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Mark Williams:Der halbnackte Snooker-Weltmeister

Snooker-WM in Großbritannien

Wettschuld eingelöst: Mark Williams nach dem Gewinn seines dritten WM-Titels.

(Foto: dpa)
  • Nach 15 Jahren Pause gewinnt Mark Williams, der Snooker-Weltmeister von 2000 und 2003, ein drittes Mal den WM-Titel.
  • Im Finale siegt er 18:16 über John Higgins, der Höhepunkt eines unerwartet starken Turniers.
  • Nach seinem Triumph muss Williams eine Wettschuld einlösen.

Von Carsten Scheele

In keinem anderen Sport sind die Sportler so piekfein gekleidet wie im Snooker, doch nun schritt der Weltmeister halbnackt zur Pressekonferenz. Mark Williams hatte bloß ein Badetuch um seine Hüften geschlungen, zeigte seine behaarte Brust und seine mächtigen Tattoos, als er nach seinem 18:16-Finalsieg über John Higgins vor die Journalisten trat. Der Waliser hatte eine Wette einzulösen: Er werde seine Interviews nackig geben, wenn er den Titel holt, hatte Williams vor der WM in Sheffield versprochen. Lustig, dachten alle, denn Williams, 43, letztmals Weltmeister vor exakt 15 Jahren, konnte eine solche Aussage, wenn die Dinge normal laufen, ziemlich gefahrlos treffen.

Doch die Dinge liefen nicht normal in den vergangenen zwei Wochen in Sheffield, überhaupt nicht. Die größten Favoriten schieden früh aus, unter anderen Ronnie O'Sullivan un Runde zwei. Und so stand Williams am späten Montagabend mit feucht glänzenden Augen vor dem silbrigen Siegerpokal. Links neben ihm seine Frau Joanne, die ihn zum Weitermachen überredet hatte, vor ihm seine drei Söhne Connor, Kian und Joel. Bei seinem letzten WM-Sieg 2003 waren die drei noch nicht einmal geboren. "Das ist eine unglaubliche Geschichte", raunte Williams in seinem starken walisischen Akzent, "aber sie ist wahr."

Als Jugendlicher war Williams noch Amateurboxer

Williams ist ein Original dieser Sportart. Er stammt aus Cwm (kein Tippfehler!), das zu Ebbw Vale gehört, einer früheren Kohlestadt in Südwales. Als Jugendlicher hatte er als Amateurboxer versucht, sein Geld zu verdienen, bis er zu kräftig eins auf die Rübe bekam. Über einige Umwege landete er beim Snooker. 1992 wurde Williams Profi und sollte etwa zehn Jahre später zum besten Spieler der Welt aufsteigen. Anfang der 2000er Jahre war der Linkshänder kaum zu besiegen, sein Spitzname "The Welsh Potting Machine" stammt aus dieser Zeit.

2000 und 2003 wurde er überlegen Weltmeister. Doch danach ging es bergab. Nur noch selten konnte Williams sein begnadetes Lochspiel über längere Distanzen beweisen. Es gab Tage, da beging er einfache Fehler wie ein Amateur. Williams deutete an, nur noch Snooker zu spielen, weil es sein Job sei und er Geld für seine Familie benötige. Die Passion war ihm verloren gegangen. Bei der WM 2017 war er sogar in der Qualifikation gescheitert - Williams verfolgte die Spiele auf dem Fernseher seines Wohnwagens. Das Karriereende schien nah.

Doch nun diese Wiederauferstehung im Crucible, der legendären Snookerhalle im Zentrum von Sheffield. Im Viertelfinale hatte er Ali Carter mit 13:8 rausgeworfen, im Halbfinale dann, in einem wirklich großen Match, siegte er 17:15 gegen Barry Hawkins. Das wurde nur noch vom Finale getoppt, im Duell der Altmeister gegen John Higgins. Williams war früh enteilt, doch Higgins kam zurück. Als der Schotte nach 10:15-Rückstand zum 15:15 ausglich, schien die Partie pro Higgins zu kippen. Doch Williams trat an den Tisch und zauberte, als kenne er das Wörtchen Druck gar nicht. "Er hatte das Match im Griff, er war so ruhig", lobte ihn Rekordweltmeister Stephen Hendry in der BBC. Großen Anteil daran hat auch sein neuer Trainer Steve Feeney, der Williams gezeigt hat, dass Snooker wieder Spaß machen kann. Als ihn während des Finals der Hunger überkam, fragte Williams kurzerhand einen Zuschauer, der neben ihm saß, ob er etwas von seinem Knabberzeug abhaben dürfe - er durfte.

Williams spielt den Stoß des Turniers

Vor allem spielte der Waliser in Sheffield aber gnadenlos gute Bälle. Er wagte furiose Kombinationen, lochte die extremsten Kugeln, auch im Finale gegen Higgins, kurz vor Schluss, in höchster Bedrängnis, als er eine rote Kugel aus dem Pulk aus ganz schwierigem Winkel in die Mitteltasche plumpsen ließ. Zu WM-Beginn war ihm bereits der Stoß des Turniers gelungen, als er mit dem weißen Spielball über Bande und den ganzen Tisch die grüne Kugel lochte - mit der Besonderheit, dass Williams dies "blind" tat, weil er im entscheidenden Moment Grün anvisierte, nicht Weiß. "Ich dachte, meine Zeit wäre vorbei", sagte Williams, "jetzt spiele ich hier das beste Zeug seit Jahren".

Mit 43 Jahren ist Williams nun der älteste Weltmeister seit Ray Reardon im Jahr 1978, der war damals knapp 46 Jahre alt. Und wollte sich im Moment des Triumphs auch gar nicht auf eine Diskussion einlassen, ob er nun schummelte, weil er sich mit einem Badetuch in die Pressekonferenz gesetzt hatte. Auf Nachfrage zog Williams das Tuch weg, hielt sich mit einer Hand die Augen zu und sagte: "Wenn ich nächstes Jahr gewinne, mache ich es wieder."

© SZ.de/jbe/mane

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