Ob die kleine Störung von der Olympiapark München GmbH (OMG) bestellt war, wollte niemand kommentieren. Jedenfalls gab der äußerst feuchte Gruß von oben dem Veranstalter am Freitagabend die Gelegenheit, seine Flexibilität unter Beweis zu stellen und die Skateboard-Qualifikation auf den nächsten Tag zu verschieben. Extremsportler zählen ohnehin zur entspanntesten Spezies im Profisektor. Und als am Samstag das von OMG-Chefin Marion Schöne bestellte Mash-Wetter geliefert wurde – vielleicht ein paar Grad zu gut gemeint –, stand dem Spektakel nichts mehr im Weg. Die Menschen wussten es zu schätzen: Zahllose Sprachen schwirrten durch den Park, was auf viele Touristen schließen ließ, Kinder und Senioren versuchten sich auf Skateboards, coole junge Leute sprühten Graffitis, Familien schoben Buggys von den Skateboardern am oberen zu den Wakeboardern am unteren Olympiasee. Es war einmal mehr dieses diverse, bunte Völkchen, das eine besondere Atmosphäre in den Park zauberte und etwa 81 000 Menschen zum elften Mash lockte. 96 000 Besucher waren es 2024. „In diesem Jahr war es für einen neuen Rekord zu heiß. Aber Mash wird weiterhin hervorragend angenommen, die Mischung macht es einfach“, sagte Organisator Markus Schnetzer. Ein Streifzug durch das Actionsport-Wochenende in München.

Sitzen zwei Wakeboarder in der Wiese
Ist es vorstellbar, dass sich zwei Weltklasse-Athleten am Tag vor ihrem Wettkampf ganz locker an einen See setzen, überlegen, welche halsbrecherischen Tricks sie vollführen wollen, und diese vor dem Wettkampf erst jeder für sich und dann zusammen genau einmal üben? Im Wakeboarden schon, erzählt Nico von Lerchenfeld, wie er sich zusammen mit seinem englischen Partner Liam Peacock auf den erstmals veranstalteten Double-Line-Contest vorbereitet hatte. Dabei bretterten zwei Wakeboarder gleichzeitig von einer Doppelleine gezogen hintereinander oder nebeneinander über den Parcours mit Schanzen und Hindernissen, manchmal nur Zentimeter auseinander. Der beeindruckend synchrone doppelte Rückwärtssalto des Duos war nicht zu toppen, es gewann vor dem einzigen gemischten Duo mit dem Australier Benny Heatley und der Amerikanerin Campbell Scarborough. Dritte wurden der Allgäuer Felix Georgii und Busty Dunn aus Australien. „Es ist paradox, aber der Druck ist raus, weil man im Team fährt“, sagte von Lerchenfeld, was ihm im Einzelwettbewerb anzumerken war.
Dort nämlich verpasste er das Finale, wie im Übrigen auch Lokalmatador Dominik Gührs, der auch im Doppel in der ersten Runde ausschied. Im Einzelwettbewerb war das amerikanische Brüderpaar Trent und Gavin Stuckey aus Orlando wie schon im Vorjahr nicht zu schlagen, nur dass dieses Mal der ältere Trent vor Gavin landete. Dritter wurde der Engländer Joe Battleday.

Alle wollen Tyler
Tyler Edtmayer schrieb sich die Finger wund an der Absperrung unten am Olympiasee. Hunderte wollten am Samstagabend Autogramme vom 24-jährigen Lenggrieser, der in Tokio und in Paris an Olympischen Spielen teilgenommen hat. Und der mit seinen blonden Haaren, dem Sunnyboy-Lächeln, dem schwarzen Basecap und seinem ausnehmend freundlichen Wesen die Subkultur der Skateboarder glänzend repräsentiert. Edtmayer erfüllte alle Wünsche, kritzelte seinen Namen auf Dutzende Skateboards, Käppis, Klatschpappen, T-Shirts, selbst auf weiße DIN-A-4-Blätter, „obwohl ich das gar nicht so sehr mag“, wie er einräumte. Jenen, die nach seinem Wettkampf auf ihn zustürmten und Dinge sagten wie „Du bist so geil, Tyler“, entgegnete er schlicht ein „Dankeschön!“

Extremsport:„Wer bei Mash startet, hat es geschafft“
Am letzten Juni-Wochenende lockt das Actionsport-Festival wieder mit Weltklasse-Athleten in BMX, Wake- und Skateboard sowie szenetypischer Unterhaltung in den Münchner Olympiapark – in diesem Jahr allerdings wegen der parallel stattfindenden X-Games in Salt Lake City mit dezimiertem Teilnehmerfeld.
Edtmayer war als Vierter ins Finale eingezogen, und dort sprang er mit einer sehr reifen Leistung im letzten Durchgang noch auf Platz zwei im Endklassement. Der Brasilianer Luigi Cini, mit dem er sich einen harten Kampf um Silber und Bronze geliefert hatte, wurde Dritter auf dem in den See gebauten Kurs. Wie schon 2023 sicherte sich der Spanier Danny León völlig verdient den Sieg. Beim anschließenden Best-Trick-Wettbewerb überzeugte ein Quartett die Jury am meisten: Cini und der US-Amerikaner Jake Wooten bei den Männern, die Spanierin Naia Laso und die 17 Jahre junge Britin Lola Tambling (im Frauen-Contest am Sonntag setzte sich Laso vor Tambling und der Spanierin Julia Benedetti durch). Edtmayer schaute entspannt zu, nachdem er das letzte Autogramm geschrieben hatte, den Best-Trick-Wettbewerb hatte er ausgelassen. „Irgendwann reicht’s dann auch mal“, sagte er – und lächelte wieder.

Nassgespritzte Weinliebhaberin
Schon am Nachmittag hatten die Wakeboarderinnen in brütender Hitze ihre Siegerin gekürt. Und die Italienerin Claudia Pagnini, die in den Jahren zuvor zweimal Zweite beim Mash geworden war, ließ der Konkurrenz diesmal keine Chance. Mit 89,33 Punkten landete sie auf Platz eins – auch weil sie mit der neu in den See drapierten metallenen Röhre am besten zurechtkam. Nur mit der Drei-Liter-Sektflasche hatte Pagnini bei der Siegerehrung ihre Probleme. „Ich trinke eher Wein“, sagte Pagnini, die 24-Jährige aus Rimini. Also schnappte sie sich den Sekt und spritzte die zweitplatzierte Niederländerin Katinka Buiting und die 17-jährige US-Amerikanerin Campbell Scarborough, die als Jüngste des Feldes Dritte wurde, voll. Danach rutschte das Trio mit voller Absicht die Startrampe hinab ins kühlende Wasser. Hat schon was, Wakeboarderin zu sein beim Mash.

Bruce Lee ist doch zu stoppen
Wer sollte Nick Bruce noch stoppen? Der 33-jährige WM-Dritte von 2019 und 2023 hatte vor Tausenden Zuschauern drei grandiose Läufe hingelegt, zweimal gaben ihm die Wertungsrichter 89,00 Punkte, am Schluss noch einmal 88,33 Zähler. Der US-Amerikaner Bruce, geboren in Youngstown, Ohio, sah wie der sichere Sieger im BMX-Contest auf der Miniramp am oberen Olympiasee aus. Die Moderatoren riefen schon: „Was für ein Lauf, er ist der Bruce Lee des BMX-Sports!“ Doch dann kam sein Landsmann Jacob Thiem – und verwies den Vorjahressieger Bruce mit einem Husarenritt auf seinem Bike auf Platz zwei. Die Wertungsrichter hatten minutenlang gebraucht, bis sie das Ergebnis verkündeten: 89,33 Punkte, ein minimaler Vorsprung. Der kleine Thiem, blauer Helm, lange Haare, sank danach auf der Ramp weinend zu Boden, begrub das Gesicht in seinen Händen – und wurde von den herbeieilenden Kollegen geherzt. Es war vielleicht aus sportlicher Sicht der emotionale Höhepunkt dreier cooler, heißer Tage im Olympiapark.

