Golfprofi Martin Kaymer:Zurück im mystischen Pinienwald

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Vor zehn Jahren dominierte Martin Kaymer die US Open in Pinehurst auf phänomenale Art. Nun kehrt er an den Ort seines Triumphes zurück – unter völlig veränderten Umständen.

Von Felix Haselsteiner

Sein größter Triumph: 2014 reckt Martin Kaymer die Trophäe der US Open in Pinehurst, North Carolina. (Foto: UPI Photo/Imago)

Zurückhaltend erinnert man sich in Pinehurst an den Spieler, der vor zehn Jahren einen Golfplatz eroberte, der nicht dafür gebaut wurde, erobert zu werden. Ein kleines Bild von Martin Kaymer, eingefasst in einem dunklen Holzrahmen, ziert das riesige Klubhaus des Resorts in North Carolina, das aus gutem Grund kein Hort der Erinnerung an Kaymer ist. Die Bühne für die Statue am 18. Grün gehört Payne Stewart, einer tragischen Figur des Sports, der die 1990er-Jahre mit seinem Spiel und seinem Stil prägte, der 1999 in Pinehurst den Titel bei der US Open gewann – und wenige Monate danach bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam.

Insbesondere wegen Stewart und seiner Geschichte wird Pinehurst in den USA eine mystische Bedeutung zugeschrieben. Zahlreiche Bücher wurden über diesen Ort und seinen Paradekurs namens Pinehurst No. 2 geschrieben, der in der Mitte einer eigentlich armen Region liegt, auf unfruchtbarem Sand erbaut ist, nur geprägt wird von luftigem Pinienwald und einer trockenen, unnachgiebigen Hitze.

Unvergesslich: Die Frage „Kann man ein großes Golfturnier vor allem mit dem Putter gewinnen?“, beantwortete Martin Kaymer bei der US Open 2014 mit einem emphatischen Ja. Und behielt Recht. 2024 übt er eifrig. (Foto: Chuck Burton/AP)

Auch der hielt Kaymer damals Stand, vor zehn Jahren, als er im Pinienwald den beeindruckendsten Sieg seiner Karriere errang. An Stewart wird man sich immer der Tragik der Umstände wegen erinnern, an Kaymer allein wegen des Sports: Unglaubliche acht Schläge Vorsprung erspielte sich der Deutsche damals an vier Turniertagen bei der US Open im Juni 2014. Es war ein epochaler Triumph, einer, wie er nur wenigen Spielern in der langen Geschichte dieser Disziplin gelungen ist. Bis heute erhält Kaymer für diese Leistung in den USA einen unheimlichen Respekt, von Mitspielern genauso wie von der breiten Masse an Golfzusehern. Wer in Pinehurst so spielt, hat sich das auf Lebenszeit verdient.

Gleichzeitig aber begegnet einem in der Golfwelt auch immer wieder eine andere Frage zu Kaymer. Sie wurde in der vergangenen Dekade erst leise gestellt, dann zunehmend lauter, schließlich nur noch beiläufig: Was ist diesem epochalen Triumphator, der seine Genialität ganz offensichtlich verloren hat, bloß passiert? Die Statistik ist da unnachgiebig, denn die US Open in Pinehurst im Juni 2014 war nicht nur der größte Sieg in Kaymers Karriere. Sondern bis dato auch der letzte.

Unvergessen ist, wie der Deutsche vor zehn Jahren den brutal schweren Kurs zähmte

Sich dem inzwischen 39-Jährigen zu nähern, ist nicht leicht. Kaymer hat sich bewusst zurückgezogen in den vergangenen zwei Jahren, auch für die SZ war er nicht erreichbar. Zurückzuführen ist das auch auf eine einschneidende Lebensentscheidung: Der Wechsel auf die saudi-arabische LIV-Tour, damals als einer der ersten Spieler und sogar Kapitän eines eigenen Teams, des Cleeks Golfclub, brachte ihm im Sommer 2022 lautstarke Kritik ein. Er wolle mit seinem Wechsel „den Sport verbessern“, sagte Kaymer damals, es war einer der Leitsätze aus dem Exposé der Saudis. Aber eben auch ein Versprechen, von dem heute nicht einmal Unterstützer des Projekts sagen würden, dass davon mehr übrig geblieben ist als eine leere Marketing-Worthülle.

Kaymer hat viel Geld verdient durch seinen Wechsel, es war aus seiner Sicht ein wohl verständlicher Schritt, mit 37 Jahren das im Karriereverlauf gesammelte Renommee zu kapitalisieren und umzutauschen in ein gesichertes Millioneneinkommen. Es war mehr die fadenscheinige und bisweilen naive Begründung, die Beobachter und Beteiligte im Umfeld der Golftouren irritierte. Denn eines war und ist Kaymer immer noch: ein intelligenter, reflektierter, bisweilen philosophischer Erklärer seines Sports.

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Am Dienstagnachmittag kehrte er für eine Viertelstunde wieder einmal in den Mainstream der Golf-Öffentlichkeit zurück, um das zu beweisen. Im Outfit seines LIV-Teams saß Kaymer auf der Pressebühne der US Open, wo er 2024 zum vielleicht letzten Mal an den Start gehen wird. Mit diesem Jahr läuft seine zehnjährige Startberechtigung als Turniersieger aus, ab dem kommenden Jahr muss er den harten Weg der normalen Qualifikation gehen.

In der Weltrangliste liegt Kaymer derzeit auf Platz 1617 – 1616 Plätze hinter seiner einst besten Platzierung

Kaymer sprach auf dem Podium über die Erinnerungen an sein jüngeres, triumphales Ich. Er erzählte, dass er seit 2014 nicht in Pinehurst gewesen sei, dass er sich aber im selben Hotelzimmer wie damals eingemietet hat. „Ich bin da ein wenig abergläubisch“, sagte er: „Es kann ja nicht schaden.“ Er sprach über seine geniale Taktik von damals: die schwierigen, hügeligen Grüns allein mit dem Putter zu bespielen – das wagte außer ihm niemand so konsequent, es war der Schlüssel zum Erfolg. Und er versuchte einmal mehr, Antworten zu geben auf die Frage, was in den vergangenen zehn Jahren alles geschehen ist.

Seinem Golfschwung habe er in den vergangenen Jahren „überhaupt nicht vertraut“, was Kaymer stets als Basis sah für seinen Erfolg: „Wenn man alles kontrollieren kann auf dem Platz, kommt auch das Selbstbewusstsein.“ Das sei ihm abhandengekommen, auch wegen vieler Verletzungen, sagte Kaymer. All die Enttäuschungen und knappen Niederlagen, die schier endlosen zweiten und dritten Plätze erwähnte er nicht, sie sind ohnehin vermerkt in Ergebnislisten und einer schonungslosen Weltrangliste, die Platzierungen bei LIV-Turnieren nicht mitzählt. Auf Platz 1617 steht Kaymer dort aktuell, 1616 Plätze hinter seiner Bestplatzierung aus dem Jahr 2011.

Es sind andere, kleinere Schritte, die Kaymer geht. „Vor drei oder vier Monaten hätte ich Angst gehabt, hier mitzuspielen“, sagte er. Inzwischen fühlt er sich besser, am vergangenen Wochenende gewann er mit den Cleeks die Teamwertung des LIV-Turniers in Texas. Es ist ein kleiner Aufschwung immerhin, auch wenn er individuell seit seinem Wechsel auch auf der Saudi-Tour nicht mit den Besten mithalten kann.

Eine Wiederholung seines Triumphes von 2014? Allein den Gedanken findet er vermessen

Kaymer sprach deshalb gar nicht erst davon, im Juni 2024 seinen Triumph in Pinehurst zu wiederholen, es wäre eine vermessene Selbsteinschätzung. Auch wenn er sich an diesem bedeutenden Ort des Golfsports wohlfühlt, an dem sein Foto an der Wand im Klubhaus hängt und an dem man sich respektvoll an ihn erinnert.

Zum Abschluss der Pressekonferenz zählte ein Journalist eine Reihe von Spielern auf, die wie Kaymer sowohl in Pinehurst als auch bei der ebenso herausfordernden Players Championship in Sawgrass (Florida) gute Ergebnisse hatten. Er nannte unter anderem Tiger Woods, Phil Mickelson, Sergio Garcia und eben Kaymer, den er danach fragte, was all diese Sieger miteinander verbindet: „Sie haben gerade eine Reihe toller Spieler genannt, sie alle verbindet das Selbstvertrauen, dass sie jeden Platz bezwingen können“, sagte Kaymer mit einem Lächeln. Er wirkte geschmeichelt. Und trotz einer Dekade, die sportlich betrachtet mehr von Misserfolg geprägt war als von Siegen, nicht gerade unglücklich.

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