Es gab schon länger Gerüchte um die Zukunft von Marko Pesic, zuletzt wurde geraunt, dass es den Geschäftsführer des FC Bayern Basketball in den Orient zieht. Genauer nach Dubai, wo sich ein mit viel Geld geborenes Retortenteam aufmacht, den europäischen Basketball aufzumischen. Es war also klar, dass es strategisch Bedeutendes zu verkünden gab, als die Vereinsspitze zu einer Pressekonferenz lud. Auch die Anwesenheit von Präsident Herbert Hainer war ein Indiz, der trotz eines gebrochenen Wadenbeins mit Krücken auf die Empore humpelte, um den Abschied seines wichtigsten Mitarbeiters in der Basketballsparte zu verkünden: „Marko ist auf mich zugekommen und hat mir erklärt, dass er nach 15 intensiven Jahren mehr Zeit für die Familie und sich haben will.“ Und nach ebenso intensiven Gesprächen habe Hainer dieses Begehren verstanden und akzeptiert: „Marko Pesic wird als Geschäftsführer der Basketballer aufhören.“
Aber nicht sofort und nicht so ganz, das schob der FCB-Präsident schnell nach. Pesic werde bis zum Ende des Kalenderjahres seine beiden Nachfolger einarbeiten und danach dem Verein in beratender Funktion weiterhin zur Verfügung stehen. Sein Erbe wird auf vier Schultern verteilt, Sportdirektor Dragan Tarlac, 51, wird den sportlichen Teil übernehmen, Adrian Sarmiento, 38, den kaufmännischen. Hainer habe sich in Absprache mit Pesic auf eine interne Lösung verständigt. Tarlac stieß vor einem Jahr zum FCB und hat als ehemaliger Europameister, NBA-Spieler und zuletzt Manager der serbischen Nationalmannschaft viel Expertise mitgebracht. Sarmiento wurde im Klub groß, war Spieler, Trainer und hat unter der Führung von Pesic den Aufstieg der Basketballer mitgestaltet, war zuletzt Chefstratege in der Unternehmensentwicklung.

Ein Wechsel in den Nahen Osten, erklärte Pesic, entstamme Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht: „Warum sollte ich für einen anderen Verein arbeiten, wenn ich beim FC Bayern bin? Ich habe diesem Verein viel zu verdanken, bin hier als Funktionär und Person gewachsen.“ Er hätte von Hainer für seinen im Sommer auslaufenden Vertrag ein weiterführendes und finanziell lukratives Arbeitspapier bekommen, aber nach „den Herausforderungen der vergangenen 15 Jahre fehlt mir die Kraft, um den Job hundertprozentig weiterzumachen, physisch und mental“. Und das sei sein Anspruch: „Diese Aufgabe bedeutet sieben Tage 24 Stunden da zu sein und darüber nachzudenken, wie wir den FC Bayern weiterentwickeln können. Ich habe Herrn Hainer aber mein Wort gegeben, immer da zu sein, wenn meine Hilfe gefragt ist, nur nicht mehr in dieser Funktion. Und auf mein Wort kann er sich verlassen.“
Bis Jahresende gebe es noch vieles zu erledigen, die neue Kaderplanung stehe an, und schließlich gelte es noch den deutschen Meistertitel zu holen. Denn das Verpassen der Euroleague-Playoffs gefällt Hainer nicht, nachdem „wir schon den Pokal versemmelt haben“, wie er es formulierte. Bis Saisonende soll Pesic also noch an vorderster Stelle gestalten, über dessen Status Hainer höchstes Lob findet: „Marko Pesic ist der FC Bayern Basketball, er ist der Architekt und hat einen der heute am besten organisierten Vereine in Europa aufgebaut.“ Und die Entwicklung sei längst nicht am Ende, man werde die Ziele keinesfalls verkleinern: „Wir wollen in Deutschland Spitze sein und europäisch in die absolute Spitze kommen.“
Als Pesic 2011 von Uli Hoeneß als Sportdirektor für die Basketballer geholt wurde, war er als Funktionär ein Nobody
Um die Personalie Pesic zu verstehen, lohnt ein Blick auf ihre Wurzeln. 2011 hatte der FC Bayern beschlossen, neben der Fußballabteilung eine zweite Profisparte zu installieren. Per Mitgliederbefragung und nach jahrelanger Überzeugungsarbeit des damaligen Vizepräsidenten Bernd Rauch bekamen die Basketballer, die seinerzeit in der 2. Bundesliga vor sich hin dümpelten, grünes Licht. „Wenn wir das machen, dann richtig“, sagte Uli Hoeneß und ließ keinen Zweifel daran, dass er es ernst meint mit den Münchner Basketballern. Und Basketballfreund Hoeneß zeigte schnell, wie sehr ihm das Projekt am Herzen liegt: Für den Aufstieg wurden in Steffen Hamann und Demond Greene zwei Nationalspieler nebst Bundestrainer Dirk Bauermann geholt. Mit bekanntem Ergebnis, der FC Bayern München ist in der Basketball-Bundesliga (BBL) das Maß der Dinge und hat international den Anschluss an die Spitze geschafft.
Als Sportdirektor wurde allerdings ein Novize installiert, der (noch) nicht zu den Besten zählte: Marko Pesic. Der ehemalige Nationalspieler hatte sich einen Namen als Aktiver gemacht, mit dem Gewinn von EM-Silber und WM-Bronze, danach erste Berufserfahrungen als Mitinhaber einer Spieleragentur gesammelt. Als Sportdirektor war er unbeleckt – und verantwortete fortan die prosperierende Profiabteilung eines der weltbekanntesten Sportvereine. „Ich habe auch Glück gehabt, als damals 34-jähriger Nobody so eine Chance zu bekommen.“ Und Hoeneß hatte einmal mehr ein gutes Händchen bewiesen, denn der Nobody akklimatisierte sich schnell in der Funktionärswelt – und entwickelte in Rekordgeschwindigkeit das sogenannte Bayern-Gen. Pesic agierte ganz nach dem Hoeneß’schen Motto „smart, aber wenn es sein muss, hart“. Wenn nötig, stellte er sich wie sein Lehrmeister rauflustig vor Klub und Mannschaft.

Pesic reifte in diesen 15 intensiven Jahren zu einem der erfolgreichsten Basketballmanager, der bestens vernetzt seine Abteilung stetig nach oben führte und die Basketballer zu einer der bekanntesten Marke weltweit entwickelte. Wobei auch Vater Svetislav half, Trainerlegende und 1993 EM-Sieger mit Deutschland, der unter seinem Sohn den ersten BBL-Titel nach München holte. Und all das gelang Pesic ohne jede Querfinanzierung durch die Fußballer – eine Grundvoraussetzung des Basketballprojekts.
Als Höhepunkte seines Wirkens sieht Pesic natürlich die jeweils vier deutschen Meistertitel und Pokalsiege, denn „das sind messbare Größen“, die auch öffentlich bedeutsam sind. Besonders prägend für seinen sportlichen wie persönlichen Werdegang seien aber zwei besonders große Herausforderungen gewesen, wie er resümierte: „Als Uli Hoeneß nicht zur Verfügung stand; und die Pandemie.“ Denn sowohl nach der abgesessenen Haftstrafe des großen Projekt-Mentors wie auch dem weitgehend lahmgelegten Spielbetrieb „haben wir einen Weg gefunden, stärker daraus hervorzugehen“.
All das habe ihn an den Rand seiner Substanz geführt, und zu einer simplen Idee. Was er denn nach dem 31. Dezember vorhabe, wurde Pesic gefragt: „Nichts, einfach nichts.“

