Vor ein paar Tagen postete Léon Marchand ein Bild von sich und zwei anderen französischen Sportlern auf seinem Instagram-Kanal, als Teil einer Werbekampagne für einen großen Sportartikelhersteller. Daneben schrieb er: „Das ist keine bloße Erklärung. Es ist ein Versprechen. Wir sind stolz darauf, dass wir drei uns gefunden haben und dasselbe Ziel verfolgen: das nächste Kapitel der Sportgeschichte zu schreiben. Bei uns in Frankreich und überall auf der Welt. Und glauben Sie uns: Das ist erst der Anfang.“
Die anderen beiden Sportler: Kylian Mbappé, Stürmer von Real Madrid, und Victor Wembanyama, NBA-Basketballer der San Antonio Spurs. Viel größer geht es nicht in Frankreich, wenn man dort nach den populärsten Athleten sucht. Und Marchand? Ist mittendrin.
Dies also ist inzwischen die Fallhöhe, wenn man den Schwimmer und das Gesellschaftsphänomen Marchand zu fassen versucht. Diesen 23-Jährigen, der als Jugendlicher eher zu schmächtig und zu still war, um wirklich aufzufallen, als er in Toulouse in der traditionsreichen Schwimmschule bei den Dauphins du TOEC seine Bahnen zog. Aber Talent, das schlummerte schon da in ihm: Seine Mutter und sein Vater waren Olympiateilnehmer, der Papa gar WM-Zweiter über 200 Meter Lagen.
Sein Sohn Léon schwamm dann bei den Olympischen Spielen 2024 im vergangenen Jahr viermal zu Gold, die Franzosen vergötterten ihn, zusammen mit Judoka Teddy Riner war er der Held der Nation in Paris. Und wer dieses „Allez les Bleus! Léon Marchand, Léon Marchand!“ aus 17 000 Kehlen in der Défene-Arena noch in den Ohren hat, den ohrenbetäubenden Lärm bei jedem weiteren Gold, die Schreie bei jedem neuen Eintauchen im Brustrennen, der weiß, was Marchand damals auslöste beim Publikum. Sie haben ihn alle umarmt und ins Herz geschlossen – selbst Präsident Macron.
Am Mittwoch ist diesem inzwischen muskulösen, durchaus schlagfertigen und gar nicht mehr so schüchtern wirkenden jungen Mann ein Fabelweltrekord bei den Weltmeisterschaften in Singapur gelungen. Er unterbot die 14 Jahre alte Bestmarke des US-Amerikaners Ryan Lochte über 200 Meter Lagen nicht nur um ein paar Hundertstel. Er war in 1:52,69 Minuten exakt 1,31 Sekunden schneller als Lochte im Jahr 2011.
Die Lagen – Schmetterling, Rücken, Brust, schließlich Kraul – sind der Zehnkampf des Schwimmens. Wer sie alle beherrscht und Weltmeister oder Olympiasieger wird, darf sich Königin oder König des Schwimmens nennen. Marchand nahm Lochte vor allem auf der ersten und auf der dritten Bahn jeweils fast eine Sekunde ab. Was dabei frappierend auffiel, wie eine Grafik von L’Equipe zeigt: Die Tauchphase von Marchand nach dem Start war 14,76 Meter lang, jene von Lochte nur 13,31 Meter. Auch bei der zweiten und dritten Wende tauchte Marchand wesentlich weiter als Lochte. Vor der letzten Bahn: 13,28 Meter im Vergleich zu 9,24 Meter. Ganze vier Meter mehr! Die Unterwasserphase ist also Marchands Schlüssel zum neuen Weltrekord gewesen. „Eine Zeit von 1:52 über 200 Meter – das ist Wahnsinn“, sagte er selbst ein wenig fassungslos nach dem Rennen: „Ich bin so glücklich. Es ist einfach unglaublich.“ Dabei war dies erst das WM-Halbfinale.
Im Finale ist er fast eine Sekunde langsamer, aber es reicht auch so zum überlegenen Sieg
Das Finale am Donnerstagabend gewann Marchand ebenfalls überlegen, auch wenn er fast eine Sekunde langsamer war als am Vortag. Danach erklärte er mit hochrotem Kopf: „Ich habe schlecht geschlafen, bin schwer in die Gänge gekommen.“ Die Marseillaise sang er später bei der Siegerehrung trotzdem voller Inbrunst mit, die Röte war weg. Aber er wirkte nicht mehr ganz so überirdisch.
Marchand schwimmt in Singapur im Einzel nur die beiden Lagenstrecken, auf den 400 Metern ist er am Wochenende gefordert. Zum WM-Auftakte sagte der junge Franzose im viel zu engen, übervollen Pressekonferenzraum der Arena: „Es ist ein Übergangsjahr für mich. Die Olympischen Spiele waren ein großes Ziel für mich, für alle französischen Sportler. Aber es gab Licht und Schatten danach. Mein Leben in Frankreich hat sich sehr verändert.“
Was er meint: Spätestens nach dem Olympia-Hype kann er sich in seiner Heimat nicht mehr frei bewegen. Es ist ein Leben als A-Promi, als öffentliche Person – und das als Schwimmer, wohlgemerkt. Und bald wurde es zu viel für ihn. „Es gab vieles, mit dem ich neu umgehen musste. Ich kann nicht mehr einfach so wohin gehen oder mir beim Bäcker ein Brot kaufen. Ich habe das auch genossen, habe mich daran gewöhnt. Aber es ist sehr viel friedlicher, außerhalb von Frankreich zu sein und dort in Ruhe zu trainieren“, sagte Marchand.
Nach den Sommerspielen blieb er noch bis Dezember in Toulouse, seiner Heimat, dann reiste er drei Monate lang durch Australien. Danach ging er in die USA, nach Texas, zum Schwimmteam der Longhorns, die inzwischen von einem gewissen Bob Bowman trainiert werden. „Ich kann jetzt in Ruhe ins Kino oder ins Restaurant gehen, ohne dass es Probleme gibt“, erzählte Marchand kürzlich im Interview mit L’Equipe. Er kannte sich ohnehin aus in den USA, denn er war bereits im Sommer 2021 zum Team der Arizona State Sun Devils gezogen. Der Trainer dort: Bob Bowman.
„Bob hat einen großen Einfluss auf mich. Er brachte uns dazu, doppelt und dreifach zu trainieren.“
Der 60-Jährige ist eine Ikone, sein Ruf bei der Betreuung von Spitzenschwimmern legendär. Was er anfasst, wird fast automatisch zu Gold. Er war auch langjähriger Coach von Michael Phelps, dem mit 23 Olympiasiegen und 26 WM-Titeln mit Abstand erfolgreichsten Sportler weltweit. Auch Marchand wurde unter Bowman, dem strengen Schleifer, besser und besser, verfeinerte seinen Stil, seine Technik, die Kondition und Kraft. Und er wurde dort immer schneller, was er in Singapur so erklärt: „Bob hat einen großen Einfluss auf mich und auf uns alle in den letzten drei, vier Jahren. Er brachte uns dazu, doppelt und dreifach zu trainieren. Er ist ein sehr friedlicher Mensch, zeigt uns, ruhig zu bleiben in jeder Situation. Und er hat Erfahrung auf der größten Bühne.“
Bowman ist im Gegensatz zu Heimtrainer Nicolas Castel aus Toulouse gar nicht in Singapur, er macht Urlaub. Die große Bühne braucht er schon lange nicht mehr. Aber er kennt sie. Und er hat ein Auge auf Leon Marchand, seinen Musterschüler.


