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Matthias Sammer im Gespräch:"Nur Mentalität reicht natürlich nicht"

SZ: Über das DFB-Gen müssen Sie sich eher keine Sorgen machen. Die deutschen Nationalspieler sagen alle: Wir wollen einen Titel gewinnen.

Sammer: Ich bin vor zwei, drei Jahren für solche Sätze noch heftig kritisiert worden, und jetzt sagen die Neuers, Özils, Khediras, Müllers und so weiter das mit völliger Selbstverständlichkeit. Da geht mir schon das Herz auf.

SZ: Zumal das "Ihre" Spieler sind, die 2009 unter Trainer Horst Hrubesch die U21-EM gewonnen haben. Sind Sie der Mentalitäts-Lieferant der A-Nationalelf?

Sammer: Es liegt mir fern, über eigene Verdienste zu sprechen. Mentalitätsentwicklung ist eben ein Prozess. Ich sehe das auch in meiner Biographie. Was, glauben Sie, war wohl mein wichtigster Titel?

SZ: Der EM-Titel 1996?

Sammer: Falsch.

SZ: Die Meisterschaft mit Dortmund 2002, mit dem Jungtrainer Sammer?

Sammer: Mein wichtigster Titel war die U18-Europameisterschaft 1986, das 3:1 der DDR gegen Italien. Da habe ich zum ersten Mal gespürt, wie sich großes Gewinnen anfühlt. Das löst etwas aus in dir, da sagt man sich: Das willst du wieder haben! Siehe Spanien: Ob Xavi, Iniesta, Puyol oder Torres, sie alle haben im Nachwuchsbereich Titel geholt.

SZ: Mit anderen Worten: Joachim Löw kann sich den Luxus leisten, mit Sammer-Mentalität versehene Jungprofis in seine funktionierende A-Elf einzubauen.

Sammer: Nur Mentalität reicht natürlich nicht. Ich glaube, dass beide Seiten zum Wohle des DFB voneinander profitieren. Die Spielidee, die wir gemeinsam erarbeitet haben, die wird in der A-Elf natürlich von Jogi Löw geprägt. Für den Nachwuchsbereich ist es extrem wichtig, eine A-Nationalmannschaft zu haben, die man sich zum Vorbild nehmen kann. Gleichzeitig versuchen wir, die Spieler so auszubilden, dass sie Jogi Löw weiterhelfen - mit der Unterstützung aller Nachwuchstrainer in Deutschland.

SZ: Wer Joachim Löw gegen die Türkei coachen sah, hat sich gewundert: Er war emotional wie in einem WM-Finale. Man könnte sagen: Das war Siegermentalität.

Sammer: Günter Netzer hat in einer Kolumne geschrieben, er sei beim ersten Tor aufgestanden und habe geklatscht. Ich applaudiere bei was anderem: Ich applaudiere, wenn ich einen Trainer so agieren sehe wie Jogi Löw gegen die Türkei. Er hatte eine gute Mischung zwischen offensivem und defensivem Coaching.

SZ: Man hat Sie noch nie von Joachim Löw schwärmen hören . . .

Sammer: . . . das stimmt nicht, wenn ich was Positives gesagt habe, dann hat das die Öffentlichkeit meistens nur nicht interessiert.

SZ: Gibt es die Bruchstelle Sammer-Löw nicht mehr?

Sammer: So wie sie dargestellt wurde, gab's diese Bruchstelle nie. Wir hatten natürlich auch mal Auseinandersetzungen. Aber ich nenne das Streitkultur - es ging immer um Inhalte, und daraus ist jetzt ein sehr gutes Verhältnis erwachsen. Joachim Löw ist in seiner Rolle auch sehr wichtig für mich.

SZ: Inwiefern?

Sammer: Weil die Art und Weise, wie er seinen Beruf lebt, nach unten ausstrahlt. Ein Beispiel: Wir haben im Nachwuchsbereich gerade ein Plakat entwickelt, mit sechs Schwerpunkten. Da steht oben drüber: Ich spiele für Deutschland! Dann kommen drei kleine Unterpunkte, unter anderem "emotional". Und genau in dem Moment, in dem wir dieses Plakat erstellen, kommt der oberste Trainer des Landes und lebt diese positive Emotionalität vor. Besser geht's doch gar nicht!

SZ: Wo kommen diese Plakate hin?

Sammer: Die hängen von der U15 bis hinauf zur U21 unter anderem in der Kabine oder auch im Massage- und Besprechungsraum.

SZ: Da werden viele sagen: Jetzt übertreibt er's aber, der Sammer.

Sammer: Hoffentlich sagen die Leute das, bei der guten Entwicklung im Moment dürfen die das sagen (lacht). Und die Nationalhymne ist ein weiteres Thema.

SZ: Jetzt übertreibt er's aber erst recht.

Sammer: Lassen Sie mich erklären, was ich damit meine. Ich möchte, dass die Trainer der U-Mannschaften vorgeben, dass die Nationalhymne gesungen werden soll. Wir wissen aber auch, dass wir sensibel sein müssen, weil wir viele Spieler mit Migrationshintergrund haben - falls die aus welchen Gründen auch immer ein Problem damit haben, dann sollen sie uns das erklären, damit auch wir lernen, sie zu verstehen.

SZ: Sie wollen die Spieler zur Selbständigkeit erziehen.

Sammer: Zum Subjekt des Prozesses, richtig, darum geht es. Wenn ein Spieler kommt und sagt: Ich habe ein Problem mit meiner Familie, dann können wir darüber reden. Solche Prozesse wollen wir in Gang bringen.

SZ: Hat ein Spieler künftig noch die Chance, ohne Singen U-Nationalspieler zu werden?

Sammer: Wenn er eine verständliche Begründung dafür hat, dann natürlich. Es ist letztlich schon wichtiger, ein guter Spieler als ein guter Sänger zu sein.

SZ: Glauben Sie, dass man mit Singen die Spanier beeindrucken kann?

Sammer: Bitte nicht falsch verstehen: Bei vielem, was wir tun, geht es nicht um messbare Auswirkungen aufs Spiel. Beim Thema Persönlichkeitsentwicklung ist die Hymne ein Punkt unter ganz vielen anderen - es geht einfach darum, zu reflektieren und stolz zu sein, für Deutschland zu spielen. Ich bin überzeugt davon, dass es Aufgabe des Nachwuchsbereiches ist, die fünfte Säule zu bearbeiten.

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