte eine disziplinierte Defensivleistung, um sich dank des Kopfballtores von Maxence Lacroix (60.) ein bisschen Luft zu verschaffen.

Dass der Verteidiger nach seinem Treffer mit ausgebreiteten Armen direkt auf den Trainer zurannte, kam Kovac natürlich zupass. Der junge Franzose Lacroix sei einer, die "täglich an sich arbeite", betonte der Coach. Kruse hingegen steckte zuletzt viel Energie in die Produktion seichter Kurzvideos mit Ehefrau Dilara, in denen es zumeist um nicht-sportliche Themen ging.

Die Wortführer der Wölfe gingen dann auch hörbar klar auf Distanz zum degradierten Kollegen: "Das ist eine Entscheidung von Trainer und Verein, die wir akzeptieren. Wir haben als Mannschaft den Sieg geholt", betonte Torwart Koen Casteels. Kapitän Maximilian Arnold meinte gar: "Wir haben andere Probleme als Max Kruse."

Eines betrifft die Führungsebene des VfL: Bei Trainerauswahl und Kaderzusammenstellung hat der zur Causa Kruse schweigende und demnächst ausscheidende Geschäftsführer Schmadtke zuletzt kein goldenes Händchen bewiesen. Vermutlich kann es sich nur eine opulent ausstaffierte VW-Tochter leisten, für einen solchen Promikicker ein Millionenpaket zu schnüren, um ihn letztlich für wenige Monate einzusetzen.

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