Elfmeterschießen:Bono hält alles, Spanien ist raus

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Elfmeterschießen: Wird von seinem Team nach zwei gehaltenen Elfmetern frenetisch gefeiert: Marokkos Torwart Bono.

Wird von seinem Team nach zwei gehaltenen Elfmetern frenetisch gefeiert: Marokkos Torwart Bono.

(Foto: Robert Michael/dpa)

Die WM erlebt ihren Höhepunkt aus arabischer Sicht: Marokko besiegt den Weltmeister von 2010 und steht im Viertelfinale. Der Favorit trifft im Elfmeterschießen kein einziges Mal - und ein Torhüter mit auffälligem Namen wird zum gefeierten Helden.

Von Sebastian Fischer, al-Rayyan

Spaniens Passspiel, im Ausland gerne Tiki-Taka genannt, ist stilprägend für den Fußball der Moderne, es wird weltweit bewundert und zu kopieren versucht. Am Dienstagabend allerdings, im Education-City-Stadion in al-Rayyan, wurde es von den Rängen mit Schmähungen bedacht, als wäre es etwas Verbotenes.

Bei jedem Ballkontakt der spanischen Nationalmannschaft im vorletzten Achtelfinale der WM, wirklich bei so gut wie jedem einzelnen, pfiffen die marokkanischen Fans auf den Rängen so laut, dass es in den Ohren vibrierte. Sie pfiffen immer lauter, desto länger der Ballbesitz dauerte. Sie sangen natürlich auch, brüllten und klatschten, manchmal sogar mit den wenigen spanischen Anhängern gemeinsam.

Sie pfiffen auch noch bei jedem Versuch der Spanier, als die Entscheidung nach einem umkämpften 0:0 im Elfmeterschießen fallen musste. Sie pfiffen, und der Favorit verschoss alle seine drei Elfmeter. Zweimal hielt der marokkanische Torwart namens Bono. Und als Achraf Hakimi den Ball in die Mitte chippte, zum entscheidenden 3:0, da jubelten sie wie von Sinnen. Die WM hatte ihre erste große Überraschung: Marokko steht im Viertelfinale.

Dass der Dienstagabend ein emotionaler Höhepunkt dieser Weltmeisterschaft sein würde, das konnte man schon lange vor dem Anpfiff nicht mehr übersehen und überhören, wenn man die grüne Metro-Linie in Richtung al-Riffa betrat. Oder besser: zu betreten versuchte. Denn sie war voller marokkanischer Fans, die auf dem Weg zum Stadion sangen, trommelten und tanzten.

Wie hatte es Gianni Infantino gesagt, im höchst kuriosen Film über das Leben des mächtigsten Manns im Fußball, exklusiv für die Fluggäste von Qatar Airways auf dem Weg zur WM? "Für Katar und für den Nahen Osten im Allgemeinen", sei dieses Turnier "eine Möglichkeit, sich der Welt zu präsentieren." So gönnerhaft das klang und so absurd der Rest wirkte, so streifte Infantino doch immerhin die Wahrheit.

Von Anbeginn begriffen jedenfalls nicht nur die Katarer dieses Turnier als ihr Heimspiel, sondern vor allem die übrigen arabischen Staaten: Saudi-Arabien, Tunesien, Marokko. Die Marokkaner überstanden als einzige die Gruppenphase.

Sie waren sogar so gut, dass sie sich damit selbst eher keinen Gefallen taten. Anstelle der Japaner, gegen die sie als Gruppenzweiter im Achtelfinale gespielt hätten, trafen sie eben auf jene Spanier, die hinter Japan gelandet waren.

Vor allem in der Defensive waren die Marokkaner gefordert

Und so sah das Spiel dann aus, wie man es hätte vermuten können: Spanien hatte oft und lange den Ball, Marokko verteidigte im dicht gestaffelten 4-1-4-1, erwartete in der eigenen Hälfte die spanischen Angriffe und versuchte zu kontern. Jeder Ballgewinn, jede kurze Unterbrechung der spanischen Dominanz, bejubelten die marokkanischen Fans wie einen Hoffnungsschimmer auf die Überraschung.

Mitte der ersten Halbzeit führte die spanische Überlegenheit zu den ersten Torchancen. Nach Pass von Jordi Alba kreuzte Marco Asensio die Wege der marokkanischen Verteidiger und hatte von halblinks im Strafraum die Gelegenheit zur Führung, er traf das Außennetz. Trainer Luis Enrique hatte seine Stammformation aufgestellt, die allerdings auf der rechten Abwehrseite bei diesem Turnier noch nicht feststand. Nach Cesar Azpilicueta und Dani Carvajal spielte dort diesmal Marcos Llorente. Er hatte seine Schwierigkeiten: Der marokkanische Linksaußen Sofiane Boufal ließ ihn schwerfällig aussehen.

Boufal, 29, geboren in Paris und beim kleinen SCO Angers unter Vertrag, war bis zu seiner Auswechslung nach einer Stunde Marokkos auffälligster Spieler. Nicht Hakim Ziyech auf der rechten Seite, Marokkos berühmtester Fußballer, sondern Boufal dribbelte immer wieder an seinen Gegnern vorbei, er bereitete auch Marokkos erste gute Chance vor: Kurz vor der Pause schlug er einen brillanten Haken im Strafraum, flankte und fand Nayef Aguerd. Der Kopfball des nach einem Freistoß aufgerückten Verteidigers flog übers Tor.

Mehr als in der Offensive waren die Marokkaner natürlich in der Defensive gefordert. Angriffswelle um Angriffswelle verteidigten sie, ließen im Strafraum lange wenig Chancen zu. Kam ein Spanier durch die Mitte an der ersten Verteidigungslinie vorbei, sah er sich dem Sechser Sofyan Amrabat gegenüber, der vor der Viererkette aufräumte.

Pablo Sarabia war Spaniens tragische Figur dieses Abends

Wie kraftraubend das Spiel für die Marokkaner war, konnte man auch daran sehen, dass Trainer Walid Regragui in der regulären Spielzeit sein gesamtes Wechselkontingent ausschöpfte, unter anderem ging auch Noussair Mazraoui vom Platz, der Außenverteidiger vom FC Bayern. Als fünften Spieler musste Regragui in der 84. Minute den starken Innenverteidiger Aguerd wegen einer Verletzung auswechseln.

Nun ergaben sich doch Lücken, der für Spanien eingewechselte Nico Williams hatte im Strafraum etwas Platz, doch sein Schuss kam nicht bis zu Torwart Yassine Bounou durch. Der von Dani Olmo in der fünften Minute der Nachspielzeit schon - Bounou, genannt Bono, hielt.

In der Verlängerung sahen sich die Marokkaner dann immer weiter in die Defensive gedrängt, aber sie konterten auch. Der eingewechselte Stürmer Walid Cheddira hatte die große Chance zum 1:0, scheiterte aber allein vor Torwart Unai Simon. Die letzte Gelegenheit vergaben wieder die Spanier: In den letzten Sekunden der Verlängerung, nach einer schier ewigen Passfolge, traf der eingewechselte Pablo Sarabia aus spitzem Winkel noch mal den linken Außenpfosten.

Wenige Minuten später im Elfmeterschießen traf er als erster Schütze den rechten - und war damit Spaniens tragische Figur dieses Abends. Und Torwart Bono, der zuvor noch ein bisschen Glück hatte, wurde von seinen Kollegen in Dohas Nachthimmel geworfen.

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