Maria im Halbfinale von Wimbledon:"Es ist ein Traum, das zu leben"

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Maria im Halbfinale von Wimbledon: Lange Umarmung: Die 34-jährige Tatjana Maria und die 22-jährige Jule Niemeier zeigen nach der Partie ihren gegenseitigen Respekt.

Lange Umarmung: Die 34-jährige Tatjana Maria und die 22-jährige Jule Niemeier zeigen nach der Partie ihren gegenseitigen Respekt.

(Foto: Ryan Pierse/Getty Images)

Das deutsche Duell in Wimbledon zwischen Tatjana Maria und Jule Niemeier endet mit dem nächsten Triumph für die 34-jährige Mutter - weil sie gerade noch rechtzeitig ihre Spezialität zur Geltung bringt.

Von Gerald Kleffmann, Wimbledon

Entspannt bog Tatjana Maria um die Ecke im Aorangi Park, neben ihr Gatte Charles Edouard, 48. Auch er sah so gelöst aus, als würde an diesem Dienstagmittag nichts Wichtiges anstehen. Die zwei gingen auf Court 2, ein paar Stufen runter und nach links. Nebenan auf Court 1 war ein bekanntes Gesicht zu erkennen. Andy Murray hängt auch noch im All England Club rum: Der Schotte ist in Wimbledon ja in Runde zwei ausgeschieden, nächste Woche wird er in den USA noch ein Rasenturnier spielen. Interessanterweise schob er einem älteren Herrn, eindeutig auf Anfängerniveau, Bälle zu.

Nach 30 Minuten packten die Marias ihre Taschen, und als der deutsche Sky-Reporter sie ansprach, ob ein Interview ginge, sagte Tatjana Maria fröhlich: "Wenn ihr wollt?" So erfuhr man, wie sie sich fühlte, vor dem größten Match ihrer Karriere, das für 13 Uhr auf Court No. 1 terminiert war. "Ich bin relaxed. Ich habe meine zwei Kinder, das tut mir auch gut, diese Ablenkung." Die talentierte Charlotte, 8, habe wieder in der Halle trainiert, Cecilia, 15 Monate, war auch dabei. "Die Tage laufen gleich weiter", sagte Maria, dann zog sie lächelnd davon.

Ihre Gegnerin war derweil auf der anderen Seite der Anlage, Jule Niemeier spielte sich wie zuletzt auf dem "Indoor-Court 2" ein - obwohl dort ein anderer Belag ausgelegt ist. "Am Donnerstag vor der zweiten Runde hatte es morgens geregnet", erklärte ihr Trainer Christopher Kas später, er stand im Spielerrestaurant, "wir wollten nicht aufs Einspielen verzichten und gingen in die Halle. Es hat sich gut angefühlt. Kein Ball verspringt auf Hartplatz, man hat einen guten Stand. Man spürt den Ball." In der Hand hielt Kas ein Tablett. Er schaute sich um, grinste. "Es ist schön, wenn man sich im Restaurant den Tisch aussuchen kann. Vor einer Woche musste man im Stehen essen." In einem Viertelfinale ist eben nur Platz für acht. Die meisten Profis haben Wimbledon längst verlassen.

Nicht aber Niemeier und Maria, die beiden großen deutschen Überraschungen, die nach vier tollen Auftritten im Hauptfeld schon jetzt ihre größten Erfolge erzielten. Niemeier, die 22-Jährige aus Dortmund, die gar noch drei Matches in der Qualifikation bestritten hatte, hatte bis vor einer Woche noch nie ein Grand-Slam-Match gewonnen. Und Maria, die 34-Jährige aus Bad Saulgau, stand vor diesem Wimbledon-Turnier noch nicht einmal in einem Grand-Slam-Achtelfinale.

Als beide am Dienstag nun Court No. 1 betraten und Applaus ertönte, ging es auch fürs deutsche Tennis um eine wesentliche Frage: Welche Deutsche würde die Chance erhalten, am Donnerstag um den Finaleinzug zu kämpfen? Diese Ehre hatten letztmals 2018 Julia Görges und Angelique Kerber, die damals den Titel errang.

Im Halbfinale könnte Maria auf Ons Jabeur treffen, die eng mit den Marias befreundet ist

Es war 15.26 Uhr, als beide ihre Schläger fallen ließen. Niemeier stand vor dem Netz. Der Ball lag auf ihrer Seite. Ihr letzter Volley war hängengeblieben. Maria schaute hoch zu Charles Edouard. Ungläubig schlug sie die Hände übers Gesicht. Nach 2:17 Stunden Spielzeit hatte sie sich durchgesetzt, 4:6, 6:2, 7:5. Maria und Niemeier umarmten einander lange. "Ich habe überall Gänsehaut", sagte sie beim kurzen Interview auf dem Platz, "es war so ein hartes Match mit Jule. Deutschland kann wirklich stolz sein." Applaus brandete auf. "Ich habe so eine tolle Unterstützung in der Box", erzählte sie weiter, "ich hab es so sehr genossen, hier zu spielen, es ist so eine Freude." Sie guckte immer wieder ungläubig. "Es ist ein Traum. Es ist ein Traum, das zu leben."

Als sie dann daran erinnerte, dass sie erst "vor etwas mehr als einem Jahr" eine Geburt hinter sich gebracht hatte, jubelten die Zuschauer begeistert auf. Natürlich wurde sie gefragt, ob sie nun gerne gegen die Tunesierin Ons Jabeur antreten würde, die eng mit den Marias und den Kindern befreundet ist - natürlich würde sie gerne, sagte sie da, "aber ich bin jetzt nur froh, dass ich im Semifinale bin". Sie strahlte. Jabeur besiegte am Abend tatsächlich die Tschechin Marie Bouzkova 3:6, 6:1, 6:1 und sagte danach in Vorfreude auf das Duell mit Maria: ""Ich liebe Tatjana so sehr, ihre Familie ist großartig. Sie ist meine Barbecue-Freundin."

Maria war nicht ganz so entspannt in die Partie gestartet, wie sie sich vorher präsentiert hatte; nach drei leichten Fehlern verlor sie ihr Aufschlagspiel. Der Slice, ihr Paradeschlag, saß noch nicht. Und wenn sie die Bälle stark unterschnitt, machte Niemeier nicht mit. Die Weltranglistenfünfte Maria Sakkari und die Weltranglisten-17. Jelena Ostapenko hatten ja immer wieder überhastet auf diese unangenehm zu konternde Variante reagiert und Fehler an Fehler gereiht. Nach 25 Minuten rief ein Mädchen: "Allez, Tatjana!" Marias Mann ist Franzose, sie sprechen in der Familie auch Französisch. Aber Niemeier blieb relativ sicher bei ihren offensiveren Bemühungen, Marias Slices erwiderte sie mit Slice - eine vorerst effektive Taktik, die ihr, auch dank Netzattacken, den ersten Satz einbrachte. 6:4 nach 43 Minuten.

Erst im dritten Satz gelingt Niemeier das erste Ass

Der zweite Durchgang startete wie der erste, Break zum 1:0 für Niemeier. Das Niveau blieb durchwachsen, beide wirkten weiterhin nervös. Es ging um viel, auch monetär, die Gewinnerin würde statt 360 000 Euro fürs Viertelfinale dann 620 000 Euro verdienen. Niemeier kassierte das Re-Break, acht Doppelfehler zu dem Zeitpunkt setzten ihr erheblich zu. So fand Maria zurück ins Match, sie nutzte die wacklige Phase ihrer Gegnerin. Wie klebrige Spinnenfäden entsandte sie ihre Slice-Bälle, die Maria-Falle schnappte zu. Immer tiefer zog sie Niemeier in ihr Spiel hinein, das Break zum 3:1, zum 6:2 - der dritte Satz musste die deutsche Premieren-Halbfinalistin ermitteln.

Beide hoben nun ihr Niveau, Niemeier glückte tatsächlich ihr erstes Ass. Ihr Aufschlag hatte sie im zweiten Satz komplett im Stich gelassen. Sie stabilisierte sich etwas und nahm Maria prompt das Aufschlagspiel zum 3:2 ab. Und brach dann wieder ein.

Mit ihrem 48. Fehler gab sie ihr Aufschlagspiel zum 4:4 ab. Bei 5:4 und 40:15 war Maria nur zwei Punkte vom Sieg entfernt. Niemeier wehrte sich noch mal, 5:5, sie forderte das Publikum zum Applaus auf. Nach einem spektakulären Hase-und-Igel-Ballwechsel johlte die Menge. Dann vergab Niemeier einen Breakball, 6:5 Maria. Und die Frau mit den Spinnenfäden schlug zu. Sie nutzte den ersten Matchball. Kurz darauf nahm Tatjana Maria, die mit Abstand beste Tennismutter dieses Wimbledon-Turniers, ihre Gegnerin in den Arm.

Es dauerte, bis Maria zur Pressekonferenz erschien, alle mussten die Geschehnisse sacken lassen. Kas, Niemeiers Trainer, hielt sich erst mal auf der Spielerterrasse auf, Jabeur kam zu ihm und tröstete ihn. So ist diese Jabeur. Als Maria auftauchte, verriet sie: Sie musste sich in der Umkleide "beruhigen und alles realisieren, es ist kaum zu glauben". Sie sei anfangs nervös gewesen, aber sie ließ sich nicht von dem verlorenem ersten Satz oder dem 2:4-Rückstand im dritten Satz verrückt machen. "Weiter, immer weiter", so denke sie in solchen Momenten. "Es sieht von außen einfacher aus, gegen sie zu spielen, als es ist, weil sie anders spielt als viele Spielerinnen auf der Tour", schilderte die enttäuschte Niemeier später. "Ich bin ziemlich sicher, dass das viele Leute unterschätzen, was sie da eigentlich auf dem Platz leistet." Sie ziehe "den Hut davor, dass sie jetzt im Halbfinale steht, mit zwei Kindern, und extrem gut gespielt hat am Ende". Große, faire Worte waren das von der jungen Verliererin, die mit Zuversicht Wimbledon verlässt: "Ich bin sehr optimistisch, dass das nicht mein letztes Viertelfinale war bei einem Grand Slam."

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