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Querelen im Eisschnelllauf:"Das klingt wie ein Maulkorb"

Claudia Pechstein (r), Matthias Grosse, CALGARY Schaatsen Essent ISU World Cup seizoen 2013 2014

Der Berliner Unternehmer Matthias Große und die nach Medaillen erfolgreichste deutsche Winter-Olympionikin Claudia Pechstein, 48 - hier 2013 in Calgary.

(Foto: Erik Pasman//Pro Shots/imago spo)

Gleich nach seiner Ernennung zum Eisschnelllauf-Präsidenten sorgt Matthias Große, der Lebensgefährte von Claudia Pechstein, für Unruhe. Die Athletensprecher berichten über die Angst vieler Sportler, offen ihre Meinung zu sagen.

Interview von Barbara Klimke

Die Deutsche Eisschnelllauf-Gemeinschaft (DESG) kommt nicht zur Ruhe. Seit November war das Präsidentenamt vakant, im Juni wurde der Berliner Geschäftsmann Matthias Große, 52, kommissarisch eingesetzt - eine Personalie, die auf Kritik der Sportler stieß. Im Interview erläutern die Athletensprecher des Verbands, Moritz Geisreiter und Leon Kaufmann-Ludwig, ihre Sorgen und erklären, welche Erwartungen sie an das Präsidium haben.

SZ: Herr Geisreiter, Herr Kaufmann-Ludwig: Die Deutsche Eisschnelllauf-Gemeinschaft ist einer der kleinsten Sportverbände Deutschlands mit nur rund 2900 Mitgliedern. Sie wirkt aber wie einer der Verbände mit dem größten Zank. Weshalb?

Moritz Geisreiter: Die DESG ist klein, das stimmt. Deshalb hätte sie eigentlich gute Voraussetzungen, sich nach innen zu einigen und nach außen stark aufzutreten. Wir erleben gerade eine unangenehme Phase der Kontroversen. Ich bin aber optimistisch, dass das bald wieder in eine bessere Richtung geht.

Nun hat Ihr Verband seit Juni einen neuen, kommissarisch eingesetzten Präsidenten: Matthias Große, den Lebensgefährten von Claudia Pechstein. In einem offenen Brief hat Große einen "Neuanfang" ausgerufen. Er wirbt für ein "faires, respektvolles Miteinander". Die Belange der Sportler sollten in den Vordergrund rücken. Welche Erwartungen haben Sie?

Geisreiter: Die Erwartungen an Matthias Große hatten wir ja schon früh formuliert: dass er einigend auftritt; dass er überparteilich wirkt; dass er abseits von den Eigeninteressen seiner Partnerin Claudia Pechstein agieren kann.

Leon Kaufmann-Ludwig: Den offenen Brief fand ich teilweise sehr gelungen. Es ist da von Transparenz, Einbeziehung der Sportler, Überwinden von persönlichen Befindlichkeiten die Rede. Der Verband hat einiges aufzuholen. Deshalb hoffen wir, dass es eine Zusammenarbeit gibt, die zu einem konstruktiven Weg findet - auch wenn einige Versprechen offenbar schon wieder über Bord gegangen sind. Ich hatte mir auch deshalb einiges erhofft, weil eines der größten Wahlversprechen die finanzielle Sicherheit des Verbandes war. Das hat Herr Große mit der Vorstellung eines neuen Sponsors schon eingelöst. Aber ich finde es schade, dass der Sponsorenvertrag erst im September starten soll, nicht schon jetzt; und dass er an seine Präsidentschaft geknüpft ist. Das kann als Zeichen missverstanden werden, dass einem die Präsidentschaft wichtiger ist als das Allgemeinwohl.

Im September findet die ordentliche Mitgliederversammlung der DESG statt, auf der der kommissarische Präsident sich dann zur Wahl stellen muss.

Geisreiter: Die Knüpfung des Sponsors an die eigene Person sehe ich auch kritisch. Es ist positiv für den Verband, wenn Geld da ist. Aber die Kollateralschäden, die damit einhergegangen sind, sind erheblich.

Sie spielen auf eine der ersten Amtshandlungen des neuen Präsidiums an: die Entlassung des Eisschnelllauf-Bundestrainers Erik Bouwman, mitten in der Saison. Wurden die Athleten da zurate gezogen?

Geisreiter: Meines Wissens nicht. Wir haben das aus der Presse erfahren.

Kaufmann-Ludwig: Ich denke, das war kein Zufall. Es muss Herrn Große klar gewesen sein, dass es dafür keine Zustimmung der Athleten gab. Es waren ja nur Claudia Pechstein und Matthias Große, die einen öffentlichen Streit mit Bouwman hatten.

Geisreiter: Diese Rückmeldung habe ich auch: Athleten, die mit mir sprechen, sagen, sie sehen keinen anderen Profiteur als Pechstein und Große. Sie würden gerne mit Bouwman weiterarbeiten.

Die Kündigung hatte eine Vorgeschichte: Der Zwist zwischen Pechstein und dem Bundestrainer eskalierte im Winter, als Bouwman sie "boshaft" und "populistisch" und ihr Auftreten zum "Kotzen" nannte. Große argumentiert nun, dies zeige fehlenden Respekt, darunter habe das Ansehen des Verbands gelitten. Er sagte: "Ein Bundestrainer, der die erfolgreichste Winterolympionikin zum Kotzen findet, ist nicht der richtige." Das Verbandswohl gehe da vor. Wie sehen Sie das?

Geisreiter: Sicherlich muss das in Betracht gezogen werden. Mit dieser Wortwahl darf man sich in einem Verband natürlich nicht äußern. Aber das weiß Bouwman selbst. Meines Wissens hat es ja auch eine Aussprache gegeben. Die Sache war eigentlich beigelegt. Aber wenn Matthias Große das zu einem verbandsbelastenden Vorfall erhebt, dann misst er mit zweierlei Maß. Denn die Kündigung eines Bundestrainers mitten in der Saison ist ebenso verbandsschädigend: Sie stellte eine Gruppe von Athleten vor große Ungewissheit, sie stört massiv die sportliche Entwicklung zu dieser Zeit. Ist das nicht verbandsschädigender, als einen persönlichen Konflikt aushalten oder klären zu müssen?

Ist das der Kollateralschaden, von dem Sie sprachen?

Geisreiter: Das ist das eine. Aber ich sehe seit einigen Wochen auch mit Sorge das Entstehen einer gewissen Angst, die eigene Meinung zu sagen. Seit der kommissarischen Präsidentschaft kommen Sportler auf mich zu und sagen - ungefragt - dass sie Bedenken haben, ihre Meinung zu äußern, weil sie nicht wissen, ob sie dann ihren Kaderstatus behalten. Solche Anfragen habe ich schon mehrfach erhalten, ohne dass ich das Gespräch suchte.

Kaufmann-Ludwig: Das kann ich bestätigen. Einige Sportler haben Interviewanfragen abgelehnt, weil sie fürchten, dass das gegen sie verwendet wird. Auch fürchten jetzt einige, dass es zukünftig zur Regel wird, dass solch weitreichende Personalentscheidungen über die Köpfe der Athleten hinweg getroffen werden.

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